Sportwissenschaftler im Interview

IOC, Doping, Umweltzerstörung: Überlebt der Olympische Geist?

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Massaker am heiligen Berg: Wenn Thomas Dreßen & Co. um Abfahrts-Gold kämpfen, wird vom „Kettensägenmassaker“ am heiligen Berg nichts zu sehen sein.

„Olympia hat wenig mit Wintersport zu tun“, sagt Gunter Gebauer. Im Interview erläutert der promovierte Sportwissenschaftler die sinkende Bedeutung der Olympischen Spiele und warum der Zug in Deutschland erstmal abgefahren ist.

Die Olympischen Spiele 2018 sind eröffnet, IOC-Boss Thomas Bach hat die besten Athleten der Welt auf die Wettkampfstätten Pyeongchangs geschickt - aber hat er auch die fairsten und saubersten Sportler begrüßt? Zweifel sind angebracht, wie auch generell die Olympischen Spiele an Zauber eingebüßt haben. Wir sprachen darüber mit Gunter Gebauer (74), Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin und promovierter Sportwissenschaftler. 

Herr Gebauer, angesichts von Doping, Umweltsünden, Korruption: Worauf soll ich mich bei Olympia freuen? 

Gunter Gebauer: Freuen kann man sich vielleicht auf schöne Wettkämpfe, aber auch das nur mit gewissen Bedenken. Die Sportler haben mit den politischen Verwicklungen zumeist ja nichts zu tun. 

Kann man sich als Sportfan also im besten Sinne „naiv“ auf die Wettkämpfe freuen? 

Gebauer: Nein, leider, es ist mittlerweile so viel bekannt geworden. Über die Machenschaften der Russen in Sotschi, über die Umweltzerstörung in Korea und so weiter. Man kann sich also nicht unvoreingenommen freuen, aber das gibt es ja heute quasi bei keinem sportlichen Großereignis mehr. Doch es wird hervorragende Wettkämpfe geben. 

Taugt Olympia überhaupt noch als Ideal? Und war es das überhaupt? 

Gebauer: Ein Ideal war Olympia vielleicht einige Male in der Vergangenheit. In Melbourne oder Helsinki, in Rom - aber dann hörte das auch schnell auf. Den ersten schweren Einschnitt gab es ohnehin schon lange davor: 1936 in Berlin. Die Freude ist immer sehr gemischt. Es werden Sportler ausgeschlossen, es wird für zu viel Geld gebaut. Bescheidene Spiele gab es nur selten. Wir hatten sehr schöne Sommerspiele in London und Winterspiele in Lillehammer, aber das waren Ausnahmen. Dort wurden nicht nur schöne Bilder präsentiert, sondern es wurden auch die Sportler einbezogen, auch sie verstanden sich dort offenbar gut untereinander. Es steht dennoch immer die Bedrohung durch Doping hinter den Spielen, die Bedrohung durch den Staatssport, den wir in der Vergangenheit hatten - und den wir zum Teil noch haben. Und es gibt ganze Sportarten, die ein Dopingproblem haben. 

Aber ist es eigentlich ungerecht, beispielsweise Langläufer von vornherein kritischer zu betrachten als Skifahrer? 

Gebauer: Nein! Das ist nicht ungerechtfertigt, denn es gab nun mal viele Dopingfälle in solchen Sportarten. Zudem wurde sehr lange relativ unbefangen damit umgegangen. Im Langlauf wurden oder werden eben auch Mittel wie EPO gegeben, von denen die Sportler selbst sagen, es wirke wie ein Turbo. Das ist gesunde Skepsis. 

Olympia im TV ist ja ein Thema für sich: Wo bleibt die Faszination der Idee Olympia, wenn ich mich als Zuseher auf dem Sofa bequem und wenig heldenhaft verhalte? 

Gebauer: Ach, so war das doch schon immer mit den Heldengeschichten. Das fängt ja schon mit dem Trojanischen Krieg an - solche Erzählungen wurden immer schon gerne gehört, und nun gibt es dazu auch noch tolle Bilder der Helden, die direkt mit mir sprechen. Wir leiden ja mit unseren Helden, wenn wir uns erst mal mit ihnen identifiziert haben. Die Sache mit den Couch-Potatoes, die sich mit Chips und Bier befüllen, die gibt es natürlich. Aber viele Fans haben auch eine wirklich starke emphatische Bindung zu „ihren“ Sportlern. Und viele machen ja auch selbst Sport - und kämen deswegen auch nie auf die Idee, sich wirklich mit Olympiasportlern zu vergleichen. Umso besser können sie aber die Leistungen würdigen! 

„Der Wendepunkt war die Ablehnung der Münchner Bewerbung für die Spiele 2018“

Wenn die Bindung Fan - Sportler so eng ist: Welche Wirkung entfaltet Olympia in einer Gesellschaft? 

Gebauer: Keine allzu große. Man eifert den Sportlern ja nicht nach, sondern man leidet mit. Ich persönlich sehe sehr gerne Skispringen oder Skeleton - aber ich würde im Leben nicht darauf kommen, das auch zu probieren. Und was den Fairplay-Gedanken angeht: Nehmen wir als Beispiel die Vierschanzentournee. Dort habe ich diesen Gedanken durchaus verwirklicht gesehen, da jubeln die Fans bei einem überragenden Sprung von Kamil Stoch - und alle gratulieren ihm zum Sieg. Aber das ist nicht in jeder Sportart der Fall, beim Alpinski sieht das schon wieder anders aus. Fragen Sie mal die Österreicher, wenn ein Nicht-Österreicher im Abfahrtslauf gewinnt... 

Die Olympischen Spiele 2018 sind eröffnet, IOC-Boss Thomas Bach hat die besten Athleten der Welt auf die Wettkampfstätten Pyeongchangs geschickt.

