Sörgel im tz-Interview

Olympia 2021: „Russisch Roulette“, „Menschen-Experiment“, „Katastrophe“ - Experte rechnet mit IOC ab

Olympia 2020 wurde wegen des Coronavirus abgesagt. 
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Olympia 2020 wurde wegen des Coronavirus verschoben. 

Ein Jahr später als geplant sollen die Olympischen Spiele in Tokio stattfinden. Experte Prof. Dr. Fritz Sörgel erklärt im tz-Interview, warum die Pläne höchst bedenklich sind.

München - Nach der Corona-Flut bei der Hallen-EM der Leichtathleten in Torun (mehr als 50 Fälle bei 700 Athleten) und beim Fecht-Weltcup in Budapest (30 Infektionen unter 400 Sportlern) steht hinter den Austragungen der Olympischen Spiele in Tokio (23. Juli bis 8. August) und der paneuropäischen Fußball-EM (11. Juni bis 11. Juli) mehr denn je ein Fragezeichen.

Die tz hat dazu Pharmakologe und Doping-Jäger Prof. Dr. Fritz Sörgel befragt, der sich auch mit Fragen zur Wirksamkeit von Medikamenten gegen das Coronavirus bechäftigt.

Herr Sörgel, sind sichere Olympische Spiele vorstellbar?
Was das Internationale Olympische Komitee derzeit macht, ist wie Russisch Roulette. In ein paar Tagen soll es wieder eine neue Entscheidung geben, aber auf welcher Basis? Heute begann der Fackellauf der olympischen Flamme. Ich habe vor genau einem Jahr Interviews gegeben, die Antworten passen heute noch. Es hat sich nichts geändert, wenn, dann ist die Situation sogar noch schlimmer und vor allem noch viel unsicherer geworden. Und nebenbei bemerkt: Auch die Japaner wollen die Spiele derzeit überwiegend nicht.
IOC-Präsident Thomas Bach hatte zwischenzeitlich den chinesischen Impfstoff Sinovac als Lösung präsentiert.
Nur haben Japan und auch Deutschland dafür schon abgewunken. Zudem hört man aus Chile, dass der Impfstoff doch nicht so toll sein soll.
Könnte eine flächendeckende Impfung der Athleten trotzdem ein Ausweg sein?
Ich schätze, dass bis zum Beginn der Spiele am 23. Juli ungefähr zehn bis 15 Impfstoffe mit verschiedenen und auch mit fraglichen Wirkungen auf dem Markt sein werden. In Tokio treffen, die Trainer und Betreuer nicht mit eingerechnet, 10 000 Athleten aus 200 Ländern und unterschiedlich wirksamen Impfstoffen– wenn überhaupt geimpft – aufeinander. Ganz zynisch gesagt: Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Konstellation hochinteressant. Wir können viel daraus lernen und ich befürchte viel Katastrophen-Handling.
Und wenn wir den Spott beiseite lassen?
Wieso Spott? Wir sind derzeit alle Versuchskaninchen, nicht nur die Sportler, aber die Situation bei Olympia ist so speziell, dass es nicht klappen wird. Nehmen wir den Geisterfußball. Der funktioniert relativ gut –bis jetzt noch. Die DFL ist sich aber nicht mehr sicher und plant für den April eine Art Quarantäne-Trainingslager, sie weiß, was die Stunde geschlagen hat. Aber in Tokio sind 51 Disziplinen in 33 Sportarten in weniger als zwei Wochen geplant. Ein sicheres Konzept dafür zu schaffen, ist unglaublich komplex. Ganz abgesehen davon, dass ich bezweifle, dass man es schafft, die Athleten vor Ort völlig voneinander zu trennen. Man kann es drehen und wenden, wie man will, mit der Menge der Wettbewerbe ist es nicht sicher durchführbar. Selbst wenn man hinter jeden Sportler einen japanischen Bewacher mit Teststäbchen in der Hand stellt (lacht).

Olympia 2021 in Tokio: Spiele doch noch vor dem Aus?

Das klingt desillusioniert.
Damit das nicht falsch herüberkommt. Ich habe prinzipiell keine ablehnende Haltung gegenüber Olympia, weil ich für jede Ablenkung für unsere gestresste Gesellschaft in der Pandemie dankbar bin. Nur schade, dass eben auch der obszöne Milliardensport wie Fußball, Basketball u.Ä. gewinnt. Für die Ruderer, Bogenschützen und kleineren Sportarten, die nur alle vier Jahre das große Publikum haben, tut es mir leid, das sind noch echte Sportler. Trotzdem, es geht nicht, wir können nicht das Risiko eingehen, dass Mutanten verbreitet werden. Und selbst wenn viele geimpft wären: Eine Impfung verhindert keine Infektion, sondern schützt vor schweren Verläufen. Man kann eben immer noch Träger sein und das Virus weitergeben.
Könnten auch neue Mutanten entstehen?
Theoretisch ist das in zwei bis zweieinhalb Wochen denkbar, aber das größere Problem ist, dass in Tokio Länder zusammenkommen, die bei Weitem nicht so gut auf Virustypen untersucht sind wie wir hier in Europa oder anderen Industrieländern. Die kommen vielleicht mit einer Mutante an, die gar niemand kennt und in zwei Wochen kennt sie dann jeder. Das klingt zynisch, aber das ist das Problem. Es reicht doch jetzt schon, dass wir mit der neuen mRNA-Impfstoffherstellung für zwei oder drei Mutanten möglichst schnell geeignete Impfstoffe brauchen. Was, wenn da zehn aus exotischen Ländern dazukommen, die keiner kennt? Dazu reichen die jetzt mühsam aufgebauten Ressourcen nicht, es führt in die Katastrophe. Dass der Ablauf dabei genauso reibungslos ist wie beispielsweise bei dem Champions-League-Turnier vergangenes Jahr in Lissabon oder bei einer Ski-WM, das stellt sich die Welt des IOC zu einfach vor. Das sind Sportwettbewerbe quasi in Isolation, die man bei Olympischen Spielen nicht so erreichen kann. Ich halte das für ein unverantwortliches Menschen-Experiment.
Für die EM sehen Sie kein so großes Problem?
Im Moment noch nicht, sie ist in zwölf Städten geplant und die Mannschaften begegnen sich nicht außerhalb des Spielfelds. Das Turnier ist nichts anderes als eine Bundesligasaison, die in vier Wochen gespielt wird. Aber schauen Sie auf das WM-Qualifikationsspiel gestern und den positiven Test. In einem eng getakteten Turnier können ein paarsolche Fälle das Ende bedeuten.
Prof. Fritz Sörgel ist Anti-Doping-Experte.
Wie ordnen Sie die Aussagen von UEFA-Präsident Aleksander Ceferin ein, der indirekt fordert, dass alle EM-Spiele vor Zuschauern stattfinden?
Das passt natürlich nicht in die Zeit und ruft viel Gegenwind in der Gesellschaft hervor. Ich denke dabei vor allem auch an die Gastronomie oder den Einzelhandel. Fußball mit Zuschauern in München und geschlossene Restaurants in Schwabing –das spaltet die Gesellschaft vollends. Aber es gibt in der Zuschauerdiskussion einen weiteren interessanten Aspekt.
Bitte.
Vergangenen Samstag in Rostock durften 777 Fans ins Stadion, gekommen sind rund 700, also zehn Prozent weniger. Im September 2020 waren in Nürnberg zweimal 10.000 erlaubt, gekommen sind gut 6500. Was ich damit sagen will: Ich bin mir nicht sicher, ob bei der EM überhaupt 20.000 Zuschauer in die Allianz Arena kommen würden, selbst wenn sie dürften. Von den Inzidenzzahlen Anfang September können wir heute nur träumen und dennoch hatten die Leute offensichtlich Angst.
Noch mal zurück zu Olympia. Ich glaube, dass das IOC die Spiele dennoch durchzieht.
Dass das IOC das durchziehen wird, ist mir klar, da bin ich nicht blauäugig. Die Konsequenzen können aber verheerend sein. Vergessen wir auch nicht, das japanische Volk wird nur zum Teil geimpft sein, es ist also nicht so, als ob es in USA oder Israel stattfände, wo am 24. Juli alle durchgeimpft sind. Was ich bei all dem noch kritisieren muss: Was ist eigentlich mit der Weltgesundheitsorganisation? Von der WHO höre ich bisher nur belanglose Kommentare, dabei müsste sie mehr Einfluss nehmen.

Video: Mehrheit der Japaner gegen Olympische Spiele

Sollte Tokio stattfinden: Wie viel Sorge bereiten Ihnen die durch die Pandemie geschwächten Dopingkontrollen?
Eine spannende Frage. Bei all den Schwierigkeiten in der Vorbereitung müssten die Leistungen der Athleten eigentlich schwächer sein. Es wären auf jeden Fall maximal ungerechte Spiele, weil die individuellen pandemischen Voraussetzungen völlig unterschiedlich sind. Ich denke, dass wir viele Überraschungen erleben, aber nicht welche, weil es ein fairer Wettkampf ist mit gleichen Bedingungen für alle.
Ich fürchte, an dieser Hypothese werden Sie sich messen lassen müssen.
Sehr gerne. Ich würde mich übrigens, zum Wohle aller, auch freuen, wenn ich mit meinen Prognosen falsch läge. Aber derzeit ist das Risiko einfach nicht kalkulierbar.

Das Interview führte Mathias Müller.

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