Der Weltklasse-Ausflügler

Warum war Neuer nicht "Man of the Match"?

Porto Alegre - Gewagte Vorstöße ins Mittelfeld gehören zum Spiel des Manuel Neuer. Die Mannschaft vertraut ihm. Viele fragen sich: Warum war er nicht "Man of the Match"?

Manuel Neuer, der Verlierer. Nur der zweitbeste Torhüter beim Achtelfinalspiel Deutschland – Algerien. Die Schwarmintelligenz des Internets nämlich befand: Mann des Spiels, „Man of the Match“ also und Gewinner der vom offiziellen FIFA-Bierbrauer gestifteten Trophäe, war Rais Mbolhi, der Algerier.

Deutsche Reaktion zwischen Schmunzeln und Stirnrunzeln. „Der gegnerische Torwart hat schon gut gehalten, das muss man fairerweise sagen. Ist ja auch nicht so, dass solche Nationen keine guten Torhüter haben“, kommentierte DFB-Torwarttrainer Andy Köpke. Und befand: „Wenn wir weiterkommen, darf der Algerier auch Man of the Match sein.“ Im Viertelfinale sind ja die Deutschen, als 2:1-Sieger. „Nicht ohne Gegentor, doch da wollen wir mal beide Augen zudrücken“, sagte Köpke. Schon klar, wer der wahre Mann der Partie war: Manuel Neuer.

Die Daten waren eindeutig: 59 Ballkontakte (schaffen manche Feldspieler nicht), davon 19 außerhalb des Strafraums, was wahrscheinlich Torhüter-Weltrekord ist (zu Petar Radenkovic’ großer Zeit bei 1860 München in den 60er-Jahren gab es eine solch detaillierte Erfassung noch nicht). Vier Situationen klärte der Bayern-Goalie bei seinen Reisen ins weite Land zwischen Sechzehner und Mittelkreis. Es war nicht die klassische Torhüterpartie, „da kam nur ein Schuss und eine Flanke“ (Köpke), aber eine außergewöhnliche.

Kahns Kritik

In den modernen Zeiten findet sich immer jemand, der das, was die Mehrheit fasziniert, irre nennt. Das war ZDF-Kritiker Oliver Kahn. Er meinte, Neuer habe in einigen Situationen riskiert, dass er zu spät komme, foulen müsse, eine Rote Karte kassiere, die Mannschaft schwäche in einem Alles-oder-nichts-Match. Andy Köpke wurde das zugetragen. Er konterte: „Ich habe dazu eine andere Meinung. Manuel kann diese Situationen einschätzen, er ist kein komplettes Risiko eingegangen.“

Oliver Bierhoff wurde gebeten, den Anteil Neuers am Sieg und Viertelfinaleinzug gegen Frankreich zu beziffern. „100 Prozent geteilt durch elf – so um die neun Prozent“, wollte der Manager ganz gerecht sein. Ernsthaft: „Manuel hat natürlich einen großen Anteil“, erklärte er. „Das ist einfach seine Spielweise, ich habe bei ihm eigentlich nie Angst, auch bei den Rückpässen nicht, die nicht immer leicht aufzunehmen sind.“ Co-Trainer Hansi Flick erinnert sich an Augenblicke im Spiel, „da habe ich die Bälle gesehen und gedacht, jetzt wird’s gefährlich. Doch dann ist der Manuel dagestanden. Er ist eine gute Rückversicherung.“

Alles so gewollt

Und das ist alles so gewollt, wie Neuer agiert, bekräftigt Philipp Lahm: „Die Abwehr kann hoch stehen, weil wir wissen, dass Manuel wachsam ist und gut und gerne mitspielt. Mit seiner Spielweise ist er der beste Torhüter der Welt.“ Neuer musste „einige Male Kopf und Kragen riskieren“, so sah er das selbst, „doch das ist kein Fehler des Systems, sondern eine Vertrauensgeschichte“. Die Feldspieler sollen wissen: Er ist da. Köpke nennt ihn „den komplettesten Torwart“.

Um den sie gebangt haben vor der WM, nachdem er sich im DFB-Pokalfinale an der Schulter verletzt hatte, wofür er einen zu schnell agierenden Balljungen verantwortlich machte – er musste flugs zurücklaufen und stürzte. Im Trainingslager in Südtirol machte er nur Übungen mit den Füßen, das Torwarttraining wurde erst in Brasilien aufgenommen. Doch Neuer wurde fit und hält bislang ohne Fehler.

Roman Weidenfeller, der Dortmunder, der eingesprungen wäre, ist mehr der Typ Teufelskerl auf der Linie, der Athlet, der den Stürmer im Eins-gegen-eins einschüchtert – Neuer dagegen hat einen weiteren Wirkungskreis, er ist der (Voraus-)Seher. „Sein Antizipieren“, lobt Köpke, „ist einmalig.“

Matthias Sammer hat den Werdegang Neuers vorausgesehen, als er noch DFB-Sportdirektor war. 2008 sagte er in einem Vergleich der beiden Top-Talente Rene Adler und Neuer: „Manuel ist noch einen Tick besser. Bevor er den Ball gefangen hat, ist er in Gedanken schon dabei, den Gegenangriff einzuleiten.“ Eine solche Blitzaufbausituation hatte Manuel Neuer auch gegen Algerien. Kurz nach der Halbzeit spielte er einen Abschlag auf Andre Schürrle, der dem gegnerischen Tor zustrebte. Und auch wenn daraus kein Tor entsprang, faszinierend war das schon: mit einem Pass bis ans andere Ende des Spielfeldes zu gelangen. So schnell, so modern.

„Wir stehen zu dieser Spielweise“, sagt Torwarttrainer Andy Köpke, Europameister von 1996, aber er bittet vorauseilend auch schon um faire Behandlung Neuers, falls dieser mal ein paar Prozent zu viel Risiko eingehen sollte: „Wir können nicht immer jubeln, wenn er es richtig macht – und wenn er einmal nicht an den Ball kommt, es verteufeln.“

Günter Klein

Rubriklistenbild: © dpa

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