So war die WM-Party in Berlin

"Obrigado Fans! Der vierte Stern ist unser"

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Bastian Schweinsteiger in Berlin.

Berlin - Berlin im Ausnahmezustand: Hunderttausende Fans haben den Weltmeister bei der Rückkehr aus Brasilien in einem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer empfangen.

Zu den Klängen des Ohrwurms „Atemlos“ tanzten die freudetrunkenen Weltmeister im Kreis um Helene Fischer und zogen in einer Polonaise über die Bühne am Brandenburger Tor. Nach dem vierten deutschen WM-Titel hatte die Schlagersängerin ihren Song extra für den Empfang der WM-Helden in Berlin umgetextet. Statt der Textzeile „Spür', was Liebe mit uns macht“ sang sie „Spür', was Fußball mit uns macht“. Fans, Spieler und sogar Bundestrainer Joachim Löw grölten und schunkelten mit.

Zwei Tage nach dem denkwürdigen Finalsieg gegen Argentinien erlebte die Hauptstadt einen vierstündigen Party-Ausnahmezustand. „Unglaublich, was uns hier die Berliner Menschen für einen Empfang bereitet haben“, sagte Bayern-Profi Bastian Schweinsteiger. Der Münchner war sichtlich gezeichnet von seiner Blessur unter dem Auge und den gemeinsamen Feierlichkeiten, die am Sonntagabend in Rio begonnen hatten und mit dem rauschenden Zug durch die Hauptstadt ihren emotionalen Abschluss fanden.

„So viele Menschen am Straßenrand, das kenn' ich selbst aus München nicht“, sagte der Bayern-Profi. Sein Kumpel Lukas Podolski sprach vom „besten Moment in der Karriere bis jetzt“. Als Toni Kroos einen Miroslav-Klose-Sprechchor („Du bist der beste Mann“) anstimmte und die Hunderttausenden Fans mitsangen, kämpfte der Routinier und WM-Rekordtorschütze mit den Tränen. „Waaaaaaaahhhhnnnnnssiiiiiiinnn! Danke für diesen großartigen Empfang! Liebe Fans, ihr seid weltmeisterlich!“, twitterte Thomas Müller euphorisch.

Tatsächlich war an diesem Tag nicht nur in der Hauptstadt zu fühlen, was der Fußball „mit uns macht“. Selbst im Westjordanland war der vierte deutsche WM-Titel allen Nahost-Krisen zum Trotz Thema beim Besuch von Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Gleich zum Auftakt eines Treffens mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in Ramallah nahm Steinmeier Glückwünsche entgegen. Steinmeier lenkte das Gespräch sogleich auf den eigentlichen Verantwortlichen: „Götze did it.“ („Götze war's.“) Im Zimmer nebenan liefen dazu die Bilder vom Empfang der Fußball-Nationalmannschaft in Berlin. Torschütze Mario Götze bekam von einigen Palästinensern Extra-Applaus.

Der Final-Held selbst wollte sich während der Sause in der deutschen Hauptstadt aber nicht in den Vordergrund drängen. „Die ganze Mannschaft hat das verdient“, sagte der Final-Held unter dem Jubel der Menschenmasse. Aus den Lautsprechern dröhnten „Die Nummer eins der Welt sind wir“, der Klassiker „Oh, wie ist das schön“ oder der Tote-Hosen-Party-Hit „An Tagen wie diesen“.

Wieder und wieder reckten Lahm, Podolski & Co. den Goldpokal der Menge entgegen. „Jetzt haben wir das Scheißding hier endlich“, rief Schweinsteiger mit einer riesigen Deutschland-Fahne um die Schultern. Der Bayern-Profi war nach dem etwa elfstündigen Flug am Morgen in Tegel als Zweiter hinter Kapitän Lahm aus dem „Fanhansa Siegerflieger“ gestiegen. Lahm trug den Pokal in der Hand, die Siegermedaille baumelte um seinen Hals.

„Grandios. Gänsehaut. Die Gänsehaut von Rio hat sich nach Berlin übertragen“, sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach der Nachrichtenagentur dpa. Von der Landung des Sonderfluges LH 2014 um 10.08 Uhr über die Triumphfahrt zur Fanmeile bis zum Auseinandergehen hinter dem Brandenburger Tor präsentierte sich die Hauptstadt am Dienstag in einem vierstündigen Ausnahmezustand.

Wie viele Anhänger tatsächlich zur Fanmeile auf der Straße des 17. Juni kamen, wollte selbst die Polizei nur schätzen. Von mehr als 400 000 Menschen war die Rede, hinzu kamen Zehntausende an der Strecke des offenen Trucks von Moabit zum Pariser Platz. Am Moabiter Gefängnis winkten Häftlinge aus den vergitterten Fenstern. Patienten aus der Charité warten an der Straße. Aus Bürofenstern werden Grußbotschaften gezeigt. Auf einem Plakat war zu lesen: „Jogi, ich will ein graues Haar von Dir.“ Selbst auf der Spree unterbrachen Ausflugsschiffe ihre Fahrt für einen Blick auf den WM-Tross.

Die Mannschaft trug schwarze T-Shirts mit einer großen 1 auf der Vorderseite und trank bei lauter Schlagermusik Bier auf dem Wagen. „Dass wir so vielen Freude bereitet haben, ist mehr wert als unsere eigene. Das war der Wahnsinn, und das ist der Wahnsinn“, sagte Niersbach. Auch der Name von Bundestrainer Joachim Löw schallte immer wieder über die Straße des 17. Juni. „Ohne euch wären wir nicht hier. Wir sind alle Weltmeister“, rief Löw den Fans zu - nur ein Wort zu seiner eigenen Zukunft vermied der Chefcoach in diesem Moment.

Bei all der Euphorie leisteten sich einige Spieler noch einen verzichtbaren Jux auf Kosten der Argentinier. „So gehen die Gauchos, die Gauchos gehen so“, sangen Klose, André Schürrle, Shkodran Mustafi, Mario Götze, Roman Weidenfeller und Toni Kroos, als sie tief gebückt auf die Bühne liefen. Daraufhin richteten sie sich auf: „So gehen die Deutschen, die Deutschen, die gehen so.“ Die Feierlaune war so ausgelassen, dass sogar der Schalker Edelreservist Julian Draxler seinen Dortmunder Leidensgenossen Kevin Großkreutz aufs Korn nahm. In Anspielung auf eine angebliche frühere Verfehlung des BVB-Profis feixte er ins Mikro: „Großkreutz, rück' den Döner raus!“.

Nach ihrer einstündigen Bühnen-Show verabschiedeten sich die Weltmeister von den Fans, trennten sich nach ihrer siebenwöchigen Titelmission und sehnten den Urlaub herbei. „Obrigado Fans! Der vierte Stern ist unser!“, hinterließen sie auf einem riesigen Banner als Botschaft in der Hauptstadt.

dpa

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