tz-Interview zum Start der Tour de France

LeMond über Armstrong: "Legal, aber respektlos"

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Greg LeMond hat dreimal die Tour de France gewonnen.

München - Greg LeMond gewann 1986 als erster Amerikaner die Tour de France. Vor dem Auftakt (13.45 Uhr, Eurosport und im Liveticker auf tz.de) stellte sich der Eurosport-Experte im tz-Interview.

Herr LeMond, holt ­Tony Martin am Samstag das Gelbe Trikot?

LeMond: Er ist der Beste, der Kurs ist schnell, das liegt ihm. Betrachtet man die letzten Ergebnisse, kann nur er gewinnen.

Die ARD überträgt wieder. Hat die Tour die zweite Chance verdient?

LeMond: Ja, die Tour war nicht das Problem, sondern die Kultur im Radsport. Auch wenn sich noch viel ändern muss, einiges hat sich getan. Es gibt viele junge, glaubwürdige Jungs, die die Aufmerksamkeit verdient haben. In Deutschland gibt es viele Fahrer, die frischen Wind reinbringen. Es bräuchte mehr Jungs wie Marcel Kittel oder John Degenkolb.

Kittel ist nicht am Start.

LeMond: Ich kenne die Interna nicht, aber Kittel schien nicht froh zu sein. Wenn er an sich geglaubt hat, hätte ich ihn mitgenommen. Selbst wenn er nur fünf Tage gefahren wäre, hätte er locker einen Sieg einfahren können. Viele denken, man müsste Wochen vor dem Tourstart topfit sein, das muss man aber nicht. Bei einem meiner Toursiege dachte ich einen Monat vorher noch, dass ich nicht einmal ein Rennen zu Ende fahren kann.

Alberto Contador ist einer der Favoriten, verdient auch er eine zweite Chance?

LeMond: Er war positiv auf Clenbuterol, darüber weiß ich wenig. Aber ich bin skeptisch, Contador hat sich mit Armstrong duelliert und ich weiß, was sich zwischen Armstrong und der Politik alles abgespielt hat.

Neben Contador sind Nibali, Froome und Quintana favorisiert. Haben alle eine 25-Prozent-Chance?

LeMond: Es ist sehr eng, aber das ist das Schöne. Froome ist offensichtlich gut in Form, er hat den Giro gewonnen. Nibali würde ich 26 oder 27 Prozent geben. Und Quintana gehört definitiv die Zukunft, er ist noch nicht am Limit, von ihm haben wir noch nicht alles gesehen, was in ihm steckt.

Lance Armstrong wird auch in Frankreich sein, weil er vor der 13. und 14. Etappe an einem Charity-Rennen teilnimmt. Will er provozieren?

LeMond: Ich kenne seine Motivation nicht. Es ist nicht illegal, er kann fahren, wo er will. Aber wenn er nur einen Funken Respekt hätte, würde er es nicht machen. Aber ich verstehe auch den Organisator nicht. Er will Geld sammeln und lädt Arm­strong ein? Er wäre der Letzte, dem ich Geld spenden würde.

Wie werden die Fans reagieren?

LeMond: Wenn ich in meiner Familie einen Krebsfall hätte, wäre ich extrem enttäuscht. Armstrong hat diese Menschen ausgenutzt und ihr Geld genommen. Ihre Spenden sind nicht in die Krebsforschung geflossen, sondern ins Marketing, das ist die wahre kriminelle Energie.

Wie steht es um Ihre eigene Gesundheit? Stecken in Ihrem Herzen und Ihrer Lunge immer noch Schrotkugeln aus dem Jagdunfall 1987?

LeMond: Sie sind noch drin, aber ich fühle mich dieses Jahr so gut wie lange nicht. Durch den Ärger mit Armstrong hatte ich in den vergangenen drei, vier Jahren sehr viel Stress, da ging es mir nicht gut. Aber so lange ich es mit dem Sport nicht übertreibe, ist im Moment alles bestens. Ich trainiere maximal eine Stunde und das zwei, dreimal die Woche.

4 Favoriten auf 450 000 €

Am Samstag beginnt in Utrecht die 102. Tour de France. Die wichtigsten Fakten auf einen Blick.

Favoriten: Mit Vincenzo Nibali (Italien), Christopher Froome (England), Alberto Contador (Spanien) und Nairo Quintana (Kolumbien) erheben gleich vier Fahrer berechtigten Anspruch auf das Gelbe Trikot.

Deutsche Fahrer: Die Chancen auf erneute Erfolge stehen gut, vor allem in der ersten Woche könnten sie zu den prägenden Figuren zählen. Bereits am Samstag hat Tony Martin die große Chance, erstmals in seiner Karriere ins Gelbe Trikot zu schlüpfen. Andre Greipel hat bislang bei jedem seiner vier Tour-Starts eine Etappe gewonnen, zudem ist mit Klassiker-König John Degenkolb zu rechnen.

Schafft er das ­Double? Vorjahressieger Vincenzo ­Nibali.

Preisgeld: Wer in Paris das Gelbe Trikot trägt, erhält eine Siegprämie von 450 000 Euro. Die Gewinner des Grünen und Gepunkteten Trikots müssen sich mit 25 000 Euro begnügen. Der beste Jungprofi im Weißen Trikot erhält 20 000 Euro, ein Etappensieg bringt 8000 Euro.

Neue Regeln: Die wesentlichen Neuerungen des Regelwerks der Tour de France 2015 betreffen das Grüne Trikot und die Zielankünfte. Etappensiege auf flachen Abschnitten wurden punktemäßig aufgewertet und zudem gibt es erstmals seit 2008 wieder Zeitgutschriften bei der Zielankunft.

Doping: Doping ist ein steter Begleiter der Tour de France, inzwischen hat die Sportart auch nach Ansicht von Anti-Doping-Experten Fortschritte gemacht.

Interview: Mathias Müller

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