Doping wurde staatlich unterstützt

Nach Wada-Bericht: Putin lässt Sportfunktionäre sperren

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Wladimir Putin hat auf den Mclaren-Report mit der Suspendierung von Offiziellen reagiert.

Toronto - Russland betreibt staatlich organisiertes Doping. Staatschef Wladimir Putin reagiert auf den skandalösen Report mit der Suspendierung von Offiziellen.

Russlands Staatspräsident Wladimir Putin hat nach der Veröffentlichung des McLaren-Reports zu jahrelangem systematischem Doping im eigenen Land mit der vorläufigen Suspendierung von Offiziellen reagiert, die laut des Berichts an der umfassenden Manipulation beteiligt waren. Dies gab der Kreml bekannt, ohne allerdings Namen zu nennen.

Putin beklagte aber mit Verweis auf den Olympia-Boykott 1980 in Moskau, dass die aktuelle Situation ein gefährlicher Rückfall von politischer Einmischung in den Sport sei. Die Anschuldigungen gegen russische Athleten basierten aus seiner Sicht zudem auf Beweisen, die von einer Person mit miserabler Reputation stammten.

Der sportbegeisterte Staatschef machte deutlich, dass Russland die Bedeutung der olympischen Bewegung verstehe und die olympischen Werte teile. Laut Putin habe Russland immer eine eindeutige Haltung gehabt: Es ist kein Platz für Doping im Sport.

McLaren-Report deckt systematisches Doping in Russland auf

Ein Olympia-Ausschluss für alle Russen rückt nach neuen, erschreckenden Enthüllungen über Staatsdoping im größten Land der Welt immer näher. Der mit Spannung erwartete McLaren-Report hat 18 Tage vor Beginn der Sommerspiele in Rio de Janeiro den Druck auf Russland und das IOC massiv erhöht und den Weltsport erschüttert. Dem Bericht zufolge habe das russische Sportministerium weitreichende Manipulationen während der Winterspiele in Sotschi 2014 und darüber hinaus "gelenkt, kontrolliert und überwacht".

Auch IOC-Präsident Thomas Bach reagierte schockiert. "Die Ergebnisse des Berichts zeigen einen erschreckenden und beispiellosen Angriff auf die Integrität des Sports und der Olympischen Spiele", wurde Bach in einer Stellungnahme zitiert: "Daher wird das IOC nicht zögern, die härtesten Sanktionen gegen jede beteiligte Person oder Organisation zu treffen." Das Exekutiv-Komitee des IOC wolle in einer Telefonkonferenz am Dienstag erste Entscheidungen treffen, die auch "vorläufige Sanktionen mit Blick auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio" beinhalten könnten.

IOC kündigt nach Doping-Report rasche Entscheidung an

Empfehlungen für Konsequenzen gab der Report nicht - dennoch setzt er das Internationale Olympische Komitee (IOC) und Bach maximal unter Zugzwang. Die Erkenntnisse McLarens, der am Montagmorgen Ortszeit im Sheraton Centre Hotel im kanadischen Toronto seinen Bericht vorstellte, sind unmissverständlich. Demnach sind nicht nur die Sotschi-Spiele und Wintersportler betroffen: "Russische Athleten aus den meisten Sommer- und Wintersportarten" hätten von der Manipulationsmethode, die von "mindestens Ende 2011 bis August 2015" geplant und durchgeführt worden sei, profitiert.

Das russische Sportministerium habe die Manipulation, bei der vor allem Dopingproben ausgetauscht wurden, mit Hilfe des Geheimdienstes FSB "gelenkt, kontrolliert und überwacht", hieß es in dem Report. McLaren bestätigte damit Aussagen des russischen Kronzeugen Gregori Rodtschenkow, denenzufolge die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi massiv auch unter Mithilfe staatlicher Behörden beeinflusst worden waren. Mehrere Dutzend russische Sportler, darunter mindestens 15 Medaillengewinner, sollen in Sotschi gedopt an den Start gegangen sein.

"Ich bin sehr überzeugt von unseren Ergebnissen. Wir haben viele Beweise, die keine Zweifel zulassen", sagte McLaren. Empfehlungen in Richtung IOC wolle er "anderen überlassen".

Wada-Report: Russischer Staat half bei Doping-Vergehen kräftig mit

Andrea Gotzmann, Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA), bezeichnete die Fakten als "erschütternd" und erklärte: "Die NADA fordert das Internationale Olympische Komitee auf, dafür zu sorgen, dass russische Sportlerinnen und Sportler nicht zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro zugelassen werden."

McLarens Bericht hielt fest, dass in die Planung des einzigartigen Vertuschungsverfahrens des Labors in Sotschi unter anderem das Sportministerium, der Geheimdienst FSB und das Moskauer Stamm-Labor eingebunden waren. Eine vorher ausgewählte Gruppe russischer Athleten, die in Sotschi am Start waren, wurden demnach durch die Vertuschung von Proben geschützt. Bei allen Fläschchen mit den Proben wurden Manipulationen festgestellt, alle Deckel waren entfernt und später wieder angebracht worden.

Russland hatte schon vor der Veröffentlichung harten Widerstand gegen eine mögliche Komplettsperre angekündigt. "Es gibt ein Arsenal an legalen Mitteln für die Verteidigung der Interessen der Sportler, und Russland wird es bis zum Letzten ausschöpfen", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow in Moskau.

Nun ist das IOC am Zug. Zuletzt hatte Bach versucht, den Sotschi-Skandal von den Spielen in Rio (5. bis 21. August) fernzuhalten, indem er die Wintersportverbände für zuständig erklärte. Der 62-Jährige, ein Intimus von Russlands Präsident Wladimir Putin und strikter Gegner von Sippenhaft-Maßnahmen, muss sich nun aber an seiner ersten klaren Reaktion nach der Veröffentlichung messen lassen.

Dopingfahnder fordern russischen Ausschluss von Olympia

Zudem steht Bach eine weitere Entscheidung mit enormer sportpolitischer Sprengkraft ins Haus, wenn er über das Startrecht der Whistleblowerin Julia Stepanowa für Rio befindet. Ebenfalls wegweisend: Bis Donnerstag will der Sportgerichtshof CAS über die Klage von 68 russischen Leichtathleten gegen die durch den Weltverband IAAF verhängte Kollektivsperre für Rio entscheiden.

Der oberste US-Dopingfahnder Travis Tygart, der einst den Super-Doper Lance Armstrong zur Strecke brachte, forderte Bach in einem Brief bereits dazu auf, noch "vor dem 26. Juli zu handeln und Russland, sein Olympisches und Paralympisches Komitee sowie sämtliche russischen Sportverbände von den Spielen in Rio auszuschließen". Am Wochenende schlossen sich 20 Nationale Anti-Doping-Agenturen, darunter auch die NADA, an.

Offenbar herrscht in den Reihen der Dopingjäger mittlerweile auch ein tiefes Misstrauen gegenüber der IOC-Führungsriege, die zwar gebetsmühlenartig den "Schutz der sauberen Athleten" und eine "Null-Toleranz-Politik" propagiert, gegenüber der Sportgroßmacht Russland bislang aber extrem zurückhaltend auftrat.

Sollten die Wintersportverbände nun rückwirkend Strafen gegen russische Medaillengewinner von Sotschi vollziehen, dürfen auch deutsche Athleten hoffen. In drei Fällen würden sie bei nachträglichen Ausschlüssen auf den Bronzerang rutschen (Claudia Pechstein/Eisschnelllauf, Andi Langenhan/Rodeln, Patrick Bussler/Snowboard), in zwei Fällen sogar zu Olympiasiegern werden (Aljona Savchenko/Robin Szolkowy/Paarlauf, Männer-Staffel/Biathlon).

