Biomechaniker erklärt Untersuchung

Der Fall Rehm: Wie viel Prothese wird erlaubt?

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Rehm würde gerne bei der EM in Zürich im August starten.

Ulm - Als erster behinderter Sportler triumphierte Markus Rehm am Wochenende bei den Deutschen Meisterschaften der Nichtbehinderten – doch über seinen Titel redete schon kurz danach kaum jemand.

Es hätte so schön sein können. Als erster behinderter Sportler triumphierte Markus Rehm am Wochenende bei den Deutschen Meisterschaften der Nichtbehinderten – doch über seinen Titel redete schon kurz danach kaum jemand. In aller Munde war dagegen die Karbon-Prothese des unterschenkelamputierten Weitspringers, die zu hitzigen Diskussionen führte. Als „eine andere Sportart“ bezeichnete Weitsprung-Bundestrainer Uwe Florczak in der Bild den Auftritt Rehms, DOSB-Präsident Alfons Hörmann forderte in der tz: „Es braucht eine saubere, präzise und allumfassende Analyse.“

Genau die ist derzeit im Gange. Biomechaniker hatten während des Wettkampfes Daten von Rehms Anlauf und Absprung erhoben. Spätestens morgen soll feststehen, ob sich der 25-Jährige durch seine Prothese einen Vorteil gegenüber den nichtbehinderten Athleten verschafft hat. Doch wie genau wird das überhaupt untersucht? „Die Elastizität der Prothese wird überprüft“, erklärt Prof. Dr. Peter Müller von der Uniklinik München der tz: „Die Federkraft muss gemessen und anschließend mit der Schnellkraft des gesunden Beins verglichen werden. Dann weiß man, ob Markus Rehm auf seinem gesunden Bein die gleiche Sprungkraft wie auf dem mit der Prothese verstärkten Bein hat.“

Von entscheidender Bedeutung ist die Kraft, die die Prothese beim Anlauf und beim Absprung in Rehms Körper schießt. „Man muss sich das Material der Prothese genau anschauen. Denn sie biegt sich ja, sobald eine gewisse Last auf ihr liegt. Das ist wie bei einem Katapult: Wenn man einen Ball auf ein Stück Metall legt und es dann biegt, wird der Ball weggeschleudert. Diese Rückstellkraft wird auf den Sportler übertragen“, veranschaulicht Müller. Solange Rehm durch diese Kraft nicht stärker herauskatapultiert werde als aus seinem gesunden Bein, habe er auch keinen Vorteil.

Rehm selbst hat dazu eine klare Meinung: „Ich glaube, ich habe weder einen Vorteil noch einen Nachteil. Die Prothese ersetzt, was ich nicht mehr habe.“ Die Untersuchungsergebnisse sollen darüber Aufschluss geben. „Man kann das schon sehr genau bestimmen“, ist sich Prof. Dr. Müller sicher, ergänzt allerdings: „Man wird sicher eine Toleranzschwelle einbauen, die aber eher zuungunsten Rehms ist. Das Ganze wird so bestimmt, dass er auf gar keinen Fall einen Vorteil hat.“

Sollte Rehm seinen Titel behalten, könnte das für Müller ein ganz entscheidender Schritt für gehandicapte Athleten sein: „Wird bei den Untersuchungen kein Betrug festgestellt, könnte das der richtige Weg sein, um behinderte Sportler an regulären Wettkämpfen teilnehmen zu lassen – wenn sie die gleiche Leistung bringen.“ Einzig dem technischen Missbrauch müsste vorgebeugt werden. „Es muss gesichert sein, dass die Prothesen jedes Mal überprüft werden. Aber das ist beim Rodeln oder Bobfahren nicht anders. Da wird auch jedes mal überprüft, ob der Schlitten regelkonform ist“, sagt der Biotechnikforscher weiter.

Rehm sieht den Ergebnissen gelassen entgegen. Auch wenn ihn der Verband nicht für die EM in Zürich (12. – 17. August) nominiert, will er keine Unruhe stiften. „Ich habe keine große Lust, die EM-Teilnahme einzuklagen“, sagte der Deutsche Meister. Morgen ist er schlauer…

sw

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