Ex-Diskuswerfer Wagner im tz-Interview

"Wir wurden vor den Kontrollen gewarnt"

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Alwin Wagner

München - Alwin Wagner war einst fünfmal deutscher Meister im Diskuswurf. Als er sich weigerte zu dopen, war seine Karriere zu Ende. Im tz-Interview spricht er Klartext.

Alwin Wagner (63) war fünfmal in Folge deutscher Meister im Diskuswurf. Bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 1984 wurde er Sechster. Mit seiner Bestleistung von 67,80 Metern zählte er zur Weltspitze. Als er sich weigerte zu dopen, war seine Karriere zu Ende. Das tz-Interview.

Herr Wagner, wussten Sie früher von Doping?

Wagner: Die aktuelle Diskussion ist eine total verlogene Sache, denn in den 70er- und 80er-Jahren haben fast alle Athleten offen über Doping geredet. Viele frühere Athleten leben heute immer noch mit der Lüge.

Andere kommen erst jetzt mit der Wahrheit heraus…

Wagner: Wie mein früherer Diskuskollege Hein-Direck Neu, der nach 30 Jahren das bestätigt, was ich 1981 öffentlich ausgesagt habe, nämlich dass der damalige Bundestrainer Karlheinz Steinmetz, der später auch den fünffachen Weltmeister Lars Riedl trainierte, mit Neu nach Freiburg zu Professor Armin Klümper fuhr, wo sie reichlich mit Spritzen und Tabletten versorgt wurden.

Das haben Sie damals schon gesagt?

Wagner: Ich hatte bereits in den Jahren 1981 und 1982 auf das Dopingproblem hingewiesen. In einem Schreiben an NOK-Chef Willi Daume, DLV-Präsident August Kirsch und Josef Neckermann als Vorsitzenden der Sporthilfe wies ich darauf hin, dass unsere Athleten verärgert darüber sind, dass sie immer mehr Mittel einnehmen müssten, um die immer höher geschraubten Normen erreichen zu können. Aber niemand wollte meinen Aufruf hören.

Wie ging es weiter?

Wagner: Per einstweiliger Verfügung wurde mir angedroht, 50 000 Euro Strafe zahlen zu müssen, wenn ich gewisse Dinge weiterhin öffentlich behaupte und diese nicht beweisen könnte. Statt meinen Hinweisen nachzugehen, wurden meine Aussagen geschwärzt, die in dem Buch von Brigitte Berendonk Doping-Dokumente – von der Forschung zum Betrug veröffentlich waren.

Haben Sie auch Dopingmittel eingenommen?

Wagner: Zum ersten Mal kam ich mit Doping 1977 in Berührung, als mir Steinmetz bei einem Lehrgang Anabolika anbot. Bis zum Jahr 1976 warf ich 61,88 Meter, nachdem ich Anabolika-Tabletten eingenommen hatte, verbesserte ich mich 1977 auf 67,10 Meter. Nach den Olympischen Spielen 1984 bekam ich nichts mehr von Prof. Klümper verordnet, weil ich mich zu kritisch äußerte.

Hätten Sie sonst weitergedopt?

Wagner: Als ich erfuhr, dass Dopingmittel als Nebenwirkung zur Impotenz oder zu einer Lebererkrankung führen könnten, habe ich über ein Jahr verzichtet. Meine Leistungen gingen um etwa zwei bis drei Meter zurück. Ich wurde von der Sporthilfe aus dem A-Kader gestrichen und erhielt nicht mehr so viele Angebote zu Wettkämpfen im Ausland.

1988 gehörten Sie ungedopt zum Kreis der Weltbesten?

Wagner: Ich hatte mich für die Olympischen Spiele in Seoul qualifiziert. Dennoch schlug mich der DLV nicht dem Nationalen Olympischen Komitee vor. Somit wurde ich nicht nominiert, obwohl ich eine große Chance auf den Endkampf, vielleicht sogar auf eine Medaille hatte. Wegen meiner Offenheit in Bezug auf Doping-aussagen sollte ich auf diese Weise bestraft und mundtot gemacht werden.

Welche Auswirkungen hatte die Nicht-Nominierung?

Wagner: Die Unterstützung durch die Sporthilfe war weg, der Ausrüstervertrag mit der Schuhfirma wurde nicht mehr verlängert, und der Heimat­verein kürzte die monatliche Unterstützung. Ein DLV-Funktionär sagte mir damals: „Hättest du den Mund gehalten, wäre für dich alles anders geworden.“

Jeder wusste also Bescheid?

Wagner: Mich regte vor allem die Scheinheiligkeit unserer Funktionäre auf. Wir sollten offiziell sauber bleiben und ohne Doping die gleichen oder sogar besseren Leistungen erbringen wie unsere gedopte Konkurrenz. Dass das nicht ging, war klar. Aus diesem Grund duldete man inoffiziell Doping, im Stillen war es sogar erwünscht, aber man wollte keinen Dopingfall. Wir wurden schriftlich unterrichtet, bei welchen Wettkämpfen Kontrollen durchgeführt werden, und somit gewarnt, damit die Athleten rechtzeitig ihre Pillen und Spritzen absetzen konnten.

Man wusste von Kontrollen?

Wagner: Bei einem Länderkampf 1987 in Frankreich musste ich als Diskuswerfer auch im Kugelstoßen und im Hammerwerfen starten, weil dort Dopingkontrollen angesetzt waren und immer der Athlet auf dem letzten Platz kontrolliert wurde. Einer der beiden DLV-Starter meldete sich unmittelbar vor dem Wettkampf als „verletzt“ ab. Da ich sauber war, bat man mich, auch im Hammerwerfen und im Kugelstoßen zu starten.

Verrückt.

Wagner: Es geht noch besser. Einige Jahre vorher beim Dreiländerkampf 1983 in Turin wurden entgegen vorherigen Absprachen ebenfalls Kontrollen durchgeführt. In den Wurfdisziplinen sollten jeweils der Sieger und der letzte Platz kontrolliert werden. Im Diskus-, Hammer- und Speerwerfen konnten die DLV-Athleten auf Platz werfen, aber im Kugelstoßen war gegen die starken Italiener und Polen nichts zu machen. Die Deutschen hätten immer den fünften und sechsten Platz belegt. Man setzte deshalb den anabolikafreien Dietmar Mögenburg, den späteren Hochsprung-Olympiasieger ein. Natürlich wurde Mögenburg Letzter, natürlich wurde er kontrolliert, und natürlich war er sauber. Der DLV aber war gerettet.

Interview: Bernd Brudermanns, Mathias Müller

Die größten Doping-Skandale der Sportgeschichte

Der Fall Katrin Krabbe (1992): Die deutsche Sprinterin Katrin Krabbe, Weltmeisterin 1991 über 100 und 200 m, fällt wie Trainingspartnerin Grit Breuer bei einer Urinprobe mit dem Kälbermastmittel Clenbuterol auf. Beide werden bis 1995 gesperrt. Während Breuer in die Weltspitze zurückfindet, scheitert Krabbes Comeback-Versuch. © dpa
Der Fall Ben Johnson (1988): Die Mutter aller Doping-Skandale. Bei den Olympischen Spielen in Seoul siegt der kanadische Sprintstar Ben Johnson im 100-m-Finale in der Weltrekordzeit von 9,79 Sekunden. In Johnsons Urinprobe wird das Steroid Stanozolol nachgewiesen, der Skandalsprinter verliert Gold und Rekord. © dpa-mzv
Der Fall Diego Maradona (1994): Bei der Fußball-WM in den USA wird Argentiniens Superstar Diego Maradona positiv auf Ephedrin getestet und ausgeschlossen. Schon drei Jahre zuvor war Maradona mit Kokain erwischt worden, sein Niedergang begann. © dpa
Der Fall Balco (2003): Im Zuge der Balco-Affäre wird in den USA ein Doping-Netzwerk ausgehoben, zahlreiche Topstars wie Baseball-Ass Barry Bonds und die Sprintstars Marion Jones und Tim Montgomery werden schwer belastet. Jones, die 2000 in Sydney dreimal Olympia-Gold gewonnen hatte, landet wegen Falschaussage im Gefängnis. © dpa
Der Fall Kenteris/Thanou (2004): Die griechischen Sprinter Konstantinos Kenteris, 200-m-Olympiasieger von 2000, und Ekaterini Thanou entziehen sich bei den Spielen in ihrer Heimat Athen unter dem Vorwand eines angeblichen Motorrad-Unfalls einem Dopingtest. Beide werden zwar nicht suspendiert, verzichten aber auf einen Start. Nach langem Hickhack werden beide für zwei Jahre gesperrt und später wegen Meineids zu 31 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. © dpa/dpaweb-mm
Der Fall Fuentes (2006): Einen Tag vor dem Start der Tour de France werden die Favoriten Jan Ullrich (T-Mobile) und Ivan Basso (CSC) von ihren Teams ausgeschlossen. Ihnen wird vorgeworfen, in den Skandal um den spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes verwickelt gewesen zu sein. Dieser soll ein weltweites Dopingnetzwerk organisiert gehabt haben. Im Rahmen einer Razzia waren am 23. Mai 2006 große Mengen an Blutbeuteln beschlagnahmt worden. Ullrich wird erst im Februar 2012 für zwei Jahre gesperrt und verliert alle Ergebnisse seit dem 1. Mai 2005, im Juni 2013 gibt er Blutdoping zu. Auch Leichtathleten und Fußballer werden mit dem Netzwerk in Verbindung gebracht. © dpa
Der Fall Claudia Pechstein (2009): Die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein wird vom Weltverband ISU wegen Indizien, die auf Blutdoping hindeuten, für zwei Jahre gesperrt. Pechstein wehrt sich, es folgt ein langes juristisches Tauziehen. Obwohl Zweifel an ihrer Schuld bestehen, bleibt sie gesperrt. Im Februar 2011 gibt sie ihr Comeback. © dpa
Der Fall Alberto Contador (2010): Tour-Sieger Alberto Contador wird am zweiten Ruhetag der Frankreich-Rundfahrt (21. Juli) positiv auf Clenbuterol getestet. Der Radsport-Weltverband UCI spricht eine vorläufige Sperre gegen den Spanier aus, will dem Fall aufgrund der geringen Konzentration des Kälbermastmittels aber nachgehen. Im Februar 2012 spricht der CAS nach einer langen Hängepartie ein Urteil, sperrt Contador und erkennt ihm alle Titel seit der positiven Probe ab. Der Luxemburger Andy Schleck wird am 29. Mai 2012 nachträglich zum Tour-Sieger 2010 gekürt. © AP
Der Fall Lance Armstrong (2012) Am 22. Oktober 2012 erkennt der Radsport-Weltverband UCI Lance Armstrong die Tour-Titel von 1999 bis 2005 ab. Armstrong hatte über Jahre hinweg systematisch betrogen und ein Doping-Netzwerk aufgebaut, ehemalige Kollegen und Weggefährten belasteten ihn schwer. Nach jahrelangem Leugnen bricht der Texaner am 15. Januar 2013 in einem Interview mit Talkmasterin Oprah Winfrey sein Schweigen und verliert seine sieben Tour-Siege. © dpa
Die Fälle Gay, Powell, Carter und Simpson (2013) Schwarzer Sonntag der Leichtathletik: Tyson Gay (USA), zweitschnellster Sprinter der Geschichte (9,69 Sekunden) gibt am 14. Juli bekannt, dass er bei einer Trainingskontrolle positiv getestet worden sei. Gay beantragt die Öffnung der B-Probe, erklärt aber seinen Verzicht auf die WM. Am gleichen Tag wird bekannt, dass auch Jamaikas Ex-Weltrekordler Asafa Powell sowie seine Landsleute Nesta Carter und Sherone Simpson positiv getestet wurden. © AFP
Der Fall Dieter Baumann (1999): Die Zahnpasta-Affäre. Dieter Baumann, 5000-m-Olympiasieger von 1992, wird positiv auf Nandrolon getestet. Der Deutsche Leichtathletik-Verband spricht Baumann frei, da der Wirkstoff auch in seiner Zahnpasta-Tube nachgewiesen werden konnte, ein schuldhaftes Vergehen damit infrage stand. Der Weltverband IAAF sperrte Baumann dennoch für zwei Jahre. © picture-alliance / dpa/dpaweb
Der Fall Johann Mühlegg (2002): Bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City werden sieben Athleten positiv auf Epo getestet. Prominentester Sünder ist der Allgäuer Langläufer Johann Mühlegg, der für Spanien Gold über 10, 30 und 50 km gewonnen hatte. Mühlegg verliert sämtliche Medaillen, wird für zwei Jahre gesperrt und beendet seine Karriere. © picture-alliance / dpa/dpaweb

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