Fazit zu den Olympischen Spielen in Tokio

Ex-Zehnkämpfer Frank Busemann über das Auf und Ab bei Olympia: „Ich hatte Angst, hierhin zu fahren“

Der ehemalige Zehnkämpfer und ARD-Experte Frank Busemann zieht sein eigenes Olympia-Fazit.
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Der ehemalige Zehnkämpfer und ARD-Experte Frank Busemann zieht sein eigenes Olympia-Fazit.

Neben strahlenden Gewinnern gab es auch tragische Schicksale bei den Olympischen Spielen. Frank Busemann erzählt von seinen Eindrücken aus Tokio.

München/Tokio - Es klingelt lange, ehe Frank Busemann abnimmt. Der ehemalige Zehnkämpfer joggt gerade durch die Straßen Tokios. Ein Privileg, was den Journalisten erst ab dem 15. Tag vor Ort vergönnt ist. Im tz-Interview spricht der 46-Jährige, der die Spiele als ARD-Experte begleitet hat, über Herzschmerz bei Kaul, die unmenschliche Mihambo und zieht sein Olympia-Fazit. 

Herr Busemann, drei Wochen Olympia. Was überwiegt – Freude oder Müdigkeit?
Busemann: Als Athlet hatte ich immer im Kopf, dass die Olympischen Spiele drei bis vier Wochen dauern. Jetzt habe ich gemerkt: Oh, es sind ja nur 16 Tage. Aber die Antwort ist schnell gefunden – als Journalist würde man es länger auch nicht aushalten (lacht).
Wie waren die Bedingungen vor Ort für Sie als Journalist?
Busemann: Ich bin ganz ehrlich. Ich hatte Angst, hierhin zu fahren. Nicht wegen Corona. Die bange Frage war: Komme ich hier überhaupt rein? Habe ich alle Haken richtig gesetzt, alle Formulare korrekt ausgefüllt? Wird man wirklich wegen des kleinsten Verbrechens schon verhaftet? Aber ich habe mich sofort wohlgefühlt. Auch wenn man natürlich sagen muss, dass so eine Blase nicht sehr spannend ist. 

Frank Busemann: „Ohne Zuschauer möchte ich kein Olympiasieger werden“

Wie haben Sie die Wettkämpfe ohne Zuschauer erlebt?
Busemann: Am Anfang habe ich darüber nachgedacht und fand es echt traurig. Es ist seltsam, wenn der frischgebackene Goldmedaillen-Gewinner seine Ehrenrunde im komplett leeren Stadion dreht. Aber es gab trotzdem diese Geschichten, die für Gänsehaut gesorgt haben. Es hat ja niemand gesagt: Nein, also ohne Zuschauer möchte ich kein Olympiasieger werden. 
Eine dieser Geschichten war die Goldmedaille von Malaika Mihambo.
Busemann: Das war unmenschlich. Aber sie ist ein Mensch, und zwar ein ziemlich hervorragender (lacht). Es ist beeindruckend, wenn man sich in solch einem Moment so im Griff hat und dann zu Gold springt. Das sind eben wahre Champions. Unter Druck die Bestleistung zeigen. Die anderen liefern ab, wenn es keiner sieht. 
Bitter hingegen die Verletzung von Zehnkämpfer Niklas Kaul. 
Busemann: Das war Drama pur. Er ist so gut in den Wettkampf reingekommen. Ich hatte keine Bilder und dachte anfangs, er hätte sich nur den Fuß vertreten. Ich war tiefenentspannt. Dann habe ich mit dem Pressesprecher des DLV gesprochen und bin aus allen Wolken gefallen, als ich gehört habe, dass es für ihn nicht weitergeht. Niklas hat über Jahre all seine Energie in diesen Wettkampf gesteckt. Und dann muss er im Rollstuhl rausgefahren werden. Das ist ein Herzschmerz, ein Seelenschmerz, der echt nicht schön ist. 

Die Tops und Flops bei Olympia im Video

Frank Busemann: „Es wären großartige Spiele gewesen...“

Haben Sie es schon verschmerzt, dass Damien Warner nun auch Ihren Rekord über die 110-m-Hürden einkassiert hat?
Busemann: Ich habe zwar mit Humor darauf reagiert, aber natürlich war ich ein bisschen traurig, dass nun alle Rekorde weg sind. Aber ich habe mich 25 Jahre darüber gefreut, da muss ich mir jetzt halt was anderes suchen (lacht). 
Viel diskutiert wurde über die Carbon-Wunderschuhe. Wären Sie damit zu aktiven Zeiten auch gerne gelaufen?
Busemann: Richtig, dann hätte ich meine Rekorde noch. Ich bin noch auf Asche gelaufen! (lacht). Das ist nun mal die Entwicklung. Wenn die Spikes zehn Gramm leichter sind, weiß man nicht, ob es nur auf dem Prospekt gut aussieht oder wirklich bessere Ergebnisse hervorruft. Aber der Schuh scheint jetzt wirklich ein Quantensprung zu sein. Die Technologie kommt besseren Leistungen sehr entgegen, um es mal vorsichtig auszudrücken. 
Ihr Fazit für die Spiele von Tokio?
Busemann: Es hat geklappt. Wir haben es geschafft. So muss man das sagen. Es war ein Drahtseilakt und für alle eine riesige Herausforderung. Es wären großartige Spiele gewesen, hier war nämlich alles perfekt durchorganisiert. Zudem sind die Japaner sehr freundlich, respektvoll. Als Gast war der Wohlfühlfaktor sehr hoch. Dazu die großartigen Leistungen der Athleten und Athletinnen. Ich bin mir sicher, dass die Spiele als eine der Größten in die Geschichten eingegangen wären. Jetzt werden sie wohl leider als Pandemie-Spiele in Erinnerung bleiben.

Das Interview führte Nico-Marius Schmitz.

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