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Olympia und Corona - Experte warnt: „Das ist ein großer Menschenversuch“

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Von: Mathias Müller

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Corona und Olympia: Doping-Experte Sörgel gibt eine Einschätzung zu den Olympischen Spielen in Tokio. (Symbolbild)
Corona und Olympia: Wie werden die Olympischen Spiele 2021 in Tokio ablaufen? Doping-Experte und Pharmakologe Fritz Sörgel im Interview. © dpa / Daniel Karmann

Olympia ohne Zuschauer, dafür mit steigenden Corona-Fällen. Ein Pharmakologe spricht über Covid, Spucktests und Superspreader bei den olympischen Spielen in Tokio.

München/Tokio - Keine Zuschauer, aber immer mehr Corona-Fälle. Die Olympischen Spiele in Tokio (23. Juli bis 8. August) finden unter speziellen Pandemiebedingungen statt. Vor der Eröffnungsfeier am Freitag spricht der Nürnberger Pharmakologen und Dopingjäger Fritz Sörgel darüber, was uns in den kommenden zwei Wochen erwartet.

Herr Sörgel, Olympia ohne Zuschauer – hat Sie die Entscheidung überrascht?

Sörgel: Das ist der Schnee von gestern, IOC-Boss Thomas Bach drängte zuletzt ja sogar doch noch auf die Zulassung von Zuschauern, weil Tokio seiner Meinung nach keine Probleme mit dem Coronavirus* hat. Da bleibt einem wirklich die Spucke weg. Er ist rücksichtslos. Um ehrlich zu sein: mit Zuschauern bei einer solchen Veranstaltung und an so vielen Orten, das ist doch gar nicht denkbar. Mit Zuschauern wäre die Veranstaltung unverantwortlich.

Wie bewerten Sie Bachs Besuch in Hiroshima?

Sörgel: Er benimmt sich wirklich wie ein Staatsmann, aber sie wollten ihn dort gar nicht sehen. Seine Chancen, den ersehnten Nobelpreis – das wurde ja nach den letzten Olympischen Spielen ernsthaft diskutiert – zu bekommen, sinken, da hilft auch der Hiroshima-Besuch nicht. Selbst wenn die Spiele komplikationslos ablaufen sollten, dürfte es nichts werden, weil das Nobelkomittee den brutalen Druck auf Japan und den irrsinnigen Ressourcenverbrauch berücksichtigen muss.

Sie sagen, dass der Fan-Ausschluss eine alternativlose Lösung ist. Bei der EM, insbesondere im Halbfinale und Finale, sah es zuletzt anders aus.

Sörgel: Die Fan-Frage wurde in allen Sportarten nach Gutdünken und entsprechender Risikobereitschaft entschieden. Für mich gleicht das alles einem großen Menschenversuch, das gilt für beide Events. Die EM* – die Ergebnisse über die Zunahme der Inzidenz liegen ja noch gar nicht vor – hatte den Vorteil, dass die Spielstätten weit auseinander lagen, bei Olympia konzentriert sich fast alles auf Tokio. Die Gefahr, sich zu infizieren, ist real. Da man die Spiele aber nicht absagen wollte, haben die Organisatoren nun einen gigantischen Zusatzaufwand mit einem riesigen Hygienekonzept gemacht. Überspitzt gesagt steht hinter jedem Sportler ein Japaner zur Überwachung der Auflagen. Nur auf die Toilette darf man wahrscheinlich noch unbeobachtet.

Kann die Blase funktionieren?

Sörgel: Für mich ist die Disziplin das Kernproblem. Es liegt in der Natur des Menschen, dass sie nach drei bis vier Tagen nachlässt. Das hat man auch bei den Geisterspielen in der Bundesliga gesehen, zum Beispiel am Verhalten in der Kabine von Hertha BSC und im Speziellen von Salomon Kalou. In Tokio sind davon vor allem die Mannschaftssportarten betroffen, die lange vor Ort sind. Individualsportler, die innerhalb von 48 Stunden nach ihrem Wettkampf wieder abreisen müssen, bei denen könnte es mit der Blase klappen. Die große Anzahl von Einzelwettbewerben ist aber auch nicht zu unterschätzen.

Die Homburger Virologin Barbara Gärtner, die auch den DOSB und das IOC beriet, schloss eine Infektion im olympischen Dorf praktisch aus. Es werde alles gemacht, was nur denkbar ist.

Sörgel: Ich bezweifle nicht, dass bei den finanziellen Ressourcen des IOC kein Athlet auch nur einen Schritt ohne Überwachung gehen kann, dennoch müssen gerade auch die Virologen zugeben, dass man eben eine Infektion trotz aller Maßnahmen nicht ausschließen kann und nun ist es ja auch schon passiert, wie ich es immer vorhergesagt habe. Hoffen wir, dass die positiven Athleten keine Superspreader waren, sonst wird’s eng.

Besteht denn die Gefahr eines Superspreaders?

Sörgel: Das kann niemand seriös vorhersagen, ich weiß es auch nicht. Fakt ist: Nach Tokio reisen Athleten aus über 200 Ländern und viele Länder haben bei Weitem nicht den medizinischen Standard wie wir in Europa. Neue Mutationen sind da nicht auszuschließen. Die Austragung dieser Spiele ist an Komplexität nicht zu übertreffen. Wer sagt, die Spiele seien sehr sicher und es könne nichts passieren, lügt die Menschen an.

Das gilt auch für mögliche Positivfälle von Teilnehmern und deren Kontaktpersