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Ex-NFL-Star Sebastian Vollmer über Super Bowl: „Meine Finger floppten nur so herum“

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Sebastian Vollmer
Überzeugte über Jahre in der NFL: Sebastian Vollmer. © Foto: Imago

Sebastian Vollmer ist der erfolgreichste deutsche Spieler in der NFL. Von 2009 bis 2016 lief der 38-Jährige für die New England Patriots auf. Als Offensive Tackle beschützte er Superstar Tom Brady und gewann zwei Super-Bowl-Ringe. Im Interview mit unserer Zeitung spricht Vollmer über seine Rolle als Football-Botschafter in Deutschland, Kritik an Brady und schwere Verletzungen.


Sebastian Vollmer, ein NFL-Spiel in München. Was löst das in Ihnen aus?

Es war lange in der Warteschleife, nun ist das Spiel endlich da. Da wollen wir allen Fans natürlich auch was bieten und die Partie nicht einfach so raushauen. Die NFL will auch über das München-Spiel hinaus das ganze Jahr über in der Stadt Präsenz zeigen. Etwa durch das Flag-Football-Programm an Schulen. Der Football will Teil der deutschen Gesellschaft sein. Der Sport hat mir so viel gegeben. Wenn ich nur ein kleines Stück zurückgeben kann durch meine Rolle als NFL-Botschafter in Deutschland, macht mich das schon glücklich.

Hätten Sie zu Beginn Ihrer Karriere damit gerechnet, dass einmal ein Spiel in Deutschland stattfindet?

In meiner Rookie-Saison kam Robert Kraft, der Besitzer der New Englands Patriots, zu mir und hat gesagt: In drei Jahren spielen wir in Deutschland. Es hat ein bisschen länger gedauert, aber das Interesse war damals schon da. Man muss natürlich erst mal alle 32 Eigentümer davon überzeugen, dass sich der Schritt nach Deutschland lohnt. Jetzt sind wir da, das ist ein weiteres Highlight für Football in Deutschland. Ich hoffe, dass es so gut ankommt, dass wir bald auch mal mehrere Partien pro Jahr in Deutschland veranstalten.

Sie leben in Florida, sind weiter nah am US-Sport dran. Wie wird die deutsche Begeisterung in Amerika wahrgenommen?

Deutschland ist der am schnellsten wachsende Markt. In den letzten sechs bis sieben Jahren lag das Wachstum bei 20 Prozent pro Jahr. Das sind natürlich riesige Zahlen, die auch NFL-intern für Begeisterung sorgen. Ich habe noch nie jemanden gehört, der sich über die Expansion beschwert hat. Auch die Fans finden es cool, dass „ihr“ Sport international Anerkennung findet.

Mit Tom Brady reist der erfolgreichste Football-Spieler aller Zeiten nach München. Hatten Sie schon Kontakt mit ihm, seit der Bekanntgabe, dass er in Deutschland spielt?

Wir haben gesimst. Wir haben Späßchen gemacht, dass wir danach noch ein Bier trinken gehen. Auch, wenn das eh nicht passiert, weil sie danach sofort wieder wegfliegen (lacht).

Sebastian Vollmer
Mit seinen beiden Super-Bowl-Ringen: Sebastian Vollmer © Foto: Imago

Sie haben jahrelang mit Tom Brady zusammengespielt. Wie tickt der Superstar?

Wenn Football ist, ist Football – und nichts anderes. Tom Brady hat sich dem Sport zu 100 Prozent verschrieben. Er ist besessen von seinem Beruf. Das ist aber bei einem LeBron James oder Tiger Woods auch nicht anders. Abseits vom Sport kannst du auch mal gemütlich ein Bierchen trinken gehen mit ihm. Also abgesehen davon, dass er so berühmt ist und du da nicht einfach in jede Kneipe kannst (lacht).

Es gibt nicht nur Fürsprecher von Tom Brady.

