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"Da hab ich Würgegefühle"

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Wolfgang Niedecken drückt dem 1. FC Köln die Daumen © dpa

Köln - Rock-Legende Wolfgang Niedecken (BAP) wurde zum Kurator der Bundesliga-Stiftung ernannt. Soziales Engagement ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Das tz-Gespräch.

Fußball und Kunst. Wolfgang Niedecken (59) liebt beides. Mit BAP schrieb (und schreibt) er deutsche Rock-Geschichte, mit dem 1. FC Köln leidet er seit Jahrzehnten. Nun wurde Niedecken zum Kurator der Bundesliga-Stiftung ernannt. Soziales Engagement ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Das tz-Gespräch.

Herr Niedecken, wie kamen Sie zur Bundesliga-Stiftung?

Niedecken: Ich bin ja nahezu regelmäßig bei den Heimspielen des 1. FC Köln im Stadion, da wurde ich angesprochen und hab nicht lange überlegen müssen, um ja zu sagen. Die Bundesliga-Stiftung engagiert sich in vielen wichtigen Projekten, in der Kinderförderung, für Integration und für behinderte Menschen. Da wird sinnvolle Arbeit geleistet, da will ich mich engagieren.

Was können Sie konkret tun?

Niedecken: Über konkrete Projekte haben wir ehrlich gesagt noch gar nicht gesprochen, aber ich werde sicher mein Netzwerk nutzen, meine Kontakte aus anderen Projekten wie Rebound (Re-Integration von Kindersoldaten), wo ich mich seit Jahren engagiere. Ich könnte mir vorstellen, mithilfe der Bundesliga-Stiftung in Deutschland spielende afrikanische Profifußballer dafür zu gewinnen, über derartige Probleme ihres Heimatkontinents zu berichten und damit Aufmerksamkeit zu erzeugen. Jemand aus Burkina Faso, Senegal oder Nigeria könnte auf diese Weise auch dem Vorurteil entgegentreten, er hätte sich daheim vom Acker gemacht und seine Leute im Stich gelassen.

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Sie sprachen bei der Ernennung zum Kurator von der Kraft des Fußballs, die sie für eine gerechtere Gesellschaft nutzen wollen. Ihre Definition von Gerechtigkeit?

Niedecken: Jetzt wird’s philosophisch. Ein wichtiger Aspekt ist sicher die Chancengleichheit. Wenn wir jetzt mal beim Fußball bleiben: Vor und während der Weltmeisterschaft in Südafrika wurde extrem viel über die Probleme Afrikas berichtet, viel – und auch gut. Aber nach ein paar Wochen war die WM vorbei und die Medien-Karawane ist weitergezogen. Nächstes Thema. Darin sehe ich auch meine Aufgabe: Den Fokus zurückzulenken, darauf hinzuweisen, dass zum Beispiel kein fairer Handel zwischen unseren Kontinenten existiert. Dass sich daraus schreiende Ungerechtigkeiten ergeben. Von Chancengleichheit kann noch lange keine Rede sein.

Was entgegnen Sie auf den Vorwurf, der Niedecken gefalle sich eben in der Rolle des Gutmenschen?

Niedecken: Der Begriff „Gutmensch“ stammt aus einer Suada von Friedrich Nietzsche. Die sollte man kennen, bevor man ihn verwendet. Es nervt auf Dauer, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass man den Arsch hochkriegt, aber das kommt immer seltener vor. Ich bin glücklich über das, was ich mit Rebound schon erreicht habe, auch deshalb, weil ich damit Zynikern und Drückebergern in dieser Richtung keine Angriffsfläche mehr biete. Das Wichtigste ist für mich, den Leuten Zusammenhänge zu erklären, sie mit diesen unappetitlichen Themen zu erreichen. Was ich in Nord-Uganda gesehen und erlebt habe, das relativiert alle Probleme, die wir hier in Deutschland haben.

Dann erübrigt sich die Frage nach Ihrer Meinung über Charity-Events eigentlich.

Niedecken: Nicht ganz. Ich werde ja immer noch zu Society-Dinner für gute Zwecke eingeladen. Aber da wird mich nie einer sehen, das kann ich einfach nicht. Bei „Schick Essen für hungernde Kinder“ habe ich erhebliche Würgegefühle.

Und wie geht’s Ihnen beim Fußball, wenn Sie alle paar Wochen die Kontraste zwischen Business-Club und Fankurve sehen?

