Untersuchungen angekündigt

«Zeichen in Europa» - Spielabbruch nach Rassismus-Vorwurf

Spielabbruch
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Die PSG-Profis verlassen demonstrativ den Platz. Foto: Francois Mori/AP/dpa

Nach dem durch einen Schiedsrichter-Assistenten ausgelösten Rassismus-Vorfall beim Champions-League-Spiel in Paris wird das Handeln der beiden Teams als wichtiges und starkes Signal gelobt. Die UEFA und der rumänische Fußballverband kündigen Untersuchungen an.

Paris (dpa) - «Zeichen in Europa», «historische Entscheidung» - und ganz viel Solidarität und Respekt: Selten in der Geschichte des Profifußballs hat ein Spielabbruch solche Reaktionen hervorgerufen.

Mit ihrem gemeinsamen Abgang vom Rasen nach einem Rassismus-Vorfall durch den Schiedsrichter-Assistenten sendeten die Champions-League-Teilnehmer Basaksehir aus Istanbul und Paris Saint-Germain ein Zeichen der Stärke und der Entschlossenheit.

«Diskriminierung hat keinen Platz. Nicht im Fußball, nicht auf der Welt», schrieb PSG-Profi Thilo Kehrer, Brasiliens Superstar Neymar veröffentlichte ein «BLACK LIVES MATTER» (Schwarze Leben zählen), und von Kylian Mbappé hieß es: «Say no to Racism. M. Webo we are with you» (Wir sind bei dir). Weil die Gäste aus der Türkei sich nach den Äußerungen des Vierten Offiziellen weigerten weiterzuspielen, entschied die UEFA kurz vor Mitternacht die Partie nicht wieder anzupfeifen und am folgenden Tag, dem 9. Dezember, mit einem neuen Schiedsrichter-Team beim Stand von 0:0 nach 15 Minuten fortzusetzen.

Der Entscheidung der Teams, vor allem forciert vom ehemaligen Hoffenheimer Bundesliga-Profi Demba Ba, der mittlerweile für den türkischen Meister spielt, zollten Politik, Verbände und internationale Top-Stars Respekt. «Heute Abend haben Sportler, Athleten eine historische Entscheidung getroffen gegenüber einer Einstellung, die sie als inakzeptabel beurteilt haben», schrieb Frankreichs Sportministerin Roxana Maracineanu bei Twitter. Sie könne «die starke Symbolik ihrer Geste und ihrer Solidarität nur begrüßen».

Die UEFA ernannte einen Ethik- und Disziplinarinspektor zur Aufarbeitung der Vorfälle und kündigte «in Kürze» weitere Informationen an. DFB-Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich (63) will auch bei den deutschen Unparteiischen das Thema ansprechen. «Der Vorfall in Paris ist für uns Anlass, auch unsere Schiedsrichter noch einmal auf die Sensibilität dieses Themas hinzuweisen», sagte er der «Bild». Sich gegen Rassismus zu stellen, sei «die oberste Prämisse für Spieler, Trainer - aber auch für Schiedsrichter», sagte Fröhlich.

Der DFB-Integrationsbeauftragte Cacau bezeichnete das Verhalten der Profis als «angemessen und vorbildlich». Es sei erschreckend, dass die angebliche rassistische Beleidigung vom Schiedsrichter kam. «Das ist ein neues Level, wenn man es so sagen darf», sagte der 39 Jahre alte frühere Profi des VfB Stuttgart im TV-Sender Sky.

Darüber, was passiert war, gab es keinerlei Zweifel. Der Assistenztrainer der Gäste, der frühere kamerunische Nationalspieler Pierre Webo, hatte in der ersten Halbzeit die Rote Karte gesehen. Dabei soll es zu einer rassistischen Beleidigung durch den Vierten Offiziellen gekommen sein. Sebastian Colţescu wurde vorgeworfen, eine rassistische Formulierung für Schwarze benutzt zu haben, die im Deutschen inzwischen mit dem Begriff «N-Wort» umschrieben wird.

Dieser Ausdruck war im leeren Prinzenpark-Stadion während der TV-Übertragung deutlich zu hören. Zudem war zu hören, dass das Schiedsrichter-Team aus Rumänien versuchte, sich damit zu verteidigen, dass der Vierte Offizielle das rumänische Wort für Schwarzer (negru) benutzt habe und nicht das «N-Wort».

Webo, Ba und andere waren anschließend zu hören, wie sie lautstark darauf hinwiesen, dass die Schiedsrichter bei einem weißen Spieler auch nicht «der Weiße» gesagt hätten, um diesen zu identifizieren. Basaksehir twitterte sofort nach dem Vorfall das Logo der UEFA-Kampagne «No to Racism - Respect».

In den sozialen Netzwerken bekundeten Tausende ihre Solidarität, auch Vereine aus der Bundesliga positionierten sich gegen Rassismus. Das «Fare»-Netzwerk gegen Diskriminierung wertete die Ereignisse als wichtiges Signal im Kampf gegen Rassismus. «Dass Basaksehir und PSG zusammen das Spielfeld verlassen haben, setzt ein Zeichen in Europa», sagte der Fare-Geschäftsführer Piara Powar der Nachrichtenagentur AP.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verurteilte «die rassistische Aussage gegenüber Pierre Webo» und teilte via Twitter mit: «Wir sind bedingungslos gegen Rassismus und Diskriminierung im Sport und in allen Lebensbereichen.» Auch die ansonsten heftig rivalisierenden Istanbuler Vereine wie Galatasaray oder Fenerbahce äußerten in den sozialen Netzwerken Respekt und Solidarität.

Schiedsrichter Ovidiu Hategan, der versuchte, die Spieler zum Weitermachen zu bewegen, hatte schon mal mit Rassismus in einem Champions-League-Spiel zu tun. Vor sieben Jahren leitete er die Partie von Manchester City bei ZSKA Moskau, in der ihn Yaya Touré auf beleidigende Rufe aus dem Publikum aufmerksam gemacht hatte.

Hategan hatte die Vorfälle in seinen Spielbericht aufgenommen, aber ansonsten keine weiteren Maßnahmen eingeleitet. ZSKA hatte in der Folge im Heimspiel gegen den FC Bayern München auf einen Teil der Zuschauer verzichten müssen. Für die Fortsetzung des Spiels am Mittwochabend nominierte die Europäische Fußball-Union UEFA den Niederländer Danny Makkelie als Unparteiischen.

© dpa-infocom, dpa:201209-99-628300/3

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