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Was machen die anderen besser? Manuel Baum gibt im tz-Interview die klare Antwort

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Von: Johannes Ohr

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Ex-Schalke-Trainer Manuel Baum
Ex-Schalke-Trainer Manuel Baum hat einen neuen Job. © Valeria Witters/Poolfoto/Imago

Was hat Deutschland falsch gemacht? Inwieweit sind uns andere Nationen überlegen? Manuel Baum analysiert das deutsche Katar-Desaster im Interview.

München - Für MagentaTV analysiert Trainer Manuel Baum (früher u.a. beim DFB) derzeit die WM 2022 in Katar und damit auch das frühe Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft. Der Taktik-Experte im tz-Interview. 

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe fürs deutsche WM-Aus?

Baum: Für mich gilt immer die Formel: Leistung = Potenzial - Störungen. Letztere gab es einige – mit der Debatte um die One-Love-Binde auch außerhalb des Platzes. Da verlierst du den Fokus. Aber auch sportlich gab es Entwicklungsfelder.

Welche?

Baum: Der Erfolg bei einer WM steht und fällt mit der Abwehr-Kette. Da hätte ich mir gewünscht, dass man sich für eine feste Formation entscheidet…

…und vorne mit Füllkrug auf eine echte Neun setzt?

Baum: Grundsätzlich: Unsere Spielidee gegen Costa Rica hatte schon total Sinn. Nur ist noch nie eine Mannschaft ohne festen Neuner Weltmeister geworden. Dann haben wir einen, setzen ihn aber nicht ein.

Hansi Flick bemängelte, dass es in Deutschland keine Neuner mehr gebe…

Baum: Und mit der Kritik hat er recht. Wen gibt es denn außer Füllkrug? Es wird aber auch auf der Außenverteidiger- und auf der Sechser-Position in Zukunft eng.

Was muss der DFB in der Ausbildung im Nachwuchsbereich besser machen?

Baum: Da sind alle gefordert. Wenn wir so weitermachen, schaffen wir uns im Nachwuchsbereich selbst ab. Ich bin jetzt selbst Trainer bei einer U 9 im Münchner Raum. Die haben zwei Mal in der Woche Training. Je nach Qualität des Trainings haben die Kinder vielleicht 30 Minuten insgesamt, in denen sie den Ball am Fuß haben.

„In anderen Ländern wird das x-Fache im Vergleich zu uns trainiert“

Stichwort Trainingszeit: Machen genau das die anderen Nationen besser?

Baum: Wenn ich andere Länder betrachte, merkt man schon, dass dort das x-Fache im Vergleich zu uns trainiert wird. Es muss mehr Training bei uns geben. Wir fangen viel zu spät an, Grundlagen zu legen. In Holland haben die Kinder zusätzlich zum normalen Training noch zwei Mal individuelles Training, in dem sie ihre Technik geschult bekommen.

Gibt es noch weitere Punkte?

Baum: Die Kultur unterscheidet sich natürlich. Wir in Deutschland sind relativ schnell satt. Und wir haben eine schlechte Feedback-Kultur, wenn es um Jugend-Spieler geht.

Inwiefern?

Baum: Man hat immer Angst, einem Spieler hartes, ehrliches Feedback zu geben, weil die Gefahr droht, dass der dann den Verein oder den Berater wechselt oder ich als Trainer ein Problem im Verein bekomme. Wir verweichlichen in unserer Art zu kommunizieren.

Ihr Lösungsansatz?

Baum: Der Königsweg wäre doch, den Widerstand, dem der Spieler ausgesetzt ist, klar zu benennen und ihm ein Konzept an die Hand zu geben, das ihm dabei hilft, diesen Widerstand selbst zu überwinden.

Hilfe zur Selbsthilfe…

Baum: Dadurch entwickelst du wieder ganz andere Spielertypen. Das zahlt dann wieder auf das Thema Mentalität und Führungsspieler ein. Wenn ich immer alle Probleme aus dem Weg geräumt bekomme und nie negative Erlebnisse habe, entwickle ich mich doch nicht. Ich glaube, am meisten lernt man immer dann, wenn etwas nicht funktioniert und man sich etwas überlegen muss.

„Wir sind eine Konjunktiv-Mannschaft geworden“

Heißt, Ihre Kritik richtet sich nicht an einzelne Spieler oder Trainer, sondern an das gesamte System?

Baum: Man kann immer über einzelne Personen reden. Aber ich glaube, wir müssen eine Grundsatzdiskussion im deutschen Fußball führen. Sonst haben wir auf lange Sicht immer wieder die gleiche Situation: Dass wir international nur noch zweitklassig sind. Wir brauchen keine Kompromisse mehr, sondern eine klare Linie.

Welche Trends konnten sie während der WM bislang beobachten?

Baum: Taktisch gibt es nichts Neues. Dazu war die Vorbereitungszeit zu kurz. Dafür bekommt die individuelle Qualität der Spieler – wie zum Beispiel bei Frankreich mit Kylian Mbappé – wieder größeres Gewicht. Und es sind nicht die Alt-Stars, die begeistern, sondern die jungen Spieler wie Musiala und Bellingham.

Das ist ein weiterer Kritikpunkt, der häufig genannt wurde: Fehlt der DFB-Elf mittlerweile die Spitzenqualität?

Baum: Wir sind eine Konjunktiv-Mannschaft geworden: Wir könnten eigentlich, aber ich muss halt auch mal machen. Wenn ich es wiederholt nicht schaffe, meine Qualität auf den Platz zu bekommen, ist es irgendwann kein Zufall mehr.

Die Leistungen der Spieler liegen auch im Verantwortungsbereich des Trainers. Ist Hansi Flick noch der Richtige?

Baum: Ich würde überhaupt nicht am Trainer rütteln. Wie gesagt: Es geht nicht um einzelne Personen, sondern um das ganze System. Man muss ganzheitlich nach Lösungen suchen. Wir alle – da nehme ich mich gar nicht raus.

Interview: Johannes Ohr

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