Niedecken: Ich würde mich als Fußballromantiker bezeichnen. Da bin ich in der Falle, weil ich natürlich regelmäßig den Widerspruch sehe zwischen den Business-Kunden, für die Fußball bloße Unterhaltung ist, und den Leuten, die mit dem Verein leben und leiden, aber leider oft nur noch als nützliche Idioten behandelt werden. Die Globalisierung des Fußballs macht es dem Fußballromantiker nicht leicht: Auf der einen Seite will er seinen Club naturbelassen, aber auf der anderen Seite soll er aber unbedingt auch erfolgreich sein. Ich habe Angst, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, wo es mich vor lauter Trittbrettfahrerei einfach nicht mehr interessiert.

Der Profifußball will vermarktet werden, wie jedes andere Produkt auch.

Niedecken: Ich weiß, dass sich das Rad nicht mehr zurückdrehen lässt, dass die Bundesliga mit England, Italien und Spanien konkurrieren aber auch aus den Fehlentscheidungen in diesen Ländern lernen muss. Aber nach meinem Gefühl sind wir längst in einem Grenzbereich. Noch mehr penetrante Werbung der Sponsoren, noch weiter auseinandergezogene Anstoßzeiten, noch mehr pipapo. Irgendwann ist die Schraube überdreht.

Noch boomt die Liga, zumindest die Erste. Die Stadien sind voll.

Niedecken: Und Dortmund steht oben. Und Mainz. Und Freiburg. Und Schalke und Wolfsburg nicht. Ich empfinde immer noch eine gewisse Schadenfreude, wenn die Klubs mit dem ganz großen Geld gegen die kleineren Etats verlieren. Vielleicht hält mich auch das bei der Stange.

Wie romantisch muss man sein, um den 1. FC Köln noch zu ertragen?

Niedecken: Wollen wir jetzt den FC durchdiskutieren? Was da alles zu tun wäre, das ist ein abendfüllendes Thema. Wenn ein Abend überhaupt reicht.

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Was nervt Sie am meisten?

Niedecken: Das Allerschlimmste ist, dass sich der FC seit Jahren am Nasenring der Boulevard-Medien herumführen lässt. Die Souveränität eines Uli Hoeneß ist bei niemandem hier auch nur in Ansätzen vorhanden.

Wolfgang Overath…

Niedecken: …war ein großartiger Fußballer, ohne Zweifel. Aber er wurde gegen seinen Willen ins Präsidenten-Amt geschrieben wie vor ihm bereits Uwe Seeler beim HSV. Das ist auch nicht gutgegangen.

Welchen Platz nimmt der Fußball in Ihrer 2011 erscheinenden Autobiographie ein?

Niedecken: Er kommt immer mal wieder vor. Die Musik ist mir wichtiger. Und noch einige andere Dinge auch. Zum Glück besteht mein Leben nicht nur aus Fußball. Aber für unser kommendes Album haben wir soeben einen Song über zwei FC-Fans aufgenommen.

Sie haben ja diverse Aufstiegssongs geschrieben. Ist Ihr Leben noch lang genug für ein FC-Meisterlied?

Niedecken (lacht): Ich werde ja erst 60 nächstes Jahr. Und so ein Meisterlied würde ich ja auch live mit BAP spielen wollen. Aber seit ich B.B. King live gesehen hab, glaub ich an alles. Notfalls kann man ja auch im Sitzen auftreten.

Interview: lk

Die 2009 von der DFL gegründete Bundesliga-Stiftung fördert u.a. Projekte zugunsten von Sportlern anderer Sportarten, Kindern und Menschen mit Behinderungen. Finanziert wird die Stiftung aus Vertragsstrafen, durch Partner und Sponsoren, Benefiz-Verkäufe und Spenden. Zudem erhält die Stiftung 25 Prozent der Einnahmen aus den DFB-Sportgerichts-Verhandlungen. Als Stiftungsvorsitzender fungiert DFL-Geschäftsführer Tom Bender, Geschäftsführer der Stiftung ist Kurt Gaugler. Zum Kuratorium gehören u.a. Altkanzler Gerhard Schröder, Edmund Stoiber, Heiner Brand, Günter Netzer, ARD-Legende Fritz Pleitgen, Adidas-Boss Herbert Hainer, Britta Heidemann und Eberhard Gienger.

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