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Laureus: Ein Boxring voller Sieger

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Berlin - Jeder hat seine Ge­schich­te. Ali, Mo­ham­med und Ne­bo­j­scha, Kin­der von Mi­gran­ten, die auf­wuch­sen in Ber­lin-Neu­kölln, könn­ten ihre jetzt er­zäh­len.

Sie könn­ten er­zäh­len, wie das Leben auf der Stra­ße funk­tio­niert, wie sie rein­ge­zo­gen wur­den in die Pro­ble­me und Tu­mul­te des Roll­berg-Vier­tels; wie sie um Auf­merk­sam­keit und Re­spekt buhl­ten, Mit­läu­fer wur­den in ihrem Kiez, in dem die Kids un­ter­teilt wer­den in „Che­cker“ und „Loser“ und wenig da­zwi­schen. Täter und Opfer. Sie könn­ten er­zäh­len, wie es zu den Schlä­ge­rei­en kam, den An­zei­gen wegen Dieb­stahl und ge­fähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung, von von der Bru­ta­li­tät, mit der sich die Kids be­geg­nen. Psy­cho­ter­ror, Er­nied­ri­gung, Faust in die Fres­se.

Das sind die Botschafter der Laureus Stiftung

Ali Faour, Mo­ham­med El-Mos­leh und Ne­bo­j­scha Ra­do­s­avljevíc sind Kum­pel. Ali und Mo­ham­med, beide 17, beide li­ba­ne­sisch-ara­bi­scher Her­kunft, sind mit­ein­an­der auf­ge­wach­sen, Ne­bo­j­scha, 19, den alle Nebo nen­nen, ken­nen sie seit fünf Jah­ren. Gerne gehen sie zu­sam­men ins Café und spie­len Kar­ten oder sie sit­zen am PC, spie­len Au­to­ren­nen auf Video, gu­cken You Tube, tex­ten auf Face­book. Ali sagt: „Wir ver­su­chen Spaß zu haben.“ Heute sit­zen sie auf einer Bank in einer alten Sport­hal­le. Kahle Wände, Sand­sä­cke, hin­ten in der Ecke ein Box­ring. Ali sagt: „Weißt du, Ara­ber, Türke oder Serbe wie Nebo – bei uns spielt das keine Rolle, wenn du Herz hast, hast du Herz.“ Mo­ham­med sagt: „Wenn du keine Freund hast, bist du ein Nichts.“ Hört sich pa­the­tisch an, ist aber ernst ge­meint. Ihre Ge­schich­te er­zäh­len sie trotz­dem nicht.

Neue Kru­gal­lee 219, Stadt­teil Trep­tow. Der Coach kommt. Kräf­ti­ger Typ, an­ge­nehm wei­che Stim­me. Erste Frage: „Wer von euch fas­tet?“ Es ist der 10. Au­gust, die zwei­te Woche des Ra­ma­dan. Elf Jungs sind da, acht heben die Hand. „Okay“, sagt der Coach, „wenn euch schlecht wird, geht ihr raus und spült den Mund mit Was­ser aus.“ Dann geht es los. Warm­lau­fen, Seil­sprin­gen, an die Sand­sä­cke. Spä­ter Prat­zen­trai­nig. Zum Ab­schluß Gym­nas­tik. Für die Rü­cken­mus­ku­la­tur. „Hört auf zu quat­schen“, bellt der Coach: „Grund­übung hier heisst Dis­zi­plin, also Klap­pe hal­ten und Zu­hö­ren!“ Der Coach for­dert: „Kommt, hoch, hoch, kommt schon!“ Er kor­ri­giert: „Nicht ins Hohl­kreuz fal­len!“ Er sagt: „Los, los, Gesäß an­span­nen!“ Gesäß? Fragt einer: „Was’n das.“ Coach: „Gesäß ist dein Arsch.“

Er heisst Tho­mas Jan­sen, er lei­tet „Kick im Box­ring“, Teil des Ber­li­ner Kick-Pro­jekt, das vom Senat in Zu­sam­men­ar­beit mit der Po­li­zei und dem Lan­des­sport­bund be­trie­ben wird. Ju­gend­li­che aus so­zi­al be­nach­tei­lig­ten Stadt­tei­len ma­chen Sport. Damit sie weg sind von der Stra­ße, Re­geln ken­nen­ler­nen, Werte wie Fair­ness, Re­spekt, To­le­ranz ent­de­cken, die Fin­ger von Dro­gen las­sen. Damit sie nicht, so Jan­sen, „auf dumme Ge­dan­ken kom­men“. Klas­si­sche Kri­mi­nal­prä­ven­ti­on. Wenn­gleich Jan­sen „viel Über­zeu­gungs­ar­beit leis­ten muss­te“, um die Po­li­zei zu über­zeu­gen, dass die auch mit Boxen er­reicht wer­den kann: „Die sag­ten: ‚Jetzt wer­den die zu Schlä­gern aus­ge­bil­det, mit denen wir eh schon Pro­ble­me haben’.“ Das war 2007. In­zwi­schen hat Kick im Box­ring vier Stütz­punk­te in Ber­lin; ins­ge­samt wer­den 250 Kin­der und Ju­gend­li­che be­treut, un­ter­stützt von der Lau­reus Sport for Good Foun­da­ti­on und deren Bot­schaf­tern Vi­ta­li und Wla­di­mir Klitsch­ko.

