So litt Kaman unter der Fehldiagnose ADHS

"Ich habe immer nur geweint"

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Chris Kaman litt unter der Fehldiagnose.

Athen - Am Dienstag gilt's für die Basketballer. In Athen beginnt mit dem Spiel gegen die Kapverden (14.30 Uhr, DSF live) die Olympia-Qualifikation.

Dabei wird erstmals der eingebürgerte Chris Kaman (2,13 m, 120 kg) für Deutschland spielen. Der 26-jährige Star von den Los Angeles Clippers soll unter den Körben abräumen und so Dirk Nowitzki entlasten. „Das ist ein richtig guter Typ, der ist locker drauf“, erzählt Bundestrainer Dirk Bauermann. „Er ist einer, der viel rumflachst, der sehr lustig ist.“ Dabei war das Leben für Kaman lange Zeit alles andere als lustig. Der Center mit den deutschen Wurzeln hat eine schlimme Krankheitsgeschichte durchlebt.

Sie begann mit einer Fehldiagnose. Im Alter von zweieinhalb Jahren wurde bei Chris das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (kurz ADHS) diagnostiziert. Er war leicht ablenkbar, hatte ein geringes Durchhaltevermögen und war aufbrausend. Kaman musste Ritalin nehmen – und litt unter den Nebenwirkungen.

„Du hast weniger Appetit, wirst dadurch schneller müde. Ich war immer irgendwie schlapp“, erzählte er dem Basketballmagazin FIVE. Für Chris, der auf einer Farm in Michigan aufwuchs, war die Jugend eine Qual: „Ich kam immer weinend von der Schule nach Hause, weil ich diese Pillen nehmen musste.“

Schon in seiner High School galt er als Sonderling. Die Figur (bei 2,13 m wog er damals 90 kg) und die langen blonden Haare – Kaman hatte seinen Spitznamen weg. „Caveman“ (Höhlenmensch). „Ich mochte die Schule nie“, berichtete der Center. „Die Zeit war hart für mich.“ Nur beim Basketball fühlte er sich wohl – der dürre Riese brachte es mit seinem Team zu lokaler Berühmtheit.

Und Kaman schaffte es auch aufs College – trotz seiner gesundheitlichen Probleme. „Chris war wahrscheinlich intelligenter als alle seine High-School-Lehrer und alle seine Uni-Professoren“, sagte Dr. Tim Royer, der später die richtige Diagnose stellen sollte. „Aber weil sein Gehirn so mit Medikamenten vollgestopft war, wirkte er halt wie ein dummer Basketballer.“ Der gläubige Christ entschloss sich im College, Ritalin abzusetzen. Die Probleme beim Lernen blieben, doch wenigstens nahm er jetzt zu, „im ersten Jahr zehn Kilogramm“.

Kaman war ein Koloss unter den Körben – trotz seiner gesundheitlichen Defizite wurde er 2003 in der ersten Runde des NBA-Drafts von den Clippers schon an sechster Stelle gewählt. Aber seine Konzentrationsschwierigkeiten waren ein Handicap: „Wenn Coach Dunleavy in einer Auszeit zwei Spielzüge aufgemalt hat, hatte ich die in zehn Sekunden wieder vergessen.“

Im Sommer 2007 traf er dann den Mann, der sein Leben verändern sollte: Dr. Royer. Der Neurochirurg stellte fest, dass Kaman nicht an ADHS, sondern an einer Angststörung litt. Das bedeutete, dass sein Hirn zu schnell arbeitete. „Seine Medikamenten-Behandlung war genau das Gegenteil von dem, was er gebraucht hätte“, so Royer. Der Mediziner entwickelte ein Programm, um Kamans Gedankenprozess zu verlangsamen – das Neurofeedback. Es half, Kaman konnte sich endlich besser konzentrieren und schaffte in der NBA den Durchbruch. In der Saison 2007/2008 war er mit 12,7 Rebounds und 2,8 Blocks jeweils Drittbester in der besten Basketball-Liga der Welt. Zudem steuerte er 15,7 Punkte bei.

Im Januar 2008 entschloss er sich, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen – er wurde Sprecher von allen Patienten mit Fehldiagnose ADHS. Laut Royer könnte bei Hunderttausenden von Kindern fälschlicherweise diese Störung festgestellt worden sein. „Die Diagnose wird in 95 Prozent der Fälle aufgrund des Verhaltens und nicht aufgrund des Gehirns gestellt“, so der Mediziner.

„Ich kann die Zeit leider nicht zurückdrehen“, sagt ein nachdenklicher Kaman. „Ich wünschte, ich könnte es…“

Bernd Brudermanns

Zoff vor dem ersten Spiel

Drei aus zwölf – so lautet die magische Formel für die Olympia-Qualifikation in Athen. Drei Teams dürfen noch nach Peking reisen, für neun endet der Traum in Griechenland. Am Dienstag geht’s also gegen die Kapverden, die gestern ihr Auftaktspiel gegen Neuseeland mit 50:77 verloren, los – mit dem frisch eingebürgerten Kaman. Kommt mit ihm der Erfolg – oder bringt er das Chaos?

Hintergrund: Seit Jahren lebt die deutsche Nationalmannschaft vor allem von ihrem Teamgeist – und natürlich von Dirk Nowitzki. Doch in diesem Sommer ist alles anders. Insider berichten von mieser Stimmung im Team. Die Geburtstagsfeier von Jan Jagla im Trainingslager auf Mallorca endete beispielsweise schon nach einer Stunde, einige Spieler sollen erst gar nicht teilgenommen haben.

Auch mit Patrick Femerling soll es Probleme geben. Die tz erfuhr: Der Kapitän ist angeblich verärgert über die Kaman-Verpflichtung, weil er um seine Einsatzzeit bangt. Intern soll er sich schon kritisch über den neuen Mitspieler geäußert haben. Ein weiteres Problemfeld: In dem verletzten Mithat Demirel fehlt ein wichtiger Baustein im Mannschaftsgefüge. Bundestrainer Dirk Bauermann sagt über ihn: „Er ist der Kleber, sorgt für gute Stimmung.“ Und die ist angeblich flöten gegangen.

Denn auch um Kaman gab’s schon Zoff! Nach tz-Informationen krachte es zwischen Bauermann und dem Neu-Center kurz nach seiner Ankunft in der Kabine. Der Coach muss wohl noch lernen, wie mit Kaman umzugehen ist. Viel Zeit bleibt nicht – aber Bauermann setzt jetzt voll auf Kommunikation und will Kaman einbinden. Aber klar ist: Nur Siege können die Stimmung wieder ins Lot bringen.

Florian Witte

Quelle: tz

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