Volker Schürmann spricht über Thomas Bach, Korruption und das IOC

Sportphilosoph Schürmann: „Der Olympische Geist ist erstickt“

Sportphilosoph Volker Schürmann.
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Sportphilosoph Volker Schürmann.

München – Volker Schürmann ist Professor für Sportphilosophie an der Deutschen Sporthochschule Köln. Das große Olympia-Interview. 

Herr Schürmann, Ist es die richtige Entscheidung, während einer Pandemie eine Großveranstaltung wie Olympia* durchzuführen – gibt es hier überhaupt eine richtige Entscheidung, da es auch um Lebensträume von Sportlern geht?

Um das beurteilen zu können, benötigt es minimal eine sehr präzise Einschätzung der lokalen Pandemielage. Über diese Expertise verfüge ich nicht. Was man sagen kann: Die Entscheidung für dieses OS in Japan ist so früh gefallen, dass die aktuelle Lage noch nicht abschätzbar war. Daher musste es eine Entscheidung unter Vorbehalt sein – meine politische Einschätzung ist, dass es diese Vorbehalte de facto nicht gab und gibt, weil die Finanzierung durch Mediengelder und Sponsoren ein zu großes Gewicht hat. Das gilt auch gegenüber den Wünschen und Sorgen der Athlet*innen und gegenüber den Vorbehalten der japanischen Bevölkerung. Letztlich sind alle drei Aspekte Spielmarken, die die ökonomischen Interessen nicht außer Kraft setzen.

Widersprechen die fehlenden ausländischen Zuschauer nicht eigentlich dem Sinn von Olympia?

Wäre die Pandemielage ein ernsthafter Punkt, und nicht nur eine Spielmarke, wäre der Ausschluss ausländischer Zuschauer eine gut begründbare, einmalige Ausnahme, die nicht prinzipiell den Olympischen Geist gefährdet. Aber auch hier ist klar, dass es darum nicht, oder nur vorgeschoben geht. Die analoge Frage ist, ob die Blasenbildung im Olympischen Dorf nicht den Olympischen Geist gefährdet. Hier betont das IOC bei jeder Gelegenheit, dass es nicht nur um das Sporttreiben geht, sondern um das Fest der Olympischen Spiele und deshalb vor allem um das Leben im Olympischen Dorf. Das spielt jetzt, unter Bedingungen der Blasenbildung, offenkundig keine Rolle – und das stört offenkundig niemanden.

Inwiefern kann der olympische Gedanke zwischen Korruption und Geldgier noch atmen?

Der Olympische Geist erstickt zwischen Korruption und offensiver Vermarktung/Geldmaximierung. Schon der spielerische Charakter, erst recht der Charakter eines Festes, geht verloren, wenn sportliche Wettkämpfe zu einem bloßen Mittel für einen anderen, nichtsportlichen Zweck heruntergewirtschaftet werden. Geldgier ist dabei das kleinere Problem, denn sowohl Korruption als auch Vermarktung sind strukturell angelegt und keineswegs primär ein Problem unmoralischer Individuen.

Hat das IOC als „Wächter der olympischen Spiele“ versagt?

Wer „versagt“, der muss es überhaupt angestrebt haben. Das IOC aber hat seit vielen Jahren, spätestens seit Samaranch, offensiv umgestellt auf Vermarktung der OS. Die Beschwörung des Olympischen Geistes ist ein Teil dieses Geschäftsmodells, aber nicht das ureigene Anliegen des IOC.

Thomas Bach ist als Präsident des IOC umstritten. Wie beurteilen Sie sein Wirken der letzten Jahre?

Es geht um das Wirken des IOC als Institution, nicht um das Wirken von Personen. Es mag einen Stilunterschied zwischen Bach und Rogge geben, aber der ist nicht entscheidend. Schon wer in dieses Amt gewählt wird, braucht nach aller Erfahrung sehr bestimmte „Kompetenzen“ und macht sich bei demokratischem Verständnis schon deshalb verdächtig. Das IOC ist nicht demokratisch, nicht gewaltenteilig organisiert. Es ist deshalb nicht mit der UN vergleichbar, wie es selbst so gerne propagiert, sondern mit dem Vatikanstaat. Es gibt auch keine Bestrebungen, das zu ändern. Die maximale institutionelle Distanz ist im Verhältnis zum CAS gegeben, aber auch dieses oberste Schiedsgericht ist noch institutionell mit dem IOC verwoben.

Die Coronakrise erschwert auch den Kampf gegen das Doping. Werden die Sportler bei lascheren Kontrollen vermehrt betrügen?

Das ist letztlich eine Frage, die man empirisch-sozialwissenschaftlich prüfen muss. Über diese Expertise verfüge ich nicht. Was man aber sagen kann: Doping wird letztlich nicht durch strenge Kontrollen verhindert, sondern durch eine Kultur des Olympischen Sports, die den Sport nicht auf ein Mittel zur Vermarktung herunterwirtschaftet. Das IOC schafft eine Kultur, in der letztlich die Medaillen und deren Vermarktung zählen – alles andere ist nur Bestandteil von Sonntagsreden. Ein Loblied auf jede*n Athlet*in, der*die in dieser Kultur nicht korrumpiert ist.

Die olympische Charta verbietet es Sportlern, politische Botschaften während der Spiele „zu verbreiten“. Eine sinnvolle Regel oder Entmündigung der Athleten?

Die Aussage ist so falsch. Die grundlegenden Prinzipien der OC legen einen bestimmten politischen Gehalt des Olympismus fest. Dort ist u. a. von Menschenwürde die Rede und explizit davon, dass jede Art von Diskriminierung ausgeschlossen ist. Man kann also keinen Olympischen Sport betreiben, ohne zugleich in bestimmter Weise politisch tätig zu sein. Selbst eine sog. Neutralität ist hier schon eine politische Haltung, denn wer gegenüber konkreten Diskriminierungen neutral sein möchte, der ist nicht neutral, sondern gleichgültig.

Die Regel 50 wird trotzdem häufig kritisiert.

Die besagte Regel 50 verbietet »Propaganda«. Das wäre eine sinnvolle Regel, wenn sie tatsächlich verbietet, dass das Sporttreiben zu einem bloßen Mittel gemacht wird – hier: um politische Ziele zu erreichen. Im Einzelfall mag dann sehr schwierig zu unterscheiden sein, was Propaganda und was Einsatz für den Grundgehalt der grundlegenden Prinzipien ist. Aber auch hier ist offenkundig, dass diese Schwierigkeit überhaupt nicht das Thema des IOC ist. Sie selber nutzen die OS als Mittel, und sie selber haben nach aller Erfahrung kein Problem, neutral, sprich: gleichgültig gegenüber dem Wirken von Diktaturen zu sein. Umgekehrt beurteilen sie in jeder Situation politische Symbole als Propaganda – selbst im Falle von regenbogenfarbigen Fingernägeln war das so. Nur dann, wenn der öffentliche Druck groß genug ist, versuchen sie, solche Gesten für ihr eigenes Geschäft einzugemeinden.

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