"Alleine könnte er nicht fahren"

Für Kessler: Hier radelt Ullrich durch München

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­Kessler (l.) und Ullrich (r.) auf dem ­Tandem.

München - Ohlmüllerstraße 7, Rapha Bike Store, Sonntagvormittag, 10 Uhr. Das kleine Feld des Bikedress Ride rollt los in Richtung Perlacher Forst. Unter ihnen: Ex-Profi Jan Ullrich!

Ullrich (l.) und Kessler (r.) 2005 bei der Tour de France.

Ende Mai sorgte der Tour-de-France-Sieger von 1997 für unrühmliche Schlagzeilen. In der Schweiz verursachte er unter Alkoholeinfluss (rund 1,4 Promille) einen Autounfall mit Fahrerflucht. Am Sonntag zeigte sich der 40-Jährige als Gutmensch und bewältigte mit seinem alten Spezl Matthias Kessler (35), der seit einem Trainingsunfall halbseitig gelähmt ist, auf einem Tandem die rund 100 Kilometer lange Strecke in Richtung Starnberger See und wieder retour. „Es geht darum, Matze eine Freude zu machen und dafür zu sorgen, dass er ab und zu noch eine Tour machen kann. Alleine könnte er nicht mehr Rad fahren“, erzählt Ullrich der tz.

Der gebürtige Rostocker, der mit seiner Frau Sara und den drei Söhnen Max, Benno und Toni in Scherzingen am Bodensee lebt, ist gut gelaunt und erklärt das mehrere Tausend Euro teure Tandem, das ihnen der ehemalige Weltmeister im Cyclocross (Querfeldein-Radsport, Anm. d Red.) Mike Kluge (51) gebaut hat. „Mir geht es gut“, sagt Ullrich. Angesprochen auf den Autounfall gibt er etwas kleinlaut zu: „Das war Mist, aber das bade ich jetzt aus.“ Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen. „Ich warte täglich auf Neuigkeiten, aber ich denke, dass sich die Angelegenheit noch bis Ende des Jahres ziehen wird“, so Ullrich.

Während er gegen eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe kämpft, arbeitet sich Kessler seit 2010 beharrlich zurück ins Leben. Damals verunglückte der Nürnberger auf Mallorca auf einer Trainingsfahrt, als er versuchte, einer Katze auszuweichen und ohne Helm gegen eine Betonwand prallte. Ein Schädelbruch und künstliches Koma waren die Folge. „Am Anfang habe ich in der Reha viele Fortschritte gemacht, heute kann ich wieder fast alles machen“, sagt Kessler der tz.

Alleine Fahrradfahren kann er aber nicht mehr. Die Lähmung seiner linken Seite wird wohl nie mehr ganz verschwinden. Beim Gehen zieht Kessler das linke Bein leicht nach, auf dem Fahrrad macht vor allem der taube Arm Probleme. „Die Hauptarbeit auf dem Tandem leistet Jan, er muss lenken und vor allem für mich mitbremsen“, so Kessler. Beim Auf- und Absteigen mit dem Klickpedal half am Sonntag zudem der ehemalige Ski-Slalomweltmeister Frank Wörndl, der seit 1998 mit Ullrich befreundet ist. „Dass Matze so wieder fahren kann, ist eine tolle Sache“, sagt Wörndl, der in diesem Jahr schon oft mit Ullrich auf dem Rad unterwegs war.

Von 2000 bis 2002 fuhren Kessler und Ullrich für das Team Telekom. Allrounder Kessler war damals Edelhelfer, heute hilft Ullrich seinem Kumpel. „Wir sind im März in Südafrika mit dem Tandem beim Cape Argus mitgefahren und versuchen, dass es drei- bis viermal im Jahr klappt“, sagt Ullrich. Damit alles reibungslos funktioniert, hat sich das Duo auf ein paar Signale verständigt. „Wenn ich bremse, muss Matze das wissen, damit er seinen Kopf auf meinem Rücken ablegen kann. Mit seinem linken Arm kann er nicht selbst bremsen beziehungsweise sein Gewicht abfangen. Er würde voll auf mich prallen“, so Ullrich.

In Südafrika benötigte das Duo für 110 Kilometer aufgrund vieler Pannen fast sechs Stunden. Diesmal sollte es schneller gehen. „Trink vorher trotzdem lieber noch etwas“, empfiehlt Ullrich. Kessler kontert trocken: „Wir nehmen doch was mit. Außerdem habe ich Geld einstecken, wir können im Biergarten eine Pause einlegen“. Seinen Humor hat Kessler zum Glück also nicht verloren, auch wenn es mit dem Fahrradfahren nicht mehr so klappt wie früher.

Mathias Müller

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