Suspendierung wurde aufgehoben

Doping-Chefermittler im Interview: Herr Younger, warum haben Sie die Russen begnadigt?

+
Chefermittler Günter Younger: „Das WADA-System ist noch so schlecht, wie behauptet

Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA steht in der Kritik. Spitzenathleten, Experten und Regierungsvertreter diskutierten diese Woche im Weißen Haus über eine Reform der WADA. Die tz sprach mit Günter Younger, seit 2016 Chefermittler.

Herr Younger, wie haben Sie die Meldungen der vergangenen Tage verfolgt?

Younger: Reformen und der dafür nötige Diskussionsprozess sind wichtig, aber die Art und Weise, wie das die Tage abgelaufen ist, finde ich nicht richtig.

Der Anstoß zur WADA-Kritik war die Rehabilitierung der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada Mitte September. Warum haben Sie die Russen begnadigt?

Ich verstehe die Frustration der Athleten und der Welt, aber sie müssen wissen: Seit wir die Rusada 2015 als non-compliant eingestuft haben, ist nicht viel passiert. Russische Athleten konnten weiterhin, meist unter neutraler Flagge, an Wettbewerben teilnehmen und bis auf das Internationale Paralympische Komitee und der IAAF haben die Verbände Russland nicht ausgesperrt. Die Rusada ist non-compliant, aber die Athleten starten, das war für niemanden verständlich.

Hätte die WADA härtere Maßnahmen ergreifen können?

Nein, es gab keine rechtliche Möglichkeit. Wir konnten lediglich die Rusada sperren. Alles andere lag in der Verantwortung des IOC und der Verbände. Aus diesem Grund wurden von der WADA neue Regeln geschaffen, die seit 28. April gelten.

„Russland könnte beim CAS vorsprechen“

Was hat sich geändert?

Ergebnisse wie die des Russland-Skandals werden zukünftig an eine unabhängige Kommission der WADA gegeben. Diese untersucht die vorgelegten Beweise und legt ihre Empfehlung dem obersten Exekutiv-Organ der WADA vor. Russland könnte nach dem neuen Prozess komplett gesperrt werden. Alle Verbände, inklusive des IOC, müssten sich daran halten. Einzige Einschränkung: Russland könnte beim Sportgerichtshof CAS vorsprechen, der könnte die Entscheidung kippen.

Was hat das mit der Rusada-Rehabilitierung zu tun?

Alte Taten können nicht nach neuem Gesetz bestraft werden. Russland musste erst wieder als compliant eingestuft werden, um mit den neuen Regeln konfrontiert zu werden. Die Rehabilitierung ging mit den Forderungen einher, dass Russland bis Ende des Jahres Zeit hat, u.a. Labordaten zu liefern. Passiert das nicht, gehe ich davon aus, dass sie schnell wieder gesperrt werden würden – nach den neuen Regularien.

Was muss passieren?

29 von 31 Kriterien, um Rusada wieder zurück in die Sportwelt zu lassen, waren bereits erfüllt. Zwei fehlten noch. Ein Kriterium war die Anerkennung des McLaren Berichts. Russland hat aber lediglich den Schmitt-Bericht anerkannt, der auf dem McLaren Bericht basierte. Für die Experten der unabhängigen Kommission war das ausreichend. Es wurde institutionalisiertes Doping, Einmischung des Geheimschutzes und die Beteiligung einzelner Personen aus dem Sportministerium zugegeben. Lediglich Staatsdoping und damit die Beteiligung des Präsidenten Wladimir Putin wurde als nicht ausreichend bewiesen abgelehnt. Das muss Russland jetzt anerkennen.

„9000 Proben, die wir genauer anschauen wollen“

Was noch?

Wir fordern den Zugang zu den Daten des Moskauer Labors. Wir wollen die Rohdaten der durchgeführten Analysen erhalten, um die Athleten zu identifizieren und vor Gericht zu bringen. Wir haben eine Kopie der Labordatenbank, aber vor Gericht brauchen wir die Originaldaten. Wir sprechen dabei von etwa 9000 Proben, die wir genauer anschauen wollen. Das bedeutet aber nicht, dass wir auch so viele Fälle haben.

Der WADA wird vorgehalten, dass die Rehabilierung plötzlich und auf Drängen des IOC geschah.

Mir liegt nichts vor, dass daraufhin deutet, dass das IOC bei dieser Entscheidung Einfluss genommen hat. In der unabhängigen Kommission beispielsweise ist niemand vom IOC vertreten. Was ich zugeben muss: Es war unglücklich, dass die damaligen Briefwechsel zwischen Russland und der WADA an die Öffentlichkeit gedrungen sind, ohne die Möglichkeit gehabt zu haben, den kompletten Prozess und die Hintergründe so zu erklären, wie ich es eben versucht habe.

Kritiker fordern eine Strukturreform der WADA. Ist das nötig?

In den vergangenen drei Jahren hat die WADA viele Veränderungen durchlaufen. WADA ist aber auch eine internationale Organisation, in der etwa 200 Länder vertreten sind. Da ist es nicht immer einfach, einen Konsens zu finden. Beispielsweise die Rehabilitierung der Rusada ist mit 9:2-Stimmen im Exekutivkommittee, das aus Vertretern von Ländern und des Sports besteht, sehr deutlich ausgefallen und trotzdem sind nicht alle mit der Entscheidung zufrieden. Ich stimme aber zu, dass die Athleten auch mehr Stimmrechte bekommen sollten, aber dazu ist es notwendig, dass sie sich auch so organisieren, dass sie mit einer Stimme sprechen. Ansonsten würde das Entscheidungsgremium wegen zu vieler Mitglieder nicht mehr handlungsfähig sein.

Klingt nicht nach einer Radikalveränderung.

Das System ist nicht perfekt, aber es wird sich weiterentwickeln. Trotzdem ist es nicht so schlecht, wie von einigen behauptet wird. Die Prozesse verlaufen demokratisch, die Dokumente sind immer jedem Entscheidungsträger zugänglich und Entscheidungen werden nicht hinter verschlossenen Türen getroffen, wie in den Medien kolportiert. Wir haben jetzt einen Prozess, der mit geeigneten Maßnahmen auf einen erneuten Fall wie Russland reagieren kann. Das finde ich eine gute Nachricht. Einen Aufschrei zu produzieren, nur weil einigen das Ergebnis nicht passt, das demokratisch und sehr eindeutig ausgefallen ist, finde ich nicht ganz fair.

Wie steht es um Ihre Abteilung, Hat sich seit 2015 quantitativ etwas geändert? Können Sie allen Hinweisen nachgehen?

Younger: Ich habe einen Fünfjahresplan bis 2022 vorgeschlagen, der eine sukzessive Erweiterung der Abteilung mit mehr Personal und mehr Ressourcen beinhaltet. Der wurde genehmigt, bis 2022 wird die Abteilung demnach von null (2016) auf zwölf aufgestockt. Derzeit haben wir zwei Ermittler-Teams, eines in Lausanne und eines in Montreal. Neu ist zudem ein sogenannter Confidential Information Manager. Er kümmert sich um die Betreuung von Informanten und ist die Brücke zwischen Ermittlungen und Vertrauenspersonen. Seit 2016 wurden circa 400 Fälle registriert. Die meisten leiten wir an unsere Partner weiter, stellen aber sicher, dass wir die Ergebnisse zurückbekommen. Bei einem Fall in Deutschland wäre beispielsweise die NADA unser Partner.

„Wenn nicht, machen wir es selbst“

Haben Sie in alle NADOs das gleiche Vertrauen?

Wenn wir einen Fall haben, bewerten wir die Information, die Quelle, aber auch, was wir damit machen. Eine Frage lautet: Haben wir den richtigen Partner? Wenn nicht, machen wir es selbst.

Wie ist Ihre Zukunftsprognose für die Dopingjagd?

Ich sehe sehr viel Licht, aber ebenso viele dunkle Stellen. Es gibt noch viel Arbeit zu tun. Wir wollen vor allem den menschlichen Faktor als Informationsquelle besser nutzen. Das heißt: Mehr Informanten gewinnen, um in Länder sehen zu können, in die wir normalerweise sehr schwer hineinkommen.

Ganz auslöschen werden Sie Doping aber nie.

Nein, es wird immer Betrüger geben. Aber ich kann versuchen, den Schwellenwert, erwischt zu werden, so weit nach oben zu setzen, damit es sich Athleten und Offizielle dreimal überlegen, ob sie dopen.

Oder um es plakativ zu sagen: Die Menschen sollen nicht das Gefühl haben, dass die Hälfte der Teilnehmer eines 100-Meter-Finals gedopt ist?

Genau. Die Athleten sollen sich auf ihren Lauf konzentrieren, weil es z.B. bei der WADA eine Stelle gibt, die Doper herausfiltert. Für den Fall Russland kann ich ihnen garantieren, dass ich ihn so abschließen möchte, dass ich vor die Medien treten und mit gutem Gewissen sagen kann, dass wir alle oder zumindest die meisten Betrüger erwischt haben.

Lesen Sie auch: Russische Anti-Doping-Agentur wieder im Weltsport: WADA hebt Suspendierung auf

Auch interessant

Meistgelesen

Markus Beyer (†47): Ex-Trainer bestätigt Todesursache - „Er hat den Kampf verloren“
Markus Beyer (†47): Ex-Trainer bestätigt Todesursache - „Er hat den Kampf verloren“
Jenseits der Öffentlichkeit: Keke Rosberg wird 70
Jenseits der Öffentlichkeit: Keke Rosberg wird 70
Stefan Kretzschmar: Mir ist wahnsinnig vieles peinlich
Stefan Kretzschmar: Mir ist wahnsinnig vieles peinlich
Darts-Superstar Phil Taylor genießt den Rentnerstatus
Darts-Superstar Phil Taylor genießt den Rentnerstatus

Kommentare