1. tz
  2. Sport
  3. Handball

Bob Hanning schießt heftig gegen deutsche Corona-Politik: „Größtes Verbrechen, das man begehen konnte“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Patrick Reichelt

Kommentare

Bob Hanning Ex-DHB-Vizepräsident ungewohnt ohne bunten Pulli als Gast (2020) im „Das aktuellen Sportstudio“.
Bob Hanning Ex-DHB-Vizepräsident ungewohnt ohne bunten Pulli als Gast (2020) im „Das aktuellen Sportstudio“. © Martin Hoffmann/imago

Handball-EM 2022 startet für die Deutschen mit einem Duell gegen Belarus. Die tz sprach mit Bob Hanning über seine EM-Ziele für die deutschen Handballer.

Update vom 15. Januar 2022: Nach dem Auftaktsieg von Deutschland gegen Belarus bei der Handball-EM gab es auch von der ARD eine gute Nachricht.

München - Am Freitag (18 Uhr) starten die deutschen Handballer in Bratislava gegen Belarus in die EM. Die Vorgabe von Bundestrainer Alfred Gislason ist klar: „Gewinnen!“ Die weiteren Gegner sind Österreich (Sonntag) und Polen (Dienstag). Die tz sprach mit Bob Hanning (Geschäftsführer des Bundesligisten Berlin und langjähriger DHB-Vize).

Sie haben vor einigen Wochen Ihr sehr erfolgreiches Buch „Hanning. Macht. Handball.“ herausgebracht. Wenn das Buch erst jetzt käme – würde die anstehende EM einen Platz bekommen, wie würde das Kapitel heißen?

Bob Hanning (lacht): Meine Lieblingsüberschrift wäre: Wunder lassen sich wiederholen! Natürlich in Anlehnung an 2016, als die Ausgangsposition eine ähnliche war wie jetzt.

Damals stand am Ende der Europameistertitel…

Hanning: Okay, es ist ja bekannt, dass ich gerne hohe Ziele setze. Aber dieses Happy End sollte man jetzt nicht unbedingt erwarten. Man muss eine Mannschaft auch wachsen lassen.

So ein Prozess braucht den richtigen Moderator. Dieser Tage hat Ex-Weltmeister Henning Fritz Zweifel geäußert, dass Alfred Gislason das ist.

Hanning: Da muss ich, auch wenn er nicht mein Freund ist, ein klares Plädoyer für Henning Fritz halten. Es wird ja jetzt schon wieder von Unruhe gesprochen. Aber es hat doch jeder das Recht auf eine andere Sichtweise. Auch wenn ich eine andere Meinung habe.

Gislasons Landsmann, der von Ihnen installierte Dagur Sigurdsson, war 2016 genau der richtige Projektleiter.

Hanning: Da darf ich nicht vergessen, wie viel ich dafür einstecken musste, einen ausländischen Trainer zu holen. Aber man kann das durchaus vergleichen. Das sind beides hoch qualifizierte Trainer, die mit ihrer Art sehr gut nach Deutschland passen und die ein Feuer entfachen können.

Sie würden Gislason also auch verpflichten?

Hanning (lacht): Ich bin mit Jaron Siewert bei den Füchsen Berlin sehr zufrieden.

Trainer Alfred Gislason beim Handball-Länderspiel zwischen Deutschland und Frankreich am 9. Januar 2022 in Wetzlar.
Trainer Alfred Gislason beim Handball-Länderspiel zwischen Deutschland und Frankreich am 9. Januar 2022 in Wetzlar. © Gerhard Koffler via www.imago-images.de

Handball-EM 2022

Die Handball-EM 2022 findet vom 13. bis 30. Januar in Ungarn und der Slowakei statt. Hier erfahren Sie, wann das DHB-Team im Einsatz ist und wo Sie die Partien im TV und Live-Stream verfolgen können.

Wobei Gislasons erste Turniere mäßig ausfielen.

Hanning: Jeder weiß um die Umstände der WM und von Olympia, das ist für mich kein Maßstab. Aber natürlich muss in Deutschland immer der Anspruch sein, eine Medaille zu holen.

Was seit 2016 nicht mehr klappte, wenn auch manchmal knapp…

Hanning: So wie bei der letzten Heim-WM. Das war ein gutes Turnier, aber wir haben eine mögliche Medaille verschenkt. In diesem Jahr muss man sehen, wo es hingeht. So einen Umbruch wie jetzt hast du immer mal.

Hätte Sie der aktuelle Prozess nicht gereizt?

Hanning: Ach nein, ich habe damals aus freien Stücken angefangen und jetzt aus freien Stücken aufgehört. Und jetzt setze ich mich auch gerne vor den Fernseher und schaue mir das in Ruhe an. Aber die ganz großen Räder sind auch gedreht. Der Verband konnte sich seinen Sponsor praktisch aussuchen, wir befinden uns in einem Jahrzehnt des Handballs mit allen großen Turnieren in Deutschland mit der EM 2024 und der WM 2027. Und wir haben tolle Jahrgänge, die jetzt kommen.

„Kindern Sport zu nehmen, war ein Verbrechen“

Hanning über die Corona-Folgen
Nationalspieler Bengue (re.) bei der EM-Generalprobe gegen Frankreich.
Nationalspieler Bengue (re.) bei der EM-Generalprobe gegen Frankreich. © Rene Vigneron/imago

Sie befürchten also kein Corona-Loch im Handball?

Hanning: Was jetzt oben ankommt, dafür sind die Grundlagen vor Corona gelegt worden. Was in Zukunft passiert, ist eine andere Frage. Auch der Handball verliert Jugend, und die kannst du nicht zurückkaufen. Die Schließung von Schulen, den Kindern ohne Not den Sport wegzunehmen, das war das größte Verbrechen, das man begehen konnte. Man spricht immer von Krankenhäusern. Aber heute kriegst du keine Termine mehr beim Kinderpsychologen. Was da verloren gegangen ist in Sachen Sozialverhalten und Motorik, das kann man gar nicht beziffern. Wissen Sie, warum das so gemacht wurde?

Sagen Sie es…

Hanning: Weil Kinder keine Wähler sind! Es wäre mir lieber gewesen, man hätte die Bundesligisten für eine Zeit zugemacht als ohne wirkliche Not Kindern den Sport zu nehmen. Klar, wir haben als Profi-Vereine Corona-Hilfen bekommen. Und es ist richtig, die Leuchttürme zu sichern. Aber der Schaden an der Basis ist groß.

Corona hat auch in der Spitze wieder mehr Einfluss. Auch Ihr Klub war schon mehrfach betroffen. Fürchten Sie einen Abbruch?

Hanning: Nein, ich bin mir absolut sicher, dass diese Saison ganz normal zu Ende gespielt werden wird. Infektionen passieren. Auch bei uns waren auf der Fahrt zum Spiel bei den Rhein-Neckar Löwen plötzlich sieben Spieler positiv. Aber das ist dann halt so. Dann verlegst du solche Spiele halt und fertig.

Auch die EM ist betroffen. Es gibt Leute, die sagen: Am Ende wird der Gesündeste Europameister. Stimmt das?

Hanning: Es ist eine der Herausforderungen des Turniers, dass du infektionsfrei bleibst. Die Spieler sind doppelt geimpft und geboostert. Damit hast du keine Garantie, aber du kannst viel erreichen.

Interview: Patrick Reichelt

Auch interessant

Kommentare