Sommerspiele in Tokio

Das IOC und die Geschlechtergerechtigkeit

Lara Lessmann
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Die deutsche BMX-Freestylerin Lara Lessmann.

Fast die Hälfte der rund 11.000 Olympia-Aktiven sind Frauen. Die Spiele in Tokio werden vom IOC auch als Meilenstein im Kampf für Gleichberechtigung gefeiert. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Tokio - Die deutschen Judokas gewinnen mit drei Männern und drei Frauen bei der Olympia-Premiere im Mixed Bronze. Erstmals dürfen beim Gewichtheben, Rudern oder Schießen Frauen in genau so vielen Disziplinen antreten wie Männer.

Fast die Hälfte der in Tokio Aktiven sind weiblich. Kein Wunder also, dass die Olympia-Organisatoren ihre Spiele als Meilenstein im Kampf für Gleichberechtigung feiern.

„Damit senden wir eine weitere äußerst starke Botschaft an die Welt, dass Geschlechtergerechtigkeit bei Olympia Realität ist“, formulierte es IOC-Präsident Thomas Bach bei der Bekanntgabe dieser Zahlen etwas pathetisch. Auf den ersten Blick geben die Zahlen und Fakten dem Chef des Internationalen Olympischen Komitees Recht. 48,8 Prozent der rund 11.000 Olympioniken waren laut offizieller IOC-Statistiken Frauen.

Fahnenträger-Duo als Zeichen

Bei der Eröffnungsfeier vor mehr als zwei Wochen trug erstmals in der Historie Olympischer Spiele ein Duo aus Frau und Mann bei vielen Teams die Fahne ins Nationalstadion der japanischen Hauptstadt. Mit gemischten Wettbewerben sogar in Kernsportarten wie Schwimmen und Leichtathletik oder mit Trendsportarten wie Skateboard und Surfen will das IOC auch dieses Signal senden: Nie waren Olympische Spiele weiblicher.

„Ich finde es sehr gut umgesetzt hier“, sagt DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Das Fahnenträger-Duo bezeichnete der Boss des Deutschen Olympischen Sportbundes als „deutliches Signal und Symbol“. Zudem werde durch die steigende Quote der Mixed-Wettbewerbe „alles dafür getan“, für Gleichberechtigung auch im oft männerdominierten Sport zu sorgen. „Für die Frauenszene hat sich sehr viel geändert, seit es olympisch ist“, sagt die deutsche BMX-Freestylerin Lara Lessmann. Die Ringer-Olympiasiegerin Aline Rotter-Focken sagte: „Eine bessere Bühne als Olympische Spiele gibt es nicht. Und ich fühle mich auch bestens präsentiert und sehe keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen.“

Debatte um Kleidervorschriften

Tennis-Olympiasieger Andy Murray bezeichnete Wettbewerbe, in denen Frauen und Männer gemeinsam um Medaillen kämpfen, als „gewaltige Errungenschaft“. Für den IOC-Sportdirektor Kit McConnell gibt es „nichts Gleichberechtigteres als einen Mann und eine Frau, die als gemeinsames Team auf dem gleichen Spielfeld die gleichen sportlichen Ziele erreichen wollen“. Für die deutsche Golferin Caroline Masson wäre ein Team-Event gemeinsam mit den Herren eine Bereicherung. „Golf kann so viel mehr. In einer perfekten Welt hätten wir beides“, sagte sie. Alles gut und gleichberechtigt also bei Olympia 2021?

„Damit senden wir eine weitere äußerst starke Botschaft an die Welt“, sagt IOC-Präsident Thomas Bach.

Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Die Debatte um Kleidervorschriften oder zu knappe Sportlerinnen-Outfits war auch durch die Ganzkörperanzüge der deutschen Turnerinnen präsent. Der Chef des Olympic Broadcasting Service, der seit 2001 das weltweite Fernsehbild produziert, wies explizit darauf hin, dass bestimmte Aufnahmen oder Kamerapositionen zu vermeiden seien. „Sport Appeal, nicht Sex Appeal“ haben die Olympia-Offiziellen ausgerufen.

Nachholbedarf in praktischen Bereichen

„Sie werden in unserer Berichterstattung Dinge nicht mehr sehen, die Sie vielleicht früher gesehen haben, mit Details oder Nahaufnahmen auf bestimmte Bereiche des Körpers“, sagte OBC-Chef Yiannis Exarchos und räumte ein, dass in der Vergangenheit hier Fehler gemacht wurden.

Auch in ganz praktischen Bereichen gab und gibt es Nachholbedarf. Erst nachträglich erlaubten IOC und Organisationskomitee stillenden Müttern, die an Olympia als Sportlerinnen teilnehmen, ihre Babys nach Japan mitzubringen. Zuvor hatte die kanadische Basketballspielerin Kim Gaucher in prägnanten Worten proklamiert, dass das IOC sie zu einer harten Entscheidung zwinge: entweder auf Olympia zu verzichten oder 28 Tage in Tokio ohne ihre Tochter zu verbringen.

Was die Sache im Gastgeberland der Spiele noch vertrackter macht: Das Frauenbild in Japan ist traditionell geprägt. Als symbolträchtiges und starkes Zeichen war daher die Berufung von Organisationschefin Seiko Hashimoto verkauft worden. Die 56-Jährige kam allerdings nur deshalb ins Amt, weil ihr Vorgänger Yoshiro Mori zurücktreten musste. Wegen eines Skandals um frauenfeindliche Aussagen. dpa

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