Hambüchen im Merkur-Interview

"Olympia-Gold ist auf jeden Fall möglich"

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Fabian Hambüchen.

München - Turn-Star Fabian Hambüchen spricht im Merkur-Interview über seine Ziele in Rio, Nguyens Zukunft, Panikattacken vor der WM und die Spiele 2020.

Fabian Hambüchen war dabei, als Marcel Nguyen sich am Samstag im Trainingslager in Kienbaum das Kreuzband gerissen hat. Der Druck bei der Turn-WM Anfang Oktober im chinesischen Nanning lastet nach dem Aus des Unterhachingers nun noch mehr auf dem 26-Jährigen. Im Gespräch mit unserer Zeitung gibt er sich auf dem Weg nach Rio optimistisch – und macht Nguyen, der morgen in Straubing operiert wird, Mut.

Herr Hambüchen, Sie treten zur WM als neuer Rekordhalter im deutschen Turnen an. 35 deutsche Meistertitel, mehr als Eberhard Gienger. Ist der Druck damit noch größer?

Hambüchen: Überhaupt nicht. Ich habe das auch noch gar nicht so sehr realisiert, das kommt wahrscheinlich erst, wenn ich nicht mehr turne. Und wenn ich sehe, wie lange der Rekord hält. Im Moment bin ich stolz – aber es tut mir auch ein bisschen leid für Ebse.

Haben Sie ihm das auch gesagt?

Hambüchen: Mein Vater hat nach dem Rekord mit ihm telefoniert, ich noch nicht. Was ich aber sagen muss: Ich fand es schade, dass er bei der DM in Stuttgart nicht bei der Siegerehrung eingeplant war. Er war ja in der Halle. Das wäre doch eine gute Story gewesen, wenn der alte Rekordhalter dem neuen den entscheidenden Titel gibt. Er hat auch selbst gesagt, dass er gerne Gratulant gewesen wäre. Aber naja: Ebse bleibt auch so eine Koryphäe.

Sie sind auch auf dem Weg dorthin. Ihre wievielte WM ist die diesjährige eigentlich?

Hambüchen: Oh je, das weiß ich nicht (lacht). Moment, ich zähle durch: 2003, 2005, 2006, 2007, 2010, 2011, 2013 – also meine achte!

Sind Sie heute noch so nervös wie 2003?

Hambüchen: Die Aufregung, die Anspannung, der Tunnel, in dem man ist, ist immer das Gleiche. Aber wie man in die Vorbereitung reingeht, vor allem körperlich, ist in jedem Jahr anders. Früher hatte ich oft das Problem, dass ich zu fit in die Vorbereitung reingegangen bin. Heuer ist das anders. Ich weiß, dass in zweieinhalb Wochen die Qualifikation in China stattfindet, deshalb bin ich noch nicht bei 100 Prozent. Das ist auch gut so.

Hätten Sie früher Panik bekommen in dieser Situation?

Hambüchen: Schon ein bisschen. Auch jetzt denke ich ab und an: Okay, in den letzten Jahren war das ein bisschen anders. Aber das muss ich lernen. Ich muss mich auf meinen Körper und meinen Verstand verlassen. Ich kann jetzt nicht mehr agieren wie mit 20. Sich das einzugestehen, war schwer.

Haben sich auch die Ansprüche geändert?

Hambüchen: Ich habe nur vor der WM in Stuttgart gesagt: Ich will eine Medaille. Ansonsten war immer das Ziel, im Finale zu stehen – und dann ist alles möglich. So gehe ich auch in diesem Jahr wieder da ran. Ich möchte gerne im Mehrkampf- und im Reckfinale stehen.

Die WM ist der erste Schritt nach Rio. Sind Ihre vierten Spiele schon im Kopf?

Hambüchen: Ja. Das große Ziel ist Rio, darauf ist alles ausgerichtet. In diesem Jahr müsste für die Top 8 alles perfekt laufen, Top 24 sollte kein Problem sein. Im nächsten Jahr sollten wir die Top 8 aber schaffen, um die vorolympischen Spiele zu vermeiden.

2008 Bronze, 2012 Silber, 2016 Gold am Reck: Wie realistisch ist diese Rechnung?

Hambüchen: Möglich ist das auf jeden Fall. Natürlich werden bis dahin neben Epke Zonderland und mir noch andere Leute mitmischen. Es kann viel passieren – aber Epke und ich haben die meiste Erfahrung.

Von der Fitness her ist Gold tatsächlich möglich?

Hambüchen: Ja, auf jeden Fall. Top 3, also eine weitere olympische Medaille, sollte auf jeden Fall drin sein. Das wäre die Erfüllung eines Traums.

Ist Ihre Karriere unvollendet ohne Olympia-Gold?

Hambüchen: Falls es nicht klappt, hatte ich trotzdem eine tolle Karriere. Es gibt Träume, die sollen eben Träume bleiben. Das sage ich mir häufig, um mir auch selbst ein bisschen den Druck zu nehmen. Ich bin Turner aus Leidenschaft, ich träume schon immer von diesem Olympiasieg, ich möchte das gerne noch schaffen – aber ich versuche, mich selber runterzuholen. Fest steht: Ich bin heiß, ich will alles geben.

Sie schicken mit Ihrem Konkurrenten Epke Zonderland häufig Videos hin und her: Wer ist fitter?

Hambüchen: Im Ausgangswert ist er etwas höher als ich. Aber die neuen Wertungsvorschriften stehen ein bisschen besser für mich. Sie legen jetzt mehr Wert auf die Ausführung. Es wird ein offenes Rennen.

Sie sind seit mehr als zehn Jahren an der Weltspitze, wirken aber nach wie vor jeden Tag topmotiviert. Marcel Nguyen hingegen hat zugegeben, nach London Motivationsprobleme gehabt zu haben. Haben Sie nie welche?

Hambüchen: An Motivation mangelt es nicht. Ich spüre jeden Tag, dass ich voller Adrenalin bin, brutal motiviert, wenn ich in die Halle gehe. Ich habe jeden Tag eine Mission, zum Beispiel eine volle Reckübung zu schaffen. Natürlich gibt es Tage, an denen es nicht läuft. An denen ich deprimiert bin, traurig.

Gehen Sie immer erst aus der Halle, wenn Ihre Mission erfüllt ist?

Hambüchen: Manchmal schafft man es nicht. Irgendwann hat man einfach keine Kraft mehr. Ich kann nicht mehr 100 Versuche machen – die Zeit ist vorbei.

Marcel Nguyen wollte sich zurückkämpfen, war bester Dinge. Nun dieser Rückschlag. Wie sehr leidet man mit ihm?

Hambüchen: Wir waren – nachdem es passiert ist – alle sehr betroffen, aber es bringt niemandem etwas, jetzt zu sehr in Mitleid zu verfallen. Wir müssen nach vorne schauen, alles geben, und nächstes Jahr ist Marcel wieder dabei. Er wird sich zurückkämpfen – und das ganze Team steht hinter ihm.

Wie sehr stehen Sie nun in der Pflicht? Die Leistungslücke zum Rest des Teams ist relativ groß.

Hambüchen: Ich kenne diese Rolle ja seit Jahren. Es kam häufig hauptsächlich auf mich an. Aber mittlerweile ist es für mich vollkommen in Ordnung, Frontmann zu sein. Wir haben eine gute Truppe beisammen. Das sind alles coole Typen, jeder hat was auf dem Kasten. Man merkt eigentlich gar nicht, dass ich das Ruder in der Hand habe.

Lukas Dauser aus Unterhaching ist zum ersten Mal dabei. Wie ist Ihr Eindruck von ihm?

Hambüchen: Sehr gut. Und ich kann mich erinnern, dass ich in den zwei Jahren, die altersmäßig nun vor ihm liegen, nochmal einen richtigen Leistungsschub gemacht habe. Er hat viel Potenzial und wird uns auch bei dieser WM schon sehr gut helfen.

Ist nach Rio für Sie definitiv Schluss mit Turnen?

Hambüchen: Nein, direkt Schluss ist auf gar keinen Fall. Das kann ich nicht, so wie Philipp Boy das gemacht hat. Das war jetzt mein letzter Wettkampf – und Tschüss. Ich werde sicherlich erstmal noch weitermachen, egal auf welchem Niveau.

Vielleicht auch noch eine WM?

Hambüchen: Wenn ich mich gut fühle, kann es sein, dass ich noch ein, zwei Jahre weitermache, nicht mehr im Mehrkampf, sondern als Spezialist. Ich will mich nicht festlegen, das habe ich vor London gemacht – das war blöd.

Warum?

Hambüchen: Ich habe davor gesagt, dass ich danach viel weniger mache, habe dann aber nach einem dreiviertel Jahr gemerkt: Ich hab Bock wie Sau! Letztes Jahr hatte ich eine super WM, war bei der Universiade. Man weiß es einfach nie. Nur eines kann ich sagen: Bis zu den Olympischen Spielen 2020 will ich nicht denken. Da wäre ich 33 (lacht).

Interview: Hanna Schmalenbach

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