Borussia Mönchengladbach

Trainer Dieter Hecking: „Meine Träume lege ich nicht offen“

+
Borussia Mönchengladbachs Trainer Dieter Hecking.

Dieter Hecking ist bei Borussia Mönchengladbach Trainer nun fast ein Jahr im Amt. Er selbst hat unter Jupp Heynckes trainiert.  Lesen Sie hier das große Interview. 

Mönchengladbach - Am Samstag begegnen sich Dieter Hecking und Jupp Heynckes als Kollegen – an die erste Begegnung vor 35 Jahren kann sich der 53-Jährige (sechs Bundesliga-Spiele für die Borussia) genau erinnern. „Ich war damals 18, als ich aus Paderborn nach Gladbach kam und Jupp Heynckes Trainer war“, erzählte Hecking gestern. „Heynckes war damals schon sehr ehrgeizig. Da haben wir im Reservistentraining auch mal so lange gespielt, wenn er mitgemacht hat, bis er gewonnen hatte. Er war eine absolute Respektsperson für mich.“ Und was erwartet Hecking für Samstag? „Trotz der Ausfälle ist die Qualität bei den Bayern enorm. Wenn wir einen guten Tag haben, sind wir mit der Hilfe unserer Fans aber in der Lage, einen tollen Fight abzuliefern.“

Mittlerweile sind Sie voll da: Gladbach hat nur eins der letzten sechs BL-Spiele verloren. 

Dieter Hecking: Wir sind mit ein paar Schwankungen in der Saison unterwegs, in den letzten sechs Spielen haben wir aber vier Siege geholt. Das ist stabil, jetzt müssen wir es kontinuierlich auf dem hohen Niveau abrufen.

Der Saisonstart mit BMG war durchwachsen. Woran lag das? 

Dieter Hecking: Wir sind mit dem Derby-Sieg gegen Köln gut in die Saison gestartet. Dann haben wir in Augsburg bis in die Nachspielzeit geführt und das Heimspiel gegen Frankfurt verloren. Nach zwei guten Spielen verlierst du dann 1:6 in Dortmund – in einer Art und Weise, die vor allem im Defensiv-Verbund nicht gut war. Auch die Niederlage gegen Leverkusen zuhause schlägt negativ zu Buche. Da haben wir – für mich als Trainer – vor der Pause die beste Halbzeit der Saison gespielt. Aber wir haben eben nicht höher als 1:0 geführt. In der zweiten Halbzeit wollten wir zu schnell mehr. Da waren wir in unserer Denke zu forsch.

Zuletzt gab es einen 4:2-Sieg in Berlin. Ist das Forsche der Grund dafür, dass das Pendel sehr extrem in beide Richtungen ausschlagen kann? 

Dieter Hecking: Wir haben die Qualität im Spiel nach vorne, auch in Dortmund hatten wir sieben hundertprozentige Torchancen. Da machen wir aber nur ein Tor. In Berlin war die Effektivität da, da haben wir aus relativ wenigen Abschlüssen vier Tore gemacht. Es zeichnet sehr gute Mannschaften aus, dass sie mit einer hohen Effektivität unterwegs sind.

Unsere Aufgabe ist es talentierte Spieler zu finden

Sie sind jetzt fast ein Jahr im Amt. Inwiefern entspricht Gladbach schon Ihren Ideen? 

Dieter Hecking: Als ich gekommen bin, ging es erst mal darum, Stabilität reinzubringen. Damit wir uns relativ schnell von den Abstiegsrängen entfernen. Das ist gut gelungen mit einer sehr guten Rückrunde. Im Sommer mussten wir die Mannschaft etwas umformen, wir haben mit Christensen und Dahoud zwei absolute Stammspieler verloren. Bei Borussia Mönchengladbach musst du immer damit rechnen, dass sehr gute Spieler das Interesse anderer Clubs wecken, das geht anderen Clubs aber nicht anders. Unsere Aufgabe ist es, das zu kompensieren und wieder andere talentierte Spieler zu finden. Das ist uns in diesem Jahr auch wieder gelungen, aber es braucht natürlich immer ein bisschen Zeit. Wir spielen im Moment sehr häufig aus einem 4-4-2, in der Flexibilität können wir noch zulegen. Aber dafür fehlen mir aufgrund von Verletzungen zum Teil die Spieler. Ein Beispiel: Ibrahima Traore ist ein ganz wichtiger Spieler für uns, weil er Eins-gegen-eins-Situation auflösen und mit dem Tempo am Gegner vorbei ziehen kann. Den habe ich in den elf Monaten, die ich jetzt da bin, vielleicht drei Monate zur Verfügung gehabt.

„Die Champions League wäre das große Wunschkonzert“

Die Fans in Mönchengladbach denken bei Platz vier schon wieder an die CL. Sie haben gesagt „Träumen ist nicht verboten.“ Wovon träumen Sie denn eigentlich? 

Hecking (lacht): Meine Träume lege ich nicht offen. Wir in Mönchengladbach, vor allem in Person von Max Eberl, fahren gut damit, realistische Ziele auszugeben. Wir haben vor der Saison gesagt, dass wir uns im Vergleich zur letzten Saison verbessern wollen. Das ist machbar. Wie weit uns das nach vorne bringt, liegt auch an den anderen Mannschaften. Aber vor allem daran, wie konstant wir spielen. Das ist das Entscheidende. Wenn wir eine konstante Rückrunde spielen, sind wir sicher in der Lage, einen europäischen Wettbewerb zu erreichen. Die Champions League wäre das große Wunschkonzert. Ich sehe uns im Bereich von acht, neun, zehn Mannschaften, die das selbe Ziel haben. In diesem Kreis gilt es, sich durchzusetzen.

„Jupp Heynckes war damals schon sehr erfolgsorientiert“

Am Samstag kommen die Bayern mit Jupp Heynckes. Er war auch Ihr Trainer, als Sie von 83 bis 85 in Gladbach spielten. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn? 

Hecking: Ich habe ihn in seiner Anfangszeit als Trainer kennengelernt, das war auch meine Anfangszeit als Spieler. Er war damals für mich als 18-Jähriger eine absolute Respektsperson. Ich war nur ein ganz kleines Licht im Kader. Jupp Heynckes hat damals viel Wert auf die 12, 13 Spieler gelegt, die zum Kreis der Stammelf gehörten. Wir haben es häufiger mit seinem Assistenten Wolf Werner zu tun gehabt. Das ist der große Unterschied zu heute, dass man mit allen Spielern einen engen Draht haben muss. Aber, was ich sagen kann: Jupp Heynckes war damals schon sehr erfolgsorientiert – egal, ob Trainingsspiel oder Ligaspiel. Das hat er sich bis jetzterhalten.

Was haben Sie von ihm gelernt? 

Hecking: Das ist natürlich schwer in der Anfangszeit als Spieler. Ich war zwei Jahre in Gladbach, da nimmt man nicht so viel mit. Das muss ich ehrlich sagen. Klar guckt man dem ein oder anderen Kollegen mal über die Schulter, aber letztendlich geht es darum, seinen eigenen erfolgreichen Weg zu gehen. Da muss man nicht so viel nach links und rechts schauen.

Stimmt es, dass ein Missverständnis Ihre Karriere zum Stottern brachte? (Heynckes soll gesagt haben: "Schau' dir an, wie der Frank Mill spielt." Er hatte aber genau das Gegenteil gemeint.) 

Hecking: In den ersten 14 Tagen in Mönchengladbach hat Jupp Heynckes zu mir gesagt: 'Dieter, pass auf! Du bist hier zum Lernen. Guck dir ein Jahr lang an, wie Frank Mill spielt, wie sich ein guter Stürmer bewegt.' Ich glaube, dass er gemeint hat: Gucks dir an, mach sofort was draus und baue Druck auf. Und ich habe gedacht: Ja schön, jetzt hab ich ein Jahr und kann erst mal zugucken, wie Frank Mill das macht und bekomme gar keine Chance. Trotzdem habe ich es selbst in der Hand gehabt, Jupp Heynckes davon zu überzeugen, dass ich besser bin als Frank Mill. Dazu ist es aber nicht gekommen, weil Frank Mill damals ein Klasse-Stürmer war.

Jupp Heynckes ist in Gladbach eine Legende. Ist es ein komisches Gefühl, wenn er als Gegner kommt? 

Hecking: Wir hatten schon das eine oder andere Spiel gegeneinander, aber es ist das erste Mal in dieser Konstellation. Ganz Gladbach freut sich auf Jupp Heynckes! Er hat die Ehrenbürgerschaft bekommen und dadurch, dass er weiterhin in der Nähe wohnt, zeigt er seine Verbundenheit. Die Leute mögen ihn aufgrund seiner bodenständigen Art. Das Wiedersehen wird allen, die für die Borussia halten, große Freude bereiten.

Die Bayern haben unter Jupp Heynckes noch keinen Punkt abgegeben. Warum ist es am Samstag so weit? 

Hecking: Jede Serie reißt mal. Wenn sie bei uns am Samstag reißen würde, wären wir natürlich froh. Wir werden alles probieren, um das hinzubekommen. Respekt ja, aber nicht mutlos– das wird ganz wichtig sein. Die Bayern haben von der individuellen Qualität den besten Kader in der Bundesliga, auch wenn sie am Anfang der Saison ein bisschen geschwächelt haben. Trotzdem dürfen wir nicht mutlos agieren, wir müssen Phasen im Spiel haben, wo wir über den Ballbesitz kommen – damit wir nicht nur hinterher laufen. Neben einer guten Defensivleistung wird es darauf ankommen, dass wir Chancen kreieren.

Inwiefern haben sich die Bayern nach der Heynckes-Rückkehr verändert? 

Hecking: Es ist schwer, von außen zu beurteilen, was am Anfang der Saison nicht gut gelaufen ist. Die Bayern-Verantwortlichen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge haben im richtigen Moment die richtige Entscheidung getroffen. Sie haben mit Jupp Heynckes jemanden geholt, der weiß, wie der Verein tickt. Er weiß, wie er mit erfahrenen Spielern umzugehen hat – das ist beim FC Bayern unerlässlich und deshalb ein unschätzbarer Vorteil von Jupp Heynckes. Das war der Grund, warum die Bayern so schnell wieder zurück in die Spur gekommen sind.

Haben Sie in Ihrer Trainerkarriere auch eine Phase gehabt, in der es einfach nicht lief und diese Entwicklung nicht mehr aufzuhalten war? 

Hecking: So einen Trend hatte ich am Ende in Wolfsburg. Da habe ich mich gefragt: Passt es noch zwischen Mannschaft und Trainer? Nach einer sehr erfolgreichen, langen Zeit von fast vier Jahren habe ich am Ende gespürt, dass ich vielleicht im Sommer zuvor – nach den großen Erfolgen – hätte aufhören und den Weg für etwas Neues frei machen sollen. Sowohl für die Mannschaft als auch für mich selbst. Das ist der schmale Grat als Trainer, zu erkennen, wie lange eine Verbindung zwischen Mannschaft und Trainer gut geht. Das ist die schwierigste Aufgabe in diesem Business – auch im Erfolgsfall zu erkennen, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, wo beide Seiten etwas anderes machen sollten.

9. Mai 1983: Jupp Heynckes posiert mit seinen Neuzugängen (oben v. li.) Lienen, Herbst und Kraus. Unten Criens, Drehsen und Dieter Hecking.

Die Bayern setzen auf sehr erfahrene Trainer. Carlo Ancelotti ist 58, Jupp Heynckes 72. Sie sind jeweils der zweitälteste BL-Trainer gewesen. Demnach wären Sie der nächste auf der FCB-Liste. Würden Sie zusagen, wenn die Anfrage kommt? 

Hecking: Was die Erfahrung angeht: Ja, ich habe 650 Pflichtspiele als Trainer. Wenn die Bayern anfragen – egal, ob man Spieler, Trainer oder Sportdirektor ist, - ist dies grundsätzlich eine Auszeichnung. Aber im Moment stellt sich diese Frage nicht.

Es gibt immer mehr junge Trainer in der Bundesliga. Welche Rolle spielt das Alter? Welche die Erfahrung? 

Hecking: Beides ist wichtig. Mit Hannes Wolf, Domenico Tedesco und Julian Nagelsmann haben es drei sehr junge Trainer geschafft, sich am Anfang ihrer Karriere einen guten Namen zu machen. Das ist für den Trainerberuf in Deutschland sehr gut. Nichts desto trotz gibt es auch bei den jungen Trainern einige Negativ-Beispiele, die oft unter den Tisch gekehrt werden. Nicht jeder schafft es auf Anhieb, ein erfolgreicher Bundesliga-Trainer zu werden. Dafür braucht man das fachliche Wissen und Menschenkenntnis. Beide Trainer-Typen werden in der Bundesliga gefragt sein: die erfahrenen Trainer und die jungen.

Sie sehen sich in Ihrer Position also nicht von den jungen Trainer bedroht? 

Hecking: Eine gesunde Mischung wie in einer Mannschaft ist auch im Trainer-Alltag wichtig. Wir brauchen einerseits frisches Blut, um uns immer wieder zu reiben, um die eine oder andere Sache aufzunehmen. Andererseits zeigen derzeit Jupp Heynckes oder auch Friedhelm Funkel in der 2. Liga, dass man mit Erfahrung Mannschaften sehr gut führen und leiten kann. Das ist ein stetiges Miteinander, ich sehe uns nicht als Konkurrenten.

Als Sie in Wolfsburg Trainer waren, haben Sie den DFB-Pokal und Supercup geholt, zudem Real Madrid 2:0 geschlagen und fast aus der Champions League gekegelt. Ist der VfL von damals die beste Mannschaft, die Sie bisher trainiert haben? 

Hecking: Das war mein Weg. Ich habe mir alles hart erarbeitet – von der dritten Liga bis hoch in die Bundesliga. Die logische Konsequenz war, dass ich irgendwann mal einen Verein trainieren möchte, der von den Voraussetzungen und Zielsetzungen ganz anders war – bei allem Respekt für Nürnberg, Aachen und Hannover. In Wolfsburg war von vornherein klar, dass wir wieder nach Europa wollen, Minimum Europa League. Und wenn es geht, wollten wir irgendwann einen Titel holen. Das war bislang meine einzige Station, wo ich die Voraussetzungen dazu hatte, vom Spielerkader und von den wirtschaftlichen Möglichkeiten. Es war eine tolle Zeit, mit Klaus Allofs zusammen etwas aufzubauen. Es waren natürlich auch extrem gute Spieler da. Ich denke an Kevin De Bruyne, Ivan Perisic und Naldo. Das war eine herausragende Mannschaft.

Sie haben Kevin De Bruyne angesprochen. Wie war er in der täglichen Arbeit? 

Hecking: Ich habe mittlerweile natürlich den einen oder anderen guten Spieler gesehen. Kevin De Bruyne ist sicherlich in den Top drei, mit denen ich zusammen gearbeitet habe. Kevin will immer gewinnen. Das sind genau die Typen, die den Unterschied machen. Ich habe mit Ilkay Gündogan ganz am Anfang seiner Karriere in Nürnberg zusammen gearbeitet. Auch er war ein absoluter Ausnahmespieler, bei dem ich gesagt habe: Der wird mit Sicherheit Nationalspieler und geht auch noch ein Stück weiter als nach Dortmund. Leider war er zu oft verletzt, sonst wäre vielleicht noch besser für ihn gelaufen. Die beiden und auch Raffael und Lars Stindl in unserem jetzigen Kader: das sind Spieler, die eine Aura haben und bei denen jeder Mitspieler weiß, dass sie den Unterschied machen können.

Interview: Jonas Austermann

Auch interessant

Meistgelesen

Skeletonpilotin Lölling gewinnt in Winterberg
Skeletonpilotin Lölling gewinnt in Winterberg
Vier deutsche Biathleten in Top Ten - Doll abgeschlagen
Vier deutsche Biathleten in Top Ten - Doll abgeschlagen
Bundestrainer drückt Resetknopf: DHB-Frauen vor WM-Neustart
Bundestrainer drückt Resetknopf: DHB-Frauen vor WM-Neustart
IOC-Ermittler warnt vor russischen Bespitzelungen
IOC-Ermittler warnt vor russischen Bespitzelungen

Kommentare