Es gibt viele, die ihn kritisieren oder nicht leiden können. Das sind dann aber meistens auch Leute, die gegen ihn verloren haben. Wenn man über Jahrzehnte so erfolgreich ist, spielt Neid immer eine Rolle. Das geht dem FC Bayern beispielsweise ja auch so. Wir sollten uns aber alle klar machen, dass die Karriere von Tom Brady bald zu Ende geht. So einen Sportler, der über 20 Jahre dominiert hat, werden wir vielleicht nicht mehr erleben. Er steht auf der obersten Stufe in der Sportgeschichte. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie viel besser er seine Mitspieler macht. Tom Brady hat so viel für seine Sportart gemacht und immer den Erfolg zu den Vereinen gebracht. Diese Siegermentalität haben nur wenige.

Wie ist Ihre eigene Karriere gestartet?

Ich habe in Düsseldorf mit 16, 17 Jahren angefangen. Ich war groß gebaut, 2,03 Meter, 102 Kilo. Ich war nicht besser als die anderen, weil ich genau wusste, was ich mache – sondern, weil ich größer und stärker war. Mein damaliger Head Coach Steffen Breuer hat mich zur Nationalmannschaft und in die Europaauswahl gebracht. Dadurch habe ich ein Stipendium in den USA erhalten.

Vor der beiden Super-Bowl-Ringen lag viel Arbeit. Das beschreiben Sie auch in Ihrem Buch „What it takes“ (riva-Verlag)?

Ich kam nach Amerika, habe kein Wort Englisch verstanden. Ich habe in einer kleinen Baracke gelebt mit Kakerlaken um mich herum. Heimweh, Kulturschock, das hat anfangs alles eine Rolle gespielt. Ich wurde während meiner Karriere zwölfmal operiert. Es waren viele Schmerzen und viel Leiden dabei.

Ihren ersten Super Bowl 2012 haben Sie verloren. Was war das für ein Gefühl nach dem Sieg 2014?

Bill Belichick hat immer gesagt: „Euphoria or crash landing“. Euphorie oder Flugabsturz. Beim Super Bowl bist du für drei, vier Stunden auf dem Olymp und es wird geschaut, wer am Ende übrig bleibt. Es interessiert keinen, wer Vizemeister wird. Man wird vergessen und man selbst akzeptiert diese Niederlage auch nicht. 2014 war es eine Achterbahn der Gefühle während des Spiels. Das Erste, was ich meiner Frau nach Abpfiff gesagt habe, war: „Es hat sich gelohnt.“ Ich hätte in dieser Saison oft operiert werden sollen, habe aber einfach durchgespielt. Ich hatte Kreuzbandrisse an beiden Knien. Insgesamt vier Finger hatten keine Sehnen mehr, die floppten nur so herum. Meine Schulter wurde danach operiert, es waren unzählige Knorpelstücke abgerissen. Weil du a) besessen bist von dem Sport und b) siehst, was man erreichen kann, will man weiterspielen. Wenn du gewinnst, zahlt sich das alles aus. Ich hätte auf meiner Position erfolgreicher nicht sein können.

Wo bewahren Sie ihre Super-Bowl-Ringe auf?

Die Ringe liegen im Safe. Sie sind natürlich sehr groß und klobig, sie kommen nur selten raus.

Wie viel Freude bereitet es Ihnen, wenn ein deutscher Spieler wie Amon-Ra St. Brown so auftrumpft?

Es ist die nächste Garde, die nächste Generation. So langsam kommen mehr deutsche Spieler in die NFL. Wenn du einen Amon-Ra hast, der Woche für Woche abliefert und Touchdowns fängt, macht das Zuschauen natürlich noch mehr Spaß. Mit solchen Spielern kannst du auch Fans für Football begeistern, die bislang noch nichts mit dem Sport zu tun hatten: „Schau mal, was der mit dem Ball macht, schau mal, wie athletisch der ist.“ Besser geht es nicht.

Interview: Nico-Marius Schmitz

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