Ein anderes Thema: Hat Olympia in Deutschland auf absehbare Zeit eine Chance? 

Gebauer: In Deutschland ist der Zug für längere Zeit abgefahren. Das IOC hat hier einen schlechten Ruf. Die Spiele sind weitgehend abgedriftet in den asiatischen Raum, die nächsten Winterspiele finden in Peking statt, und dadurch werden sie auch stark geprägt werden. Hinzu kommt, dass im Alpenraum die Mehrheit der Bürger kein Interesse daran hat, so eine riesige Veranstaltung auszurichten. Man sieht, welche Forderungen vonseiten des IOC und der Fachverbände erhoben werden. Das deutsche Publikum ist nachhaltig abgeschreckt, entsprechende Forderungen kommen eigentlich nur noch von Sportfunktionären und Lokalpolitikern, die da etwas Ruhm abbekommen wollen. Der Wendepunkt war die Ablehnung der Münchner Bewerbung für die Spiele 2018. 

Damals wurde versucht, Gigantismus zu vermeiden, viele Sportstätten sind vorhanden - dennoch wurde München abgelehnt. Was ist dadurch passiert? 

Gebauer: Das war entscheidend, seitdem ist die Olympiabegeisterung in Deutschland erkaltet. Hinzu kommt, dass über das IOC alles mögliche bekannt geworden ist. Klar gibt sich das IOC auch Mühe, andere Seiten zu zeigen und Reformen anzustoßen, das muss man anerkennen. Aber das ist nicht ausreichend, um ein Umdenken auszulösen. Und in der Schweiz, Österreich oder den skandinavischen Ländern ist die Situation ähnlich. 

Warum? 

Gebauer: Die Alpenregion und die meisten Wintersportorte sind genug damit beschäftigt, ihren Tourismus umzustellen und auf die klimatischen Veränderungen zu reagieren. Und: Sie haben ja auch nichts davon. Die Orte sind ja schon bekannt, sie haben ihre Klientel - sie sehen keine politischen oder touristischen oder infrastrukturellen Gründe, mal eben 20.000 Athleten und Journalisten aufzunehmen. 

Sie beschreiben eine Zwickmühle fürs IOC: Es wirbt damit, eine Region voranbringen zu können. Was in den Alpen nicht vonnöten ist. Andererseits sollen die Spiele nicht mehr so gigantisch daherkommen - aber die Regionen, die das gewährleisten könnten, wollen nicht mehr. Was nun? 

Gebauer: Tja, das ist die Achillesferse vor allem der Winterspiele. Zwei Wochen lang haben Sie diesen Olympischen Spirit - aber davor und danach haben Sie die Forderungen vom IOC, die Arbeit und vielleicht auch die Schulden. 

Wo sehen Sie dann in 20 Jahren die Olympischen Spiele? 

Gebauer: Man kann es an den Sommerspielen sehen: Es gibt den Versuch, gegenzusteuern und die Hoffnung, dass zum Beispiel Paris wieder gute Spiele zustande bringt. Rio war ja in dieser Hinsicht ein Reinfall. Im Winter haben wir nun Korea und danach Peking - das ist sozusagen das Wellental. Diese Regionen haben wenig mit Wintersport zu tun, das werden dunkle Jahre, da gibt es keine romantischen Bilder wie in Lillehammer. Die Hoffnung ist, dass danach eine Gegenbewegung einsetzt. 

Olympia 2018: Was man über den Gastgeber Südkorea wissen muss

Das ist die europäische Sicht. 

Gebauer: Natürlich, die moderne olympische Bewegung ist eine europäische Fantasie, entstanden aus der Griechenland-Schwärmerei des 19. Jahrhunderts. Es hat sehr gut funktioniert, die antiken Bilder in die Moderne zu transplantieren. Die Idee des Wettkampfs funktionierte sofort, und es war Coubertins Idee, das mit Nationalismus zu verbinden. Man hat dann aber schnell bemerkt, dass einem das entgleitet. Die Idee des Staatssports hat sich immer mehr ausgebreitet. Aber trotzdem ist die Idee eines Weltsports zu begrüßen. Der ideelle Überbau geht verloren, aber das kann man nicht diesen Weltteilen anlasten. Es gibt nun mal verschiedene Menschenbilder. Nur: Das Endprodukt ist nicht mehr besonders attraktiv. 14 Tage lang wird das nun ausgeblendet, man sitzt vor dem Fernseher und sagt sich: Ich will sauberes, schönes Olympia für wenig Geld, aber mit sehr viel Freude und sehr schönen Wettkämpfen in Ländern, die ich noch nicht kenne. Aber das beißt sich. 

Und wie löst man das auf? 

Gebauer: Das ist nicht aufzulösen. Es gibt ja auch sonst genug Probleme, die nicht so ohne weiteres zu lösen sind. Jeder weiß, dass es vernünftig wäre, bescheidene Spiele auszurichten, und dann passiert doch was ganz anderes. 

Massaker am heiligen Berg

Wenn Thomas Dreßen & Co. am Sonntag um Abfahrts-Gold kämpfen, wird vom „Kettensägenmassaker“ am heiligen Berg nichts zu sehen sein. Dann liegen die Stümpfe jahrhundertealter Bäume auf der „Olympic Downhill“ verdeckt unter eineinhalb Metern Kunstschnee. Der Wald war ausgewiesenes Naturschutzgebiet, kulturell und ökologisch bedeutsam, für manchen Koreaner „heilig“. Dort gab’s den weltweit größten Bestand an Wangsasre-Birken - ein Rückzugsgebiet geschützter Tierarten. Alles Geschichte...

Interview: Klaus Heydenreich

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