Vor dem Start der Deutschland-Tour

Buchmann im Exklusiv-Interview: „Die Tour war keine Eintagsfliege“

+
Mit dem Sieger der Tour de France im Schlepptau: Emanuel Buchmann (r.) hielt bei der Großen Schleife sogar mit Egan Bernal mit.

Mit Platz vier hat Emanuel Buchmann bei der Tour de France für Furore gesorgt. Jetzt startet Deutschlands Rundfahrt-Hoffnung wieder in der Heimat und äußert sich im Interview.

München - Emanuel Buchmann ist bei der vergangenen Tour de France als Gesamtvierter zum großen Hoffnungsträger des deutschen Radsports aufgestiegen. Nach vierwöchiger Pause hat der 26-jährige Ravensburger vom Raublinger Bora-hansgrohe-Team seit seiner aufsehenerregenden Fahrt durch Frankreich bei der am Donnerstag in Hannover startenden Deutschland-Tour (29. August bis 1. September) seinen ersten großen Auftritt in der Heimat.

Unsere Zeitung unterhielt sich mit Buchmann über seinen frischen Ruhm, Verstärkung für die Berge und die Frage: Steckt in ihm ein künftiger Tour-Sieger?

Emanuel Buchmann, unmittelbar nach der Tour de France meinten Sie, Sie könnten noch gar nicht richtig realisieren, was da passiert sei. Seither sind vier Wochen vergangen. Haben Sie inzwischen Ihren Erfolg verarbeiten können?

Buchmann: Ja, ich hab schon darüber nachgedacht, was ich geleistet habe. So langsam kann ich das sacken lassen und begreifen, dass ich eine richtig, richtig gute Tour gefahren bin. Und dass das mehr war, als ich erwarten konnte.

Sie haben jetzt vier Wochen Pause gemacht. Wie fühlte sich das zunächst körperlich an, sich drei Wochen lang beim schwersten Radrennen der Welt geschunden zu haben?

Buchmann: Es kommt da immer darauf an, wie man aus der Tour rauskommt. Dieses Jahr war ich bis zum Schluss sehr fit. Aber man merkt auch noch fünf Tage nach der Tour, dass man nicht so frisch ist, als wie wenn man etwa zwei Wochen Urlaub gemacht hätte. Aber völlig kaputt habe ich mich nicht gefühlt.

Was waren Ihre wichtigsten Erkenntnisse, die Sie aus dem bisher besten Rennen Ihrer Karriere gewonnen haben?

Buchmann: Ich habe gemerkt, dass ich bei einer großen Rundfahrt wirklich ganz vorne mitfahren kann. Das ist vor allem mental ein Riesenvorteil zu wissen: Man hat drei Wochen lang mit den Allerbesten mithalten können. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das kein Eintagsfliegenereignis gewesen ist. Man hat aber auch gesehen, dass man das Team noch mehr auf mich ausrichten müsste, wenn ich ganz vorne mitfahren soll. Wir haben zum Beispiel beim Mannschaftszeitfahren einiges an Zeit verloren. Das war nicht so wie wir uns wünschten.

Der Förderer: Teamchef Ralph Denk sagt über Emanuel Buchmann: „Er schläft schon schlecht, wenn er mal ein Eis isst.“

Kurz nach der Tour bemängelten Sie auch, dass Sie im Hochgebirge mit Gregor Mühlberger nur einen Helfer an der Seite hatten, der Sie konstant unterstützen konnte. Teamchef Ralph Denk hat nun mit Lennard Kämna einen jungen Fahrer mit Kletterqualitäten verpflichtet. Was halten Sie von Ihrem künftigen Kollegen? Reicht er als Verstärkung?

Buchmann: 

Das ist eine Superverpflichtung. Lennard ist ein richtig talentierter Fahrer. Das hat er schon als Jugendlicher und im U23-Alter gezeigt. Und jetzt ist er in der letzten Tour-Woche auch sehr stark gefahren. Er kann in jedem Fall ein guter Helfer und selber zum Siegfahrer werden. Mit Rafal Majka, Felix Großschartner, Gregor Mühlberger, Patrick Konrad und Maxi Schachmann, der bei der Tour mit gebrochener Hand leider aufgeben musste, haben wir ja noch weitere starke Bergfahrer im Team. Ich glaube, man muss da jetzt nicht noch groß neue Leute verpflichten. Es geht vielmehr darum für nächstes Jahr einen starken Kader zu haben, der sich auf die Tour vorbereitet. Drei oder vier Bergfahrer in Topform sind sicher genug.

Denken Sie schon an die nächste Tour?

Buchmann: 

Ganz im Hinterkopf überlegt man sich schon, was man im kommenden Jahr anders machen könnte. Aber das ist noch weit weg. Mit den Planungen werden wir erst Oktober, November beginnen.

Können Sie schon was über Ihre künftigen Ziele sagen?

Buchmann: 

Ich habe mich in den letzten Jahren Schritt für Schritt verbessert. Und ich werde auch nächstes Jahr versuchen, noch einmal einen Schritt zu machen.

Die deutschen Radsportfans fragen sich natürlich: Steckt in Emanuel Buchmann ein kommender Toursieger? Was meinen Sie dazu?

Buchmann: 

Das kann man nicht so ohne weiteres beantworten. Fest steht, dass ich dieses Jahr nicht weit vom Toursieg weg war. Das waren nicht einmal zwei Minuten. In diesem Jahr bin ich eigentlich immer nur vorne mitgefahren und habe keine Zeit verloren. Wenn man die Tour gewinnen will, muss man aber auch Zeit auf die anderen rausholen. Das ist schon noch was anderes. Ich versuche jedenfalls, mich immer weiter zu entwickeln. Und wer weiß, wie es in drei Jahren aussieht.

Bisher war ja Peter Sagan, der dreimalige Weltmeister, der große Star im Bora-hansgrohe-Team. Zumindest in Deutschland dreht sich das Interesse aber inzwischen vor allem Sie. Wie kommt Sagan damit zurecht?

Buchmann: 

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das für Peter ein Problem ist. Er hat ja nach wie vor große mediale Aufmerksamkeit.

Die Deutschland-Tour wird sicher ein stimmungsvolles Heimspiel für Sie werden. Rein sportlich dürften Ihre Erwartungen nicht allzu groß sein ...

Buchmann: 

Das stimmt. Die Strecke ist nicht für Bergfahrer gemacht. Das Profil kommt meinen Stärken nicht entgegen. Der Kurs ist vor allem was für die Sprinter. Ich werde versuchen, so gut wie möglich dem Team zu helfen - also vor allem unserem Sprintspezialisten Pascal Ackermann; der hat einige Chancen.

Allein auf der vierten und letzten Etappe in Thüringen gibt es eine längere Steigung ins 834 Meter hoch gelegene Oberhof. Sehen Sie da eine Chance zu attackieren?

Buchmann: 

Die Steigung ist nicht sehr schwer und 70 Kilometer weit vom Ziel entfernt. Außerdem sind ja gute Teams am Start, das Niveau ist relativ hoch bei der Deutschland-Tour, da fährt man nicht so ohne weiteres weg.

Die Deutschland-Tour hat ja nach zehnjähriger Pause erst im vergangenen Jahr ihre Renaissance erlebt. Was würden Sie sich denn künftig für dieses Rennen wünschen?

Buchmann: 

Eine richtige Bergetappe wäre schön, dann würden auch meine Chancen auf die Gesamtwertung steigen.

Das am Donnerstag startende Rennen ist Ihr erster großer Auftritt vor heimischem Radsport-Publikum. Ist das eine besondere Motivation für Sie?

Buchmann: Ganz sicher. Ich freue mich richtig darauf, endlich wieder vor deutschem Publikum zu fahren. Das habe ich schon länger nicht mehr gemacht. Es macht immer Spaß in Deutschland zu fahren. Und es freuen sich bestimmt auch einige Fans darauf, mich zu sehen. Ich denke, da wird viel los sein.

Bei der Polen-Rundfahrt war ein hoffnungsvolles Talent bei einem Sturz ums Leben gekommen. Einen Vergleich mit Jahn Ullrich, dem bislang einzigen deutschen Tour-Sieger, lehnt Buchmann ab.

Interview: Armin Gibis

Auch interessant

Meistgelesen

Veranstalter wollen an Multi-EM 2022 festhalten
Veranstalter wollen an Multi-EM 2022 festhalten
IOC: Nationen entscheiden über Tokio-Tickets für Sportler
IOC: Nationen entscheiden über Tokio-Tickets für Sportler
Box-Champion Pulew will 1,5 Millionen Euro spenden
Box-Champion Pulew will 1,5 Millionen Euro spenden
Premier League stoppt für unbestimmte Zeit
Premier League stoppt für unbestimmte Zeit

Kommentare