Die größten Doping-Skandale der Sportgeschichte

Der Fall Katrin Krabbe (1992): Die deutsche Sprinterin Katrin Krabbe, Weltmeisterin 1991 über 100 und 200 m, fällt wie Trainingspartnerin Grit Breuer bei einer Urinprobe mit dem Kälbermastmittel Clenbuterol auf. Beide werden bis 1995 gesperrt. Während Breuer in die Weltspitze zurückfindet, scheitert Krabbes Comeback-Versuch. © dpa
Der Fall Ben Johnson (1988): Die Mutter aller Doping-Skandale. Bei den Olympischen Spielen in Seoul siegt der kanadische Sprintstar Ben Johnson im 100-m-Finale in der Weltrekordzeit von 9,79 Sekunden. In Johnsons Urinprobe wird das Steroid Stanozolol nachgewiesen, der Skandalsprinter verliert Gold und Rekord. © dpa-mzv
Der Fall Diego Maradona (1994): Bei der Fußball-WM in den USA wird Argentiniens Superstar Diego Maradona positiv auf Ephedrin getestet und ausgeschlossen. Schon drei Jahre zuvor war Maradona mit Kokain erwischt worden, sein Niedergang begann. © dpa
Der Fall Balco (2003): Im Zuge der Balco-Affäre wird in den USA ein Doping-Netzwerk ausgehoben, zahlreiche Topstars wie Baseball-Ass Barry Bonds und die Sprintstars Marion Jones und Tim Montgomery werden schwer belastet. Jones, die 2000 in Sydney dreimal Olympia-Gold gewonnen hatte, landet wegen Falschaussage im Gefängnis. © dpa
Der Fall Kenteris/Thanou (2004): Die griechischen Sprinter Konstantinos Kenteris, 200-m-Olympiasieger von 2000, und Ekaterini Thanou entziehen sich bei den Spielen in ihrer Heimat Athen unter dem Vorwand eines angeblichen Motorrad-Unfalls einem Dopingtest. Beide werden zwar nicht suspendiert, verzichten aber auf einen Start. Nach langem Hickhack werden beide für zwei Jahre gesperrt und später wegen Meineids zu 31 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. © dpa/dpaweb-mm
Der Fall Fuentes (2006): Einen Tag vor dem Start der Tour de France werden die Favoriten Jan Ullrich (T-Mobile) und Ivan Basso (CSC) von ihren Teams ausgeschlossen. Ihnen wird vorgeworfen, in den Skandal um den spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes verwickelt gewesen zu sein. Dieser soll ein weltweites Dopingnetzwerk organisiert gehabt haben. Im Rahmen einer Razzia waren am 23. Mai 2006 große Mengen an Blutbeuteln beschlagnahmt worden. Ullrich wird erst im Februar 2012 für zwei Jahre gesperrt und verliert alle Ergebnisse seit dem 1. Mai 2005, im Juni 2013 gibt er Blutdoping zu. Auch Leichtathleten und Fußballer werden mit dem Netzwerk in Verbindung gebracht. © dpa
Der Fall Claudia Pechstein (2009): Die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein wird vom Weltverband ISU wegen Indizien, die auf Blutdoping hindeuten, für zwei Jahre gesperrt. Pechstein wehrt sich, es folgt ein langes juristisches Tauziehen. Obwohl Zweifel an ihrer Schuld bestehen, bleibt sie gesperrt. Im Februar 2011 gibt sie ihr Comeback. © dpa
Der Fall Alberto Contador (2010): Tour-Sieger Alberto Contador wird am zweiten Ruhetag der Frankreich-Rundfahrt (21. Juli) positiv auf Clenbuterol getestet. Der Radsport-Weltverband UCI spricht eine vorläufige Sperre gegen den Spanier aus, will dem Fall aufgrund der geringen Konzentration des Kälbermastmittels aber nachgehen. Im Februar 2012 spricht der CAS nach einer langen Hängepartie ein Urteil, sperrt Contador und erkennt ihm alle Titel seit der positiven Probe ab. Der Luxemburger Andy Schleck wird am 29. Mai 2012 nachträglich zum Tour-Sieger 2010 gekürt. © AP
Der Fall Lance Armstrong (2012) Am 22. Oktober 2012 erkennt der Radsport-Weltverband UCI Lance Armstrong die Tour-Titel von 1999 bis 2005 ab. Armstrong hatte über Jahre hinweg systematisch betrogen und ein Doping-Netzwerk aufgebaut, ehemalige Kollegen und Weggefährten belasteten ihn schwer. Nach jahrelangem Leugnen bricht der Texaner am 15. Januar 2013 in einem Interview mit Talkmasterin Oprah Winfrey sein Schweigen und verliert seine sieben Tour-Siege. © dpa
Die Fälle Gay, Powell, Carter und Simpson (2013) Schwarzer Sonntag der Leichtathletik: Tyson Gay (USA), zweitschnellster Sprinter der Geschichte (9,69 Sekunden) gibt am 14. Juli bekannt, dass er bei einer Trainingskontrolle positiv getestet worden sei. Gay beantragt die Öffnung der B-Probe, erklärt aber seinen Verzicht auf die WM. Am gleichen Tag wird bekannt, dass auch Jamaikas Ex-Weltrekordler Asafa Powell sowie seine Landsleute Nesta Carter und Sherone Simpson positiv getestet wurden. © AFP
Der Fall Dieter Baumann (1999): Die Zahnpasta-Affäre. Dieter Baumann, 5000-m-Olympiasieger von 1992, wird positiv auf Nandrolon getestet. Der Deutsche Leichtathletik-Verband spricht Baumann frei, da der Wirkstoff auch in seiner Zahnpasta-Tube nachgewiesen werden konnte, ein schuldhaftes Vergehen damit infrage stand. Der Weltverband IAAF sperrte Baumann dennoch für zwei Jahre. © picture-alliance / dpa/dpaweb
Der Fall Johann Mühlegg (2002): Bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City werden sieben Athleten positiv auf Epo getestet. Prominentester Sünder ist der Allgäuer Langläufer Johann Mühlegg, der für Spanien Gold über 10, 30 und 50 km gewonnen hatte. Mühlegg verliert sämtliche Medaillen, wird für zwei Jahre gesperrt und beendet seine Karriere. © picture-alliance / dpa/dpaweb

Olympia 2016: Alle Infos zu den Wettkämpfen, Tickets und Themenseite

Hier finden Sie alle Informationen zu den Wettkämpfen in Rio de Janeiro 2016 im Überblick. Wie Sie noch an Tickets für Olympia 2016 kommen können, erfahren Sie hier. Welche neuen Disziplinen es bei den Olympischen Spielen gibt, haben wir ebenfalls für sie zusammengestellt. Damit Sie immer besten informiert sind: Alle Infos und News rund um die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro bekommen Sie auf unserer Themenseite zu Olympia 2016.

dpa/sid

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