tz-Interview zur Leichtathletik-EM

Sprint-Legende Hary: "Der letzte Beweis fehlt mir noch..."

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Sprint-Legende Armin Hary im tz-Interview

München - Sprint-Legende Armin Hary (77) spricht anlässlich der Leichtathletik-Europameisterschaft im tz-Interview über seinen Weltrekord, Zürich, Julian Reus und das Dopingproblem im Sprint.

Am Dienstag beginnt in Zürich die Leichtathletik-Europameisterschaft (12. bis 17. August). 1960 lief Armin Hary (77) im mystischen Letzigrund Stadion seine legendären 10,0 Sekunden über 100 Meter. Im tz-Interview spricht er über seinen Weltrekord, Zürich, Julian Reus und das Dopingproblem im Sprint.

Herr Hary, was hat das Letzigrund Stadion ausgezeichnet?

1960 gewann Hary als letzter weißer Sprinter ­Olympiagold in Rom (o.), in Zürich (u.) lief er die 10,0 Sekunden.

Hary: Die Aschenbahn war die beste der Welt, deswegen wollte ich dort unbedingt laufen. Für die Zuschauer war es spektakulär, weil sie auf den Tribünen sehr nah an der Bahn saßen. Das Stadion war immer ausverkauft, ich glaube, da sind immer die gleichen Zuschauer gekommen. Da musste schon einer sterben, damit ein Platz frei wurde (lacht). Und dann waren da natürlich die Rekorde, in Zürich hat es immer viele Rekorde gegeben.

Unter anderem Ihre 10,0 Sekunden.

Hary: Ich wollte den Weltrekord, ich wusste, dass ich es draufhabe. Aber ich hatte nur einmal im Jahr die Gelegenheit und dann wollte mich der Verband nicht starten lassen, weil ich mich auf die Olympischen Spiele, die zwei Monate später stattfanden, schonen sollte.

Sie sind trotzdem gestartet. Allerdings ließ man Ihren ersten 10,0-Sekunden-Lauf wegen eines Fehlstarts nicht gelten. Dank des regelfesten Journalisten Gustav Schwenk durften Sie mit ein paar anderen Athleten aus dem ersten Lauf erneut ran.

Hary: Und ich bin wieder 10,0 gelaufen. Gut, dass es exakt 10,0 Sekunden waren, da hatte ich ein wenig Glück, aber grundsätzlich war das kein Problem. Dafür hat die Kondition gereicht.

Sie sagen das so leicht. Heute ist das doch undenkbar, oder?

Hary: Der US-Sprinter Tyson Gay hat mir vor ein paar Jahren erzählt, dass ich in den USA berühmt bin. Aber nicht für meinen Weltrekord, sondern dafür, dass ich die 10,0 zweimal innerhalb einer halben Stunde gelaufen bin. Gay meinte, heute sind nach einem Start alle völlig platt. Nach fünf Minuten hätte ich das auch nicht gekonnt, aber nach 30 Minuten hatte sich der Körper wieder regeneriert. Früher war eben eine andere Zeit.

Beim ersten Lauf sollen Sie angeblich sogar schneller gewesen sein. Einer der Zeitmesser hatte 9,70 auf der Stoppuhr, hat sich aber nicht getraut, es zu sagen.

Hary: Das stimmt. Er hat es mir ungefähr vor 20 Jahren gestanden. Ich war als Gast auf einer Veranstaltung in Zürich, da kam ein Mann auf mich zu und erzählte mir, dass er sich deswegen heute noch schäme.

Haben Sie ihm verziehen?

Hary: Natürlich, daran verschwende ich keinen müden Gedanken mehr. Ich finde es großartig, dass er es zugegeben hat. Für ihn war diese Situation wahrscheinlich schlimmer als für mich.

Ab Dienstag findet in Zürich die Europameisterschaft statt. Julian Reus lief zuletzt bei den Deutschen Meisterschaften in Ulm 10,0 Sekunden und möchte nun 9,99 Sekunden schaffen. Trauen Sie ihm das zu?

Hary: Es wäre schön, ich wünsche es ihm, aber ich zweifle daran. Ich war in Ulm und habe mir das Rennen angeschaut, den letzten Beweis, dass er es draufhat, hat er für mich noch nicht erbracht. Die Bedingungen dort waren genial, fast zwei Meter pro Sekunde Rückenwind, das bekommt man nicht oft. Ich konnte leider nie bei solchen Bedingungen laufen. Er muss jetzt mal ein Zeichen setzen.

Ist eine Medaille bei der EM realistisch?

Hary: Er selbst sagt, dass der Endlauf sein Ziel ist. Das ist mir zu wenig, diese Einstellung gefällt mir nicht. Entweder er sagt, dass er Europameister werden will, oder er sagt nichts. Ich bin auch nicht nach Rom gefahren, um unter die besten sechs zu kommen. Ich bin 95 Prozent meiner Rennen auf Platz und nicht auf Zeit gelaufen. Am Ende zählt nur der Sieg Mann gegen Mann, die Zeit kommt automatisch. Aber noch mal, ich wünsche ihm alles Glück der Welt, ich würde mich freuen, wenn es endlich einen neuen Manfred Germar oder Armin Hary geben würde.

International wird es schwierig mitzuhalten.

Hary: In Europa sind die deutschen Sprinter konkurrenzfähig, aber weltweit machst du mit einer 10,0 heute niemandem mehr Angst.

Ex-Weltrekordler Asafa Powell aus Jamaika wurde wegen Dopings für 18 Monate gesperrt, durfte kürzlich in Luzern aber wieder starten, weil der internationale Sportgerichtshof CAS das Urteil auf sechs Monate verkürzt hat.

Hary: Man geht mit diesem Thema nicht konsequent genug um. Ich finde, wenn jemand dopt, dann hat er keine zweite Chance verdient. Doping hat mit Sport nichts zu tun. Selbst zwei Jahre Sperre sind noch viel zu gering, das nimmt doch jeder in Kauf. Wenn sie erwischt werden, trainieren sie ein Jahr lang, machen interne Wettkämpfe und kommen wieder zurück. Dopingsünder sollten für zehn Jahre gesperrt werden, damit wäre die Karriere ruiniert. Ich garantiere Ihnen, in ein paar Jahren würden wir nicht mehr über Doping sprechen. Aber da spielt heutzutage eben auch der Kommerz eine wichtige Rolle.

Früher war eben eine andere Zeit.

Hary: Richtig, und ich bereue auch nicht, dass ich in dieser Zeit aktiv war. Nur eines finde ich schade, ich wäre wirklich gerne einmal in meinem Leben auf einer Tartanbahn gelaufen, mit elektronischer Zeitmessung. Aber das sollte nicht sein.

Interview: Mathias Müller

Leichtathletik: Mythos Letzigrund

Nach dem Umbau 2006 hat das Stadion 25.000 Zuschauer verloren – aber die restlichen 25.000 machen immer noch Krach wie 50 000 in einem anderen Stadion. „Das Stadion ist ein Mythos“, sagt Robert Harting. 1959 lief Martin Lauer die ersten beiden von inzwischen 25 Weltrekorden in der Zürich-Geschichte (110 m Hürden in 13,2 Sekunden und 200 m Hürden in 22,5 Sekunden).

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