Interview mit dem 57-Jährigen

Henry Maske: Box-Legende packt über deutsches Olympia-Dilemma aus

Zwei Medaillen-Anwärter im deutschen Boxteam sind bereits ausgeschieden. Henry Maske weiß, warum sich die Boxer in Tokio so schwertun.

München - Er war Olympiasieger, als Profi der Gentleman-Boxer und erster gesamtdeutscher Sportstar, der sogar die Musikcharts beeinflusste. Heute leistet Henry Maske (57) viel Sozialarbeit, seit zehn Jahren ermöglicht er Kindern, die auf Transferleistungen angewiesen sind, einen erlebnisreichen Urlaub. Während Olympia ist Sport natürlich ein großes Thema.

Was wissen Jugendliche über Sport und speziell Olympische Spiele?
Maske: Es besteht großes Interesse an Olympia, und es herrscht das Bewusstsein, dass diese Spiele ungewöhnlich sind für die Akteure. Man will von mir wissen, wie Sportler mit dieser Situation umgehen. Ich habe zu meiner Zeit die Erfahrung zwar nicht machen müssen, ohne Zuschauer zu kämpfen, kann mir aber vorstellen, dass man sich im Boxen so sehr auf den Gegner fokussiert, dass man nur unterschwellig spürt: Da ist ja gar kein Publikum.
Boxen durfte fast gnadenhalber im olympischen Programm bleiben, nachdem es 2016 vom Weltverband aufgedeckte Schiebereien gegeben hatte. Die komplette AIBA wurde für die Spiele in Tokio suspendiert. Beispiellos in der olympischen Geschichte.
Maske: Ich bin ausgesprochen dankbar, dass das IOC die Türe für das Boxen aufgelassen hat. Die Vorwürfe bezogen sich auf den Präsidenten der AIBA und sein Umfeld, nicht auf die Sportler. Man hat nun den Weg gefunden, der das eine zugesteht und das andere deutlich unterbindet - ich wünsche mir, dass das neue Führungsteam der AIBA die Chance nutzt.

Maske über das Boxen: „Unsere Sportart ist grundsätzlich schwierig zu bewerten“

Sie wurden Olympiasieger 1988 in Seoul – diese Entscheidung war unstrittig. Roy Jones junior allerdings war in diesem Turnier Opfer einer Schiebung, man ließ ihn sein Finale gegen den südkoreanischen Lokalmatadoren, den er regelrecht verprügelte, verlieren.
Maske: Und ich geriet dann mit Roy Jones in die Situation, dass ich zum zweitbesten Boxer des Turniers gewählt wurde und er zum besten – aber die Goldmedaille hatte man ihm nicht gegeben.
Hat man als Boxer Angst vor einem Fehlurteil?
Maske: Die Angst darf man nicht zulassen. Aber klar ist: Trifft man im Ausland auf jemanden, der dort Heimvorteil hat, muss man ein bisschen mehr machen. Unsere Sportart ist grundsätzlich schwierig zu bewerten, es gibt immer zwei Herangehensweisen. Ein Urteil darf aber nie so ausfallen, dass der Zuschauer sagt: Da habe ich einen anderen Kampf gesehen. Es gibt klare Kampfentwicklungen, klare Entscheidungen.
Nur zwei deutsche Boxer und eine deutsche Boxerin waren und sind in Tokio dabei, 57-Kilo-Mann Hamsat Shadalov und Nadine Apetz schieden in der ersten Runde aus. Steckt das olympische Boxen in Deutschland in der Krise?
Maske: Wir haben das Niveau mal mitbestimmt, und zu DDR-Zeiten wurden die Plätze, die eine Mannschaft hatte, gefüllt. Heute ist die Qualifikation fordernder, jede Gewichtsklasse hat ein Limit von 32 Teilnehmern, die über die Kontinentalverbände vergeben werden. Aber wenn sich von unseren Leuten nicht viele durchsetzen, beschreibt das Niveau, das man hat.
Henry Maskes Stiftung ermöglicht benachteiligten Kindern einen schönen Urlaub.

Olympia-Gewinner werden nicht automatisch auch Profis in ihrer Sportart

2016 gewann Artem Harutyunyan eine Bronzemedaille für Deutschland. Ein interessanter Boxer, er wurde Profi, doch nach vier Jahren und zehn Kämpfen ist er nicht unter den ersten Hundert der Weltrangliste. Woran liegt das?
Maske: Eine Olympia-Medaille ist hoch anzuerkennen, aber bedeutet nicht, dass man automatisch bei den Profis erfolgreich ist. Ich habe beim WM-Finale 1986 als Amateur gegen den Amerikaner Darin Allen verloren, der ist später als Profi nicht annähernd durchgelaufen und mein Sparringspartner geworden. Mit einer Olympia-Medaille hat man aber zumindest die faire Chance, es bei den Profis zu schaffen. Man hat durch eine Amateurkarriere eine belastbare Qualität, kommt auf bis zu 35 Kämpfe im Jahr, muss in einer ersten Runde vielleicht auch mal gegen den Champion ran. Bei den Profis arbeitet man zwei-, dreimal im Jahr auf den einen Moment hin, kann auch mal einen angepassten Gegner wählen. Man braucht aber einen Manager, der im richtigen Moment das Richtige tut.
Wie schafft man es, in einem Amateur-Turnier wie bei Olympia immer im Gewichtslimit zu bleiben?
Maske: Die Profis werden am Abend vor dem Kampf gewogen, danach können sie essen. Die Amateure müssen am Morgen des Kampftags auf die Waage. Das kann extrem herausfordernd sein, der Kampf vor dem Kampf. Eine Disqualifikation ist aber sehr selten, denn auch als Amateur ist man professionell, da passiert nichts zufällig. Hat einer morgens zu viel, dann war er undiszipliniert – oder die Waage am Abend zuvor falsch.

Das Interview führte Günter Klein.

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