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Ruderer Oliver Zeidler kritisiert Verband: „Ein riesiges Debakel“

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Er hat alles gegeben: Oliver Zeidler verpasst in Tokio das Olympia-Finale. Zuvor hat er den Gesamtweltcup gewonnen und seinen EM-Titel verteidigt. arichvFotos: JAN WOITAS/DPA, pir, Heise, privat
Hofft auf eine Medaille bei der Heim-EM: Oliver Zeidler. © dpa

Heimspiel für Oliver Zeidler. Bei den European Championships rudert der Schwaiger (Landkreis Erding) auf der Regattastrecke, die er sein Wohnzimmer nennt. Doch mit den Strukturen im Deutschen Ruderverband und der personellen Besetzung ist der 26-Jährige überhaupt nicht zufrieden, wie er im Interview mit dem Münchner Merkur erklärt. 

Oliver Zeidler, wie viel Zeit verbringen Sie aktuell in Ihrem Wohnzimmer?

Das sind schon 14 Stunden pro Woche. Hinzu kommen noch andere Athletik-Einheiten. Wenn man dann noch Physiotherapie und Fahrzeit dazu rechnet, ist es eigentlich ein Fulltime-Job.

Wie groß ist der Heimvorteil?

Der Vorteil ist, dass ich mich sehr sicher fühle. Ich weiß an jeder Stelle, was da genau ist. Die Strecke in München, das ist nicht bei vielen Strecken so auf der Welt, ist allerdings sehr fair. Alle Bahnen sind gleich, die Wetterbedingungen machen den Wettkampf selten unfair. Einen messbaren Vorteil wird es also nicht geben.

Was erwarten Sie sich von den European Championships?

Es ist eine riesige Chance für Sportarten, die sonst nicht so im Fokus stehen, die sonst nicht so viel Sendezeit erhalten. Es ist unsere Aufgabe, den Menschen in München unseren Sport näher zu bringen. Und man wird sehen, dass man auch ohne den ganzen Aufwand, der in den letzten Jahren für Olympia betrieben wurde, ohne die ganzen Summen, die für Stadien ausgegeben worden, ein großes Sportereignis veranstalten kann. Hier in München haben wir alles vor der Haustüre. Vielleicht kann man dadurch auch Olympia wieder attraktiver machen. Olympia in Deutschland würde dem Sport sehr guttun. So negativ behaftet das ganze IOC-Thema ist, das Interesse an Sport ist bei den Menschen doch weiter da. Man müsste das alles mal wieder etwas geraderücken.

Nach der Leichtathletik-WM in Eugene wurde die Sportförderung in Deutschland wieder mal stark kritisiert.

Wir sind in Deutschland keine Profis, müssen aber gegen Profis antreten. Wir müssen damit leben. Am Ende kann nur die Politik und die Gesellschaft etwas dagegen machen. Ich habe vorhin gesagt, wie viel Zeit ich im Boot verbringe. Ich muss aber auch für die Karriere nach der Karriere vorsorgen. Das finde ich auch extrem wichtig, dass man als Athlet nach der Karriere nicht in ein Loch fällt. Aber die Förderung muss viel leistungsbezogener werden. Nach dem Juniorenalter müssen den Sportlern weiter Perspektiven aufgezeigt werden. Im Rudern haben wir eine gute Basis, junge Talente entscheiden sich aber dann oft dazu, den ganzen Aufwand nicht weiter zu betreiben. Weil der Sport einfach nicht attraktiv genug ist in Deutschland. Der Anspruch der Gesellschaft ist immer, dass wir möglichst viele Medaillen holen sollen. Dann muss aber auch ein entsprechendes Umdenken stattfinden. Ohne Aufwand bekommt man nichts.

Wie sieht das in Ihrem Sport aus?

Im Rudersport ist das ein riesiges Debakel. Die Gelder müssen besser verteilt werden, wir müssen professioneller werden. Die besten Skuller sind eigentlich alle im Bereich Frankfurt im Verein, aber unser Bundesstützpunkt ist in Hamburg. Hamburg hat keine Erfolgstrainer, keine sportlichen Aushängeschilder. Wie will man jemandem aus dem Juniorenbereich verkaufen, dass er nach Hamburg gehen muss, um in der Nationalmannschaft zu rudern? Das versteht der Verband leider nicht. Wir müssen komplett umdenken und alles infrage stellen.

Klingt nach großer Unzufriedenheit bei den Athleten.

Wenn man sich die Saisonresultate im Rudern anschaut, das ist ein Debakel. Wir sind so schlecht wie lange nicht. Die Abwärtsspirale, die 2010 angefangen hat, dreht sich immer schneller. Wir haben aber auch im Deutschen Ruderverband niemanden, der diese Ahnung hat vom Leistungssport. Man muss sich das mal vorstellen: Der Doppelvierer, eigentlich ein Medaillengarant, fährt in Luzern, der wichtigsten Regatta vor den Meisterschaften, ein B-Finale auf den vorletzten Platz. Und was macht man dann? Der Trainer beantragt zwei Wochen Urlaub danach, und der Sportdirektor (Mario Woldt, Anm. d. Red.) genehmigt den auch noch. Es ist legitim, dass ein Arbeitnehmer einen Urlaubsantrag stellt. Aber derjenige, der ihn letztendendes genehmigt, gehört rausgeworfen.

Und das ausgerechnet vor den European Championships.

Wir haben jetzt eine Heim-EM mit viel Medienpräsenz. Da kann man es sich doch nicht leisten, ein Boot, vier Menschen, die den Anspruch haben, Leistung zu bringen, zwei Wochen alleine zu lassen. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Bei solchen Strukturen, bei solchen Entscheidungen brauchen wir uns über fehlenden Erfolg nicht wundern. Solche Entscheidungen werden durchgängig im deutschen Ruderverband getroffen. Es wird Zeit, dass da jetzt Verantwortung übernommen wird. Da muss sich was ändern!

Interview: Nico-Marius Schmitz

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