Jan­sen war Boxer. Ta­len­tier­ter Ama­teur, Wel­ter­ge­wicht, Ber­li­ner Meis­ter, nord­deut­scher Meis­ter, nur drei ver­lo­re­ne Kämp­fe. Als Profi reich­te es er nur noch zu zwei Sie­gen. „Ich hab nicht dafür ge­lebt“, sagt Jan­sen, „fal­sche Krei­se, Ver­trä­ge in der Knei­pe un­ter­schrie­ben und so wei­ter.“ Daran muss er immer den­ken, wenn er junge Leute be­treut, zumal Kin­der von Zu­wan­de­rern, die be­son­ders ge­fähr­det seien, auf die schie­fe Bahn zu ge­ra­ten: „Die wach­sen auf mit Angst: vor der Ge­sell­schaft, der Bü­ro­kra­tie, un­se­rer Kul­tur. Ihre Re­ak­ti­on ist Ge­walt, weil Ge­walt ein Ge­fühl von Stär­ke, von Macht pro­du­ziert.“ Was Boxen damit zu tun hat? „Beim Boxen kön­nen sie ihre Ag­gres­sio­nen auf ge­sun­de Art ab­ar­bei­ten, ein gutes Ge­fühl von Stär­ke auf­bau­en, Boxen zwingt dich zu Ei­gen­ver­ant­wor­tung. Wie gehe ich mit Wi­der­stand um, wie mit Her­aus­for­de­run­gen? Laufe ich weg oder stel­le ich mich? Wenn du dich in Neu­kölln rum­treibst, wie Ali, Mo­ham­med oder Nebo, dann fragst du dich das täg­lich.“

Neu­kölln, 8. Ber­li­ner Ver­wal­tungs­be­zirk, 312000 Ein­woh­ner aus 165 Na­tio­nen. 38 Pro­zent der Be­woh­ner, 60 Pro­zent der Ju­gend­li­chen sind nicht deut­scher Her­kunft. Jeder Vier­te ist ar­beits­los. Jedes zwei­te Baby wächst in einem Hartz-IV-Haus­halt auf. An den Haupt­schu­len feh­len 25 Pro­zent der Schü­ler mehr als 21 Tage im Jahr. Das Neu­köll­ner Job­cen­ter hat die nied­rigs­te Ver­mitt­lungs­quo­te Deutsch­lands. Es gibt zu wenig Ärzte, dafür Wach­diens­te an Schu­len. Ge­mes­sen an sei­nen Ein­woh­nern hat Neu­kölln die we­nigs­ten Kin­der­ta­ges­stät­ten, Ju­gend- und Se­nio­ren­hei­me in Ber­lin. Zu­sam­men er­gibt das ein ka­ta­stro­pha­les Image. „Neu­kölln“, schreibt Wi­ki­pe­dia, „wird immer wie­der als pro­mi­nen­tes Bei­spiel für ein gan­zes Bün­del so­zia­ler Pro­blem­si­tua­tio­nen ge­nannt.“

Neu­kölln ist längst Syn­onym für ein ur­ba­nes De­sas­ter. Bil­dungs­fer­ne. Ju­gend­ge­walt. Kri­mi­na­li­tät. Par­al­lel­ge­sell­schaft. Das gilt pri­mär für den Roll­berg-Kiez, im Nor­den des Stadtt­teils, zwi­schen Her­mann- und Karl-Marx-Stra­ße, ge­le­gen, wo sich Grün­der­zeit­ar­chi­tek­tur mit Wirt­schafts­wun­der­be­ton paart. Wo zwei Drit­tel der Be­woh­ner Zu­wan­de­rer sind, Dro­gen­han­del und Kri­mi­na­li­tät gras­siert. Wo ara­bi­sche und tür­ki­sche Fa­mi­li­en­klans ganze Stra­ßen­zü­ge re­gie­ren, wo sich Ju­gend­ban­den be­krie­gen, die sich Ara­bi­an Gangs­ter Boys oder Neu­köll­ner Ghet­to Boys nen­nen und bei denen Happy Slap­ping zum guten Ton ge­hört. Zu­schla­gen ist cool. Wer am här­tes­ten zu­schlägt, ist der Cools­te. Neu­köllns Bür­ger­meis­ter Heinz Busch­kow­sky sagte ein­mal an­ge­sichts die­ser Ver­hält­nis­se: „Mul­ti­kul­ti in Deutsch­land ist ge­schei­tert.“

In Neu­kölln sind sie groß ge­wor­den. Ali in einer Fa­mi­lie mit sechs Ge­schwis­tern, Vater ar­beits­los, Mut­ter Haus­frau, in vier Zim­mern, noch heute lebt er mit sei­nen vier Brü­dern, die 14 bis 19 sind, in einem Raum: „Klar, da ist immer Krach.“ Mo­ham­med hat sie­ben Ge­schwis­ter, ein äl­te­rer Bru­der hat ihn mal ver­prü­gelt, nur weil er ihn mit einer Zi­ga­ret­te er­wisch­te. „Auf der Stra­ße ist stän­dig Stress, Alarm“, er­zählt Nebo, „neu­lich hatte ich wie­der einen vor mir, der das Mes­ser zog.“ Kein Frei­raum und Lan­ge­wei­le zu Hause, Ma­cho­ge­ha­be und Ge­walt auf der Stra­ße. So wäre das bis heute, hät­ten sie nicht von Kick im Box­ring er­fah­ren, des­sen Stütz­punkt in der Halle der Neu­köll­ner Sport­freun­de, Oder­stra­ße 182. Seit­her trai­nie­ren sie drei­mal pro Woche. „Boxen“, sagt Ali, „war un­se­re Ret­tung.“ Wenn man Mo­ham­med fragt, was er daran möge, sagt er: „Alles: den Schweiß, den Schmerz, den Wett­kampf, die Siege, das Trai­ning, ein­fach alles.“ Sechs Kämp­fe hat er be­reits be­strit­ten, sechs ge­won­nen, jetzt will er Profi wer­den. Ali: „Mo­ham­med glaubt an sich, der schafft das.“

Ei­gen­ver­ant­wor­tung, En­ga­ge­ment, Selbst­be­wusst­sein. So ein­fach ist das. Man muss sie nur be­ob­ach­ten in Trep­tow, wo Jan­sen jähr­lich ein zwei­wö­chi­ges Som­mer­camp ver­an­stal­tet. Junge, ge­pfleg­te Män­ner, die pünkt­lich kom­men, sich artig vor­stel­len. Die sich im Trai­ning ge­gen­sei­tig mo­ti­vie­ren, coa­chen, Vor­bil­der für die Trai­nings­grup­pe sind. Jan­sen er­zählt: „Als sie kamen, waren sie nur wild, jedes Spar­ring war Krieg.“ Viel Wut, viel Kraft, keine Kon­trol­le. Ali setz­te sich bei einen sei­ner ers­ten Kämp­fe auf sei­nen Geg­ner und trak­tier­te ihn mit Hie­ben. Weil er vor­her mit fai­ren Mit­teln keine Chan­ce hatte. Jan­sen er­kun­dig­te sich, fand her­aus, dass Ali kurz vor­her wegen Dieb­stahls ver­haf­tet wor­den war und „über­all Stress hatte: in der Fa­mi­lie, in der Schu­le“.Jan­sen ver­mit­tel­te beim Vater, bei der Po­li­zei. Ali sagt: „Tho­mas redet nicht nur, Tho­mas macht, er hilft auch bei Job­su­che, berät uns bei Aus­bil­dungs­fra­gen.“ Und er küm­mert sich auch um Mo­ham­meds sport­li­che Am­bi­tio­nen. Jan­sen: „Der soll das lang­sam an­ge­hen, bloß nicht ver­hei­zen.“

„Sie zu be­ur­tei­len wie ein Ober­leh­rer“, sagt Jan­sen, „bringt dich aber nicht wei­ter, du musst zu­hö­ren, über ei­ge­ne Er­fah­run­gen spre­chen, dann er­reicht man sie. Dann hören sie auf, die Schu­le zu schwän­zen, fan­gen an, ihre Haus­auf­ga­ben zu er­le­di­gen, sich Ziele zu set­zen im Boxen wie im Leben. Ali hat be­schlos­sen, das Ab­itur zu ma­chen und spä­ter BWL zu stu­die­ren. Nebo fängt in we­ni­gen Tagen eine Aus­bil­dung bei der Te­le­kom an. Mo­ham­med sucht noch eine Lehr­stel­le, ar­bei­tet aber für Jan­sen als Ho­no­rar­trai­ner: „Damit er lernt, dass nicht nur Neh­men zählt, son­dern auch Geben.“ Hoff­nungs­lo­sig­keit, Frust, Rum­hän­gen und Ärger ma­chen? Ali: „Das war frü­her.“ Des­halb er­zäh­len sie ihre Ge­schich­te nicht gerne. Nicht, was war, zählt, son­dern was ist. Das macht sie stolz.

Laureus

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