"Europarekord der Lüge"

Ullrich gesteht Doping: Erboste Reaktionen

Jan Ullrich hat endgültig Blutdoping gestanden
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Jan Ullrich hat endgültig Blutdoping gestanden

Köln - Nach Jan Ullrichs spätem Doping-Geständnis hagelt es Kritik. Von einem neuen "Europarekord der Lüge" ist die Rede. Ein Insider glaubt nicht, dass es die ganze Wahrheit ist. Reaktionen:

Michael Vesper (DOSB-Generaldirektor): „Er soll endlich aufhören, scheibchenweise vorzugehen, sondern er soll einen Schnitt machen. Es ist doch auch in seinem Interesse, den Schritt so zu gehen wie Lance Armstrong.“

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Rudolf Scharping (Präsident Bund Deutscher Radfahrer): „Es ist viel zu spät, um reinen Tisch zu machen. Er hätte dem Radsport helfen können, wenn er frühzeitig und komplett reinen Tisch gemacht hätte. 2007 oder 2008 wäre ein geeigneter Zeitpunkt gewesen. Damals hätte er auch sich selbst besser helfen können. Jetzt ist es nur noch die Wiederholung von längst Bekanntem zu einem viel zu späten Zeitpunkt, aber aus seinem Munde.“

Rolf Aldag (Radsport-Manager, Ullrichs früherer Teamkollege, geständiger Dopingsünder): „Die Überraschung hält sich in Grenzen. Er hat bestätigt, was lange bewiesen ist. Ich bin damals einen anderen Weg gegangen, aber die Überwindung ist für Jan riesig, das kann ich sagen. Aber es ist die richtige Entscheidung. Am Sachverhalt an sich ändert es nichts, wir haben uns alle schuldig gemacht.“

Werner Franke (Molekularbiologe und Anti-Doping-Kämpfer): „Das ist ein neuer Europarekord der Lüge. Er hat ja 2006 oder 2007 in vier Sprachen geschrieben, dass er Herrn Fuentes gar nicht kenne. Er hat damals vor Gericht eine Unterlassung gegen mich erwirkt, die ich erst nach viereinhalb Jahren umdrehen konnte. Er ist nicht nur ein stiller Lügner, sondern er wollte, koste was es wolle, andere sehr aggressiv zum Schweigen bringen.“

Doping: Die merkwürdigsten Ausreden

Doping: Die merkwürdigsten Ausreden

Alberto Contador erklärte seine positive Doping-Probe mit verunreinigtem Essen. Er wurde daraufhin freigesprochen. Es ist nicht die erste merkwürdige Erklärung in der Geschichte des Dopings. © AP
Doping - die dümmsten Ausreden
Ex-Sprinter Dennis Mitchell nutzte seinen positiven Dopingbefund, um sich als Sexprotz zu outen. Das viele Testosteron komme von einer wilden Partynacht, in der er seine Frau verwöhnt habe. „Fünf Flaschen Bier und mindestens vier Mal Sex mit seiner Frau. Es war ihr Geburtstag. Die Lady hatte es verdient“, so lautete sein Statement. © Getty
Der Klassiker: Wer hat die Dopingmittel in Dieter Baumanns Zahnpastatube deponiert? © ots/dpa/Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Adrian Mutu: Der rumänische Fußballspieler sagte 2004 nach einer positiven Dopingprobe, er habe lediglich ein Mittel zur “Steigerung der sexuellen Leistungsfähigkeit“ genommen. Zuvor hatte er zugegeben, Kokain genommen zu haben, dieses Geständnis wenige Tage später jedoch widerrufen. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Die Lebensmittelvergiftung der anderen Art: Ex-Sprinter Linford Christie beteuert: „Ich habe nicht gedopt, ich habe nur Avocados gegessen!“ © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Die wohl abgefahrenste Ausrede für Blutdoping hatte Radsportler Tyler Hamilton: “Ich bin ein Mischwesen. Die fremden Zellen in meinem Körper werden von den Stammzellen meines vor der Geburt gestorbenen Zwillingsbruders produziert." © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Gefährliche Mitbringsel: Die aus Südamerika importierten Bonbons sollen mit Koks verseucht gewesen sein, meint Straßenrad-Star Gilberto Simoni. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Johann Mühlegg soll eine Spezial-Diät gemacht haben, wegen der in seinem Kreislauf eine EPO-ähnliche Substanz nachgewiesen wurde... © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Auf den Hund gekommen: Frank Vandenbroucke behauptete, als bei ihm Anabolika und EPO sichergestellt wurden, die Mittel seien für seinen asthmakranken Hund bestimmt gewesen. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Justin Gatlin gab einem Masseur die Schuld. Der soll ihn nämlich mit einer testosteronhaltigen Salbe bearbeitet haben. Es soll sich sogar um eine fiese Retourkutsche des Profikneters gehandelt haben, meint Gatlin. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Christian Henn, ehemals Radprofi, wollte eigentlich nur der eigenen Libido auf die Sprünge helfen. Ein Spezialtee wurde ihm zum Verhängnis. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Ex-T-Mobile-Fahrer Matthias Kessler nahm angeblich Präparate zu sich, auf denen chinesische Schriftzeichen standen. Nur doof, dass er kein Chinesisch kann. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Zu tief ins Glas geschaut und damit den Testosteronspiegel erhöht. Floyd Landis schiebt‘s auf den Whiskey © Getty
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Keiner war über einen positiven Dopingtest so verwundert wie Patrik Sinkewitz: "Ich? Das kann nicht sein", wunderte er sich. Und das ist noch nicht mal eine Ausrede... © Getty
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Martina Hingis, die Schweizer Version von Zahnpasta-Dieter Baumann: Jemand soll ihr Koks in den Fruchtsaft gemischt haben. Sieht ja auch aus wie Süßstoff... © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Ex-Radprofi Rolf Aldag gibt dem System die Schuld. Ohne EPO-Missbrauch hätte er im T-Mobile-Team keinen neuen Vertrag bekommen. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Erik Zabel sagte, er habe nur einmal EPO probiert. Die Substanz habe aber nicht mit seinem Körper und Geist harmoniert. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Jan Ullrich ließ sich in einer Disco Ecstacy andrehen. „Ulle“ schluckte die Tabletten, ohne sich dabei etwas gedacht haben zu wollen. “Ich war den Abend ziemlich mies drauf. Das waren zwei Tabletten, wo mir bestätigt wurde, (...) und dass das eigentlich harmloses Zeug ist.“ Wer ihm die Tabletten gab, sagte er nicht. “Zu den Tabletten kann ich gar nichts sagen, ich kenn' kein Ecstasy. Ich weiß nicht wie das aussieht. Ich bin um die Ecken gezogen und war in verschiedenen Läden. Ich möchte keinen Unschuldigen da mit reinziehen.“ © Getty
400-Meter-Olympiasieger LaShawn Merritt wurde nach positiven Dopingproben gesperrt. Die positiven Tests ließen sich mit der Einnahme eines frei erhältlichen Produkts zur Vergrößerung des männlichen Geschlechtsteils erklären, sagte sein Berater. © dpa
Claudia Pechstein: “Ich weiß nun, dass ich eine Blutmacke habe, aber nicht krank bin“, sagte die Eisschnellläuferin. Die Sportlerin war 2009 wegen auffälliger Blutwerte gesperrt worden. Später erklärten Ärzte, ein von ihrem Vater vererbter Gen-Defekt sei für die hohen Retikulozyten-Werte verantwortlich. © dpa
Ivonne Kraft: Den positiven Test auf das Asthma-Mittel Fenoterol erklärte die Mountainbikerin 2007 mit einer explodierten Sprühflasche. Ihre Mutter habe Asthma-Spray benutzen wollen, dann sei die Flasche explodiert und sie habe die Substanz offenbar eingeatmet. © Getty

Fritz Sörgel (Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Heroldsberg): „Es erscheint unvorstellbar, dass er mit reinem Blutdoping ausgekommen ist. Wenn ein Sportler seinen Körper durch Blutdoping auf eine höhere Stufe bringt, wird fast immer mit Steroiden gearbeitet, um die stärkeren Belastungen aufzufangen. Ullrich gesteht scheibchenweise, dass er bei Fuentes war, ist nur ein Teil der Geschichte.“

Falk Nier (Ullrichs PR-Berater): „Es ist ein Reifeprozess und ein Verarbeitungsprozess von Jan. So, wie sich in den letzten eineinhalb Jahren die Geschichte des Radsports entwickelt hat, ist nie Ruhe eingekehrt. Jan hat sich das anders vorgestellt. Letztlich muss man jedem zugestehen, ob, wann und wie er das macht. Wir haben uns nicht unter Druck gefühlt, aber festgestellt, dass das öffentliche Interesse an Jan einfach immer noch groß ist. Wir hatten zur 100. Tour de France über 50 Interviewanfragen. Das Gespräch mit dem Focus ist dann letzte Woche bei Jan zu Hause geführt worden.“

Stefan Schumacher (Radprofi und ehemaliger Dopingsünder): „Ich hatte zuerst auch erst gesagt, okay, ich habe Fehler gemacht und habe gedacht, das verstehen die Leute. Aber das hat nicht gereicht. Es ist wichtig, alles zu erzählen - das ist für dein Umfeld, deine Familie und dich selber am besten. Die Leute verdienen die Wahrheit.“

Paul Martens (Radrennfahrer): „Es war ein offenes Geheimnis. Jeder, der es wollte, hätte es wissen können. Er war ja bekanntlich nicht der Einzige, der es so gemacht hatte.“

Jens Voigt (Radprofi): „Die Ulle-Geschichte ist doch ein alter Hut. Oder hat man irgendetwas erfahren, was neu ist?“

sid / dpa

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