Nach Djokovic-Sieg

tz-Interview: Becker über "seinen" Wimbledon-Triumph

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Novak Djokovic (l.) und Boris Becker.

London - Dass Boris Becker noch einmal Wimbledon gewinnen würde.... Wer hätte das gedacht? Die tz traf den Coach von Sieger Novak Djokovic zum Interview.

Novak Djokovic hat wieder zugebissen. Wie 2011 knabberte der Serbe nach dem 6:7 (7:9), 6:4, 7:6 (7:4), 5:7, 6:4 gegen Roger Federer am Gras des Centre Courts.

Es sei Erde dabei gewesen – aber „trotz allem hat es geschmeckt wie die beste Mahlzeit, die ich in meinem Leben hatte.“ Das nennt man dann wohl den Rausch des Erfolgs. Und wie sah es in seinem Trainer aus? Das tz-Interview mit Boris Becker.

Herr Becker, Sie haben hier dreimal als Spieler gewonnen, nun ein viertes Mal als Trainer. Was war schwerer?

Becker: Als Spieler hatte ich alles selbst in der Hand. Triumph oder Absturz auch. Als Trainer sitzt du draußen und schmorst wie in der Hölle. Du brennst innerlich, und musst nach außen eiskalt wirken, damit dein Mann ruhig bleibt. Ich bin da draußen tausend Tode gestorben, das können Sie mir glauben. So schwer war es noch nie, ein Pokerface aufzusetzen. Aber du musst diszipliniert und kontrolliert bleiben, sonst hilfst du deinem Spieler nicht, sondern bist eher noch eine Belastung.

Was bedeutet dieser Sieg nun für Boris Becker?

Becker: Also, es ist zuerst der Sieg von Novak. Ich bin Teil des Teams, es ist keine One-Man-Show des Herrn Becker. Ich spüre natürlich schon Genugtuung über diesen Erfolg, über diesen großen Tag für Novak und für mich. So oft ist es noch nicht passiert, dass jemand Wimbledon auf dem Rasen und als Trainer gewinnt. Wir haben eine superakribische Vorbereitung gemacht, da hat alles auf den Punkt gepasst – und diese Endspielleistung war die Krönung, die Vollendung unseres großen Plans. Es war der perfekte Tag. Aber ich denke nicht so sehr an mich. Sondern daran, was es für Novak bedeutet. Darum geht es.

Sie haben als Spieler gesagt: Siege kannst du durch nichts ersetzen. Gilt das auch für Trainer?

Becker: Klar, ich wusste, welches Risiko ich eingegangen bin mit diesem Job. Du übernimmst einen Spieler, bei dem nur als Gewinn verbucht wird, wenn er Turniere gewinnt. Als Zweiter ist er der erste Verlierer. Aber diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen. Und ich bin schon immer jemand gewesen, der nicht vor schweren Herausforderungen zurückgeschreckt ist. Auch nicht im Wissen, dass ich der Erste bin, der schuld ist, wenn es schiefgeht. Hier oder sonstwo.

In Deutschland hat man eher belustigt und erstaunt reagiert, als Ihre Verpflichtung bekannt wurde.

Becker: In Deutschland sehen mich die Menschen schon immer mit anderen Augen als im Rest der Welt. Ich habe immer damit gelebt und mich davon auch nicht beirren lassen.

Sind Sie nicht ins Grübeln gekommen, als es die ersten Fehlschläge gab, etwa bei den Australian Open?

Becker: Natürlich hatte ich mir den Start anders vorgestellt. Aber es war eben nur die erste Etappe eines längeren Weges. Manche haben da schon eine Rechnung für Becker und Djokovic ausgestellt, obwohl die Saison erst im November endet. Jetzt hat Novak Großes erreicht – das müsste den Blick nun auch mal verändern auf unsere Arbeit. Auf eine gemeinsame Arbeit, die noch mehr bringen wird. Wir haben noch viel vor.

Nach dem Finale haben Sie gesagt: Wir sind am Ziel. Wie ist das zu verstehen?

Becker: Das Ziel, eher das Zwischenziel, war, Wimbledon zu gewinnen und Platz eins zu holen. Das ist geschafft. Jetzt geht es darum, diese Erfolge zu bestätigen. Novak ist ab sofort wieder der Mann, den es zu schlagen gilt. Aber er wird das mit großem Selbstvertrauen angehen, nun, da endlich der Fluch einiger verlorener Topspiele abgeschüttelt ist. Dieser Sieg hier, der war so unglaublich wichtig für ihn. Da ist eine tonnenschwere Last abgefallen von ihm.

Bei Ihnen auch – oder?

Becker: Natürlich. Es wäre hart gewesen nach einem verlorenen Finale. Wenn du ein solch bedeutendes Match verlierst, ein Match, in dem du der bessere Mann bist, dann bist du am Boden. Ich bin heilfroh, dass er gewonnen hat – und zwar in der Statur eines wahren Champions. Und eines Straßenkämpfers zugleich, denn er hat gefightet wie ums Überleben, nie aufgegeben, alles, absolut alles versucht, um zu gewinnen – und ist belohnt worden.

Worum geht es nun nach diesem Wimbledonsieg in der gemeinsamen Arbeit?

Becker: Ich schaue tatsächlich schon wieder nach vorn, und das ist merkwürdigerweise eine Parallele zu der Zeit als Spieler. Auch da habe ich die Siege nie so richtig lange genossen und mir schnell Gedanken macht: Was bedeutet das jetzt für dich und deine größten Rivalen, wie verändert sich das Gesamtbild? Insofern freue ich mich kurz und intensiv, und dann gehen wir an die Planung für die US Open, an die Planung für das kommende Trainingspensum.

Gegen Federer wirkte ­Djokovic erstmals wieder mental so stark wie in seinem Glanzjahr 2011, in dem er drei Grand-Slam-Titel gewann.

Becker: Es war eine große Bestätigung für ihn, dass er unter höchstem Druck diese Big Points wieder gemacht hat. Und das wird ihm auch einen Schub geben für die nächsten Topturniere. Siege sind die Nahrung fürs Selbstbewusstsein, und dieser Sieg bedeutet: viel Nahrung, sehr viel Nahrung. Wenn du Wimbledon gewinnst, gehst du anders durch die Welt.

Interview: Jörg Allmeroth

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