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Jennifer Wendland taucht 100 Meter in die Tiefe mit einem Atemzug: „Es gibt keinen Raum für Gedanken“

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Jennifer Wendland, Weltmeisterin im Apnoe-Tauchen
Ab in die Tiefe: Jennifer Wendland © Luke Coley

Über 100 Meter in die Tiefe? Das ist für Jennifer Wendland ein Atemzug. Die 36-Jährige, Weltmeisterin im Apnoe-Tauchen, im Interview mit unserer Zeitung.

Jennifer Wendland gehört zu den besten Apnoe-Taucherinnen der Welt. Bei der Weltmeisterschaft in Honduras hat sich die 36-Jährige den Gesamtsieg gesichert. Wendland ist Weltrekordhalterin und mit nur einem Atemzug schon 117 Meter in die Tiefe getaucht. Mit unserer Zeitung spricht die Sportlerin über betrunkene Gefühle unter Wasser, die Kunst der Entspannung und die Dunkelheit.

Frau Wendland, Herzlichen Glückwunsch zur Weltmeisterschaft. Wie war die Zeit in Honduras?

Mein Trip nach Honduras begann mit Corona. Die ersten zehn, zwölf Tage lag ich im Bett. Nach kurzer Trainingszeit ging dann die WM los. Die aber irgendwie sehr gut geklappt hat (lacht). Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich mich so lange ausruhen konnte. Ich bin in den verschiedenen Disziplinen Erste, Zweite, Dritte und Vierte geworden und habe mir so auch die Gesamtwertung gesichert.

Was ist das für ein Gefühl, die Beste der Welt zu sein?

Erst mal freut man sich einfach über den schönen Tauchgang. Bis man realisiert, dass man Weltmeisterin ist, dauert das. Nach seinem Tauchgang bekommt man zwar eine weiße Karte von den Kampfrichtern, aber der komplette Tauchgang wird noch mal auf Video angeschaut. Bis dann im Laufe des Tages die Nachricht kommt, dass auch auf Kamera kein Fehler gefunden wurde, glaubt man das sowieso nicht, weil immer was passieren kann.

Jennifer Wendland
Weltmeisterin und Gesamtsiegerin: Jennifer Wendland © Privat

Bei einem Tauchgang hatten Sie leichte Probleme, sprachen von einer Narkose. Können Sie das genauer erklären?

Es war der letzte Tauchgang, bei dem ich Weltmeisterin geworden bin. Je tiefer man geht, desto höher wird der Umgebungsdruck. Bei 100 Metern Tiefe hat man ungefähr 11 Bar Druck. Dadurch lösen sich die Gase im Blut besser als an der Oberfläche. Das ist bei Sauerstoff schön, bei anderen Gasen wie CO2 oder Stickstoff ist das nicht ganz so schön, weil das auch Narkosegase sind. Das ist in der Tiefe dann das Gefühl, als wäre man betrunken. Wenn es extremer wird, kann man sich auch orientierungslos und schläfrig fühlen. Da muss man dann gegen ankämpfen, dass man es trotzdem an die Oberfläche schafft. Bei dem Tauchgang habe ich am Ende auch gemerkt, dass der Sauerstoff ausging.

Negative Gedanken verbrauchen zu viel Sauerstoff. Wenn ich das gruselig fände, würde ich gar nicht so tief kommen

Jennifer Wendland

Was schießt einem da durch den Kopf?

Du bist voll fokussiert auf das, was du machst. Es gibt keinen Raum für Gedanken – den ganzen Tauchgang über nicht. Wenn du deinen Gedanken freien Lauf lässt, schleichen sich Fehler ein. Und es kann Angst und Aufregung entstehen. Wenn ich unten bin und dann denke: „Oh, wenn ich es jetzt nach oben schaffe, bin ich Weltmeisterin“ würde das sehr viel Stress auslösen, der wieder unnötig Sauerstoff verbraucht. Ich will immer auf das Hier und Jetzt fokussiert sein. Das trainieren wir dem Körper und dem Kopf über ganz viele Visualisierungen und Wiederholungen an. Der Körper muss automatisch wissen, was zu tun ist, wenn man müde wird.

Nach der WM waren Sie ausgelaugt, die Energie war weg. Man ist bei einer WM nah am Maximum dessen, was man leisten kann.

Emotional, mental und physisch ist das einfach sehr anstrengend. Und durch Corona ist meine Regenerationszeit auch länger geworden. Vor Corona habe ich mich innerhalb von 24 Stunden von einem Tauchgang erholt, jetzt waren es mindestens zwei Tage.

Sie waren dem Wasser schon immer verbunden. Vor dem Tauchen war es Unterwasser-Rugby.

Unterwasser-Rugby war auch eine Mordsgaudi. Ich habe aber gemerkt, dass das ruhige Luftanhalten eher mein Fall ist als das kämpferische Luftanhalten wie beim Rugby. Das macht zwar auch viel Spaß, ist aber mit blauen Flecken verbunden (lacht). Beim Freitauchen geht es eher meditativ zu. Beim Unterwasser-Rugby wird Luft anhalten mit Stress verbunden. Das musste ich erst mal aus meinem Kopf rausbekommen, dass beim Freitauchen keine Gegner mehr rumschwimmen, die irgendwas von mir wollen.

Sie können bis zu sieben Minuten unter Wasser die Luft anhalten. Waren Sie schon immer tiefenentspannt?

Entspannung muss man auf dem Level, wie wir es beim Freitauchen brauchen, lernen. Ich merke, dass ich von Jahr zu Jahr entspannter werde. Vor drei Jahren habe ich schon gedacht: Entspannter geht es doch eigentlich gar nicht mehr. Doch ich werde noch jedes Jahr entspannter. Genauso wie du deinen Bizeps trainieren kannst, kannst du mit mentalen Übungen auch trainieren, dass du im Wasser zu 100 Prozent entspannt bist.

Es gibt auch spezielle Übungen für das Zwerchfell.

Die Dehnübungen sind vor allem für das Tieftauchen wichtig. In der Tiefe wird unsere Lunge durch den Druck krass komprimiert, sie ist dann noch so groß wie eine Faust. Wenn man normal flexibel ist, würde die Lunge das nicht aushalten, Blut wäre in der Lunge und sie würde reißen. Das Zwerchfell, die Zwischenrippenmuskulatur und die Bauchmuskulatur, also sämtliche Muskulatur, die am Atmen beteiligt ist, muss bei uns total entspannt und flexibel sein. Wenn ich in der Tiefe ruckartige Bewegungen mache und die Bauchmuskulatur anspanne, kann das gefährlich werden. Es ist aber ein langer Weg, um so entspannt zu sein. Ich bin drei, vier Mal in der Woche im Wasser. Ganz viel schwimmen, an der Technik arbeiten und Luft anhalten. Ich fahre viel Fahrrad, weil eine gute Ausdauer in der Beinmuskulatur auch hilfreich ist für das Freitauchen. Dazu kommt Krafttraining, der Weg aus der Tiefe ist anstrengend. Druckausgleichstraining für die Ohren ist auch ganz wichtig. Wenn man den Druck in der Tiefe nicht ausgleicht, reißt das Trommelfell.

Sie sind schon 117 Meter in die Tiefe getaucht. Ist das nicht ein bisschen gruselig?

Negative Gedanken verbrauchen zu viel Sauerstoff. Wenn ich das gruselig fände, würde ich gar nicht so tief kommen. Ich nehme natürlich wahr, dass es dunkler wird. Das heißt aber ja nicht, dass die Dunkelheit mich gleich frisst, sie wird mir nicht weh tun. Bei uns ist das intuitiv, dass Dunkelheit mit Angst in Verbindung gebracht wird. Das ist aber eigentlich ja total absurd, daran muss man mental arbeiten.

Wie fühlt sich so ein Tauchgang für Sie an?

Ich drifte mental nicht weg. Ich nehme alles ganz bewusst wahr. Ich spüre, wie sich die Temperatur ändert. Ich fühle an meinen Händen, wenn eine Strömung aufkommt. Man ist ganz empfindlich für die kleinsten Veränderungen in der Umgebung und in sich selbst. Man spürt extrem, ob auch wirklich jeder Muskel entspannt ist, oder noch irgendwo ein Zucken im Fuß ist. Das ist ein wunderschönes Gefühl, wenn man alles unter Kontrolle hat, sich aber gleichzeitig unendlich frei fühlt.

Es gibt ein Bild, auf dem Sie unter Haien tauchen. Wie wichtig ist Ihnen die Unterwasserwelt auch abseits von Wettkämpfen?

Man kann den ganzen Stress des Alltags an der Oberfläche lassen. All die Probleme spielen da unten keine Rolle. Es wird nur dann immer traurig, wenn man sieht, wie viel vom Menschen schon zerstört wurde. Trotzdem ist die Wasserwelt nach wie vor atemberaubend, und daher auch so wertvoll und schützenswert.

Interview: Nico-Marius Schmitz

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