Doping-Experte Sörgel: "Todesfälle inklusive"

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Doping-Experte Prof. Fritz Sörgel

München - 184 Tage vor den Olympischen Spielen in London stecken nicht nur die Sportler, sondern auch die Dopingjäger mitten in der Vorbereitung. Das tz-Interview mit Experte Prof. Fritz Sörgel.

Noch 184 Tage bis zur Eröffnung der Olympischen Spiele in London. Es wird ein Rennen gegen die Zeit für die Athleten, die sich bis dahin in Topform bringen wollen – und für die Dopingfahnder, die diesen Prozess überwachen sollen. Das tz-Interview mit Dopingexperte Prof. Fritz Sörgel.

2011 war es ruhig. Es scheint schon mal schlimmere Dopingzeiten gegeben zu haben…

Sörgel: Ich traue dem Frieden nicht, vielleicht arbeiten die Dopingsünder mit einer fortschreitenden Perfektion. Es könnten Abkömmlinge bekannter Stoffe oder eine völlig neue Art des Dopings im Umlauf sein. Ich bin mir sicher, dass Sportler bereits mit Stammzellen und allen möglichen anderen Zellen aus dem Körper getestet haben, die Hoffnung auf Leistungssteigerung erwarten ließen. Um Stammzellen gibt’s derzeit einen regelrechten Hype in der Medizin. So was ruft erfahrungsgemäß schnell die kriminellen Ärzte aus der Dopingmafia auf den Plan, man geht schnell in den „Menschenversuch“, ohne Rücksicht auf die möglichen Risiken, Todesfälle inklusive.

Aktuell gibt es auch um den Erfurter Arzt Andreas Franke Verdächtigungen. Ein neuer Dopingskandal?

Sörgel: Ich meine schon, denn die angewandten Methoden waren scheinbar schon zu DDR-Zeiten bestens bekannt, und offensichtlich wendet sie Dr. Franke schon seit zwanzig Jahren an. Wie es weitergeht, hängt jetzt von der Arbeit der Staatsanwaltschaft ab. Und davon, ob die NADA und der Sport überhaupt Klarheit in den Fall bringen wollen. Die Signale deuten nicht unbedingt darauf hin.

Und das in einem Olympia-Jahr. Was dürfen wir in in London erwarten?

Sörgel: Es wird quantitativ aufgestockt, aber auch qualitativ: Sogar die Putzfrauen werden miteingebunden, damit sie beim Aufräumen die Augen offen halten. Ein scheinbar banaler Schritt, aber nach meiner Einschätzung einerder wichtigsten Maßnahmen.

Reicht das?

Sörgel: Nein, man müsste auch Detektive einsetzen. Beim Dopingskandal mit den Österreichern in Turin habe ich mich schon gewundert. Wie kann es sein, dass niemand die Hotels der Sportler durchsucht. Aber zu viele Dopingfälle wird es in London nicht geben, denn wir dürfen nicht vergessen, dass wir auch in London nur Stoffe messen können, die wir schon kennen. Und die werden höchstens von Sportlern armer Länder verwendet, doch nicht von Sport-Multimillionären! Ausnahmen bestätigen da nur die Regel.

Der Dopingkreislauf geht also immer weiter?

Sörgel: Die Chemie und die Erweiterungen durch die biotechnologischen Methoden sind enorm. Bei Olympia werden die Athleten in Sachen bekannter Stoffe sehr in die Enge getrieben. Zudem ist geplant, die Proben über sieben Jahre einzufrieren, damit man auch später mit neuen Methoden noch nachweisen kann. Dann kann sich ein Olympiasieger vielleicht einige Jahre an der Medaille erfreuen, das Erwachen wird dann umso schlimmer. Dumm dabei nur, dass man ihm das viele Geld, das er inzwischen verdient hat, nicht wird abnehmen können. Das heißt, der Anreiz zu dopen ist nach wie vor hoch.

In diesem Jahr wurde die Osaka-Regel abgeschafft, derzufolge Athleten nach einer mehr als sechsmonatigen Sperre nicht an den folgenden beiden Olympischen Spielen teilnehmen hätten dürfen. Das kommt auch Claudia Pechstein entgegen, die schon lange gegen Sie prozessiert.

Sörgel: Aber bisher keinen einzigen Prozess davon gewonnen hat. Die zuletzt in einer so angesehenen Sendung wie der Tagesschau vorgestellte Sicht der Dinge hat nicht nur bei mir heftigsten Widerspruch ausgelöst. Frau Pechstein profitiert von der Abschaffung der Regel, sie darf alles ausnutzen, was das Sport­recht zulässt. Unabhängig von dem Fall Pechstein muss der Sport vorsichtig sein, wenn er seine Vorbildfunktion nicht verlieren will. Stefan Schumacher wurde damals mit nach Peking genommen, trotz Fahrerflucht nach einer Alkoholfahrt und Nachweises einer Droge, von der er nicht wusste, wie sie in seinen Körper gekommen sein soll. Sind das die Vorbilder der Sportjugend?

Interview: M. Müller

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