Anti-Doping-Kronzeuge über die Tour de France

Jaksche: "Manchmal muss der Blutbeutel her…"

München - Radprofi Jörg Jaksche (38, unter anderem beim Team CSC von Teammanager Bjarne Riis) gab 2007 Doping zu und stellte sich als Kronzeuge zur Verfügung. In der tz spricht er über die Tour de France.

Herr Jaksche, kleben Sie derzeit vor dem Fernseher?

Jaksche: Nein, ich schaue mir die Ergebnisse im Internet an und schalte nicht weg, wenn im Fernsehen eine Zusammenfassung kommt. Aber um mir das stundenlang anzusehen, dafür fehlt mir das Interesse. Zumal die früheren Übertragungen mit den kulturellen Einflechtungen amüsanter anzusehen waren als heute.

Ist es richtig, dass die ARD wieder Livebilder sendet?

Jaksche: Die Öffentlich-Rechtlichen haben an sich selbst den Anspruch, eine moralische Instanz zu sein, aber dafür werden sie nicht bezahlt. Und sie übertragen diesen Anspruch nicht auf jede Sportart. Boxen, um ein Beispiel zu nennen, hat die ARD jahrelang kritiklos übertragen, obwohl Vitali Klitschko positiv auf Nandrolon getestet wurde und Wladimir keine Dopingtests vor seinen Kämpfen macht. Ich denke, die ARD ist nicht nur wegen des Dopingproblems ausgestiegen, sondern auch weil es keinen deutschen Klassement-Fahrer gab.

Den gibt es auch heute nicht, dafür tolle Erfolge durch Tony Martin,  André Greipel & Co.. Sind die Jungs sauber?

Jaksche: Ich würde es ihnen gerne glauben, aber das große Problem ist für mich die Entourage, die teilweise seit 20 Jahren im Radsport das Sagen hat. Typen wie der Belgier Patrick Lefevre, der mit Mapei in der Dopinghochzeit das erfolgreichste Team geführt hat, dem glaube ich einfach nicht, dass seine Leute sauber sind. Mein Geld würde ich auch auf die deutschen Fahrer nicht setzen.

Der Italiener Paolini vom russischen Katusha-Team wurde positiv auf Kokain getestet. Wie sieht Ihre Erklärung aus?

Jaksche: Ich kann nur spekulieren, und man muss die B-Probe abwarten, aber aus eigener Erfahrung wäre meine Erklärung folgende: Die Blutbeutel für späteres Blutdoping werden im November oder Dezember entnommen. In dieser wettkampfarmen Zeit könnte Paolini auf einer Party Kokain genommen haben. Jetzt, als ihm das Blut wieder zugeführt wurde, war es noch nachweisbar. Der Fall liegt wohl ähnlich wie bei Alberto Contadors Clenbuterol-Fund. Es gibt Situationen im Radsport, da muss man einen Blutbeutel einfach nehmen, um im Blutpass stabil zu bleiben. An eine Verunreinigung von Lebensmitteln glaube ich jedenfalls nicht.

Sie sprachen Contador an, hat Sie einer der Favoriten überrascht?

Jaksche: Von Nibali bin ich etwas enttäuscht, ihm scheint der Punch zu fehlen.

Froome sträubt sich gegen einen Test der maximalen Sauerstoffaufnahmekapazität. Was halten Sie von ihm?

Jaksche: Seine Entwicklung vom Nobody zum Siegfahrer ist super, super überdurchschnittlich. Seit 2010 hat er seine Leistung um 20 bis 30 Prozent gesteigert, das ist unglaublich. Ähnlich sehe ich Wiggins, Toursieger von 2012. Cancellara oder auch Contador, die waren bereits in der Jugend sehr stark und haben WM-Titel gewonnen, da wusste jeder, die haben Potenzial. Froome hatte niemand auf der Rechnung.

Contador-Helfer Basso musste die Tour wegen Hodenkrebs beenden.

Jaksche: Wenn mir so etwas widerfahren würde, kommt natürlich die Frage auf, ob das aufgrund des Medikamentenmissbrauchs in meiner Vergangenheit käme. Irgendwie ist es aber alles hypothetisch. Wichtig ist, dass er gesund wird!

Viele Kritiker sehen in Astana und Teamchef Winokourow ein „Krebsgeschwür“.

Jaksche: Astana-Arzt Maeseneer hat mir bei CSC Doping verabreicht. Wino war nahezu in jeden Dopingskandal involviert. Angenommen, es gäbe ein Mittel, das nicht nachweisbar ist: Nennen Sie mir einen Grund, warum Wino das seinen Jungs nicht verabreichen sollte.

Kann der Radsport dem Thema entrinnen?

Jaksche: Eigentlich nicht. Keine der Personen im Hintergrund wurde je belangt. Positiv getestet werden immer die Fahrer. Gegen Bjarne Riis wurde mehrfach ausgesagt, dass er Kontakt zu Fuentes hatte. Aber er wird weder von UCI, WADA noch von der dänischen Antidopingagentur vorgeladen. Zudem herrschte immer das Prinzip der Personifizierung des Bösen. Betrogen haben nur Einzelne wie Armstrong oder Ullrich. Man hätte das System umkrempeln müssen – Möglichkeiten gab es genug, aber daran hatte niemand Interesse.

Interview: Mathias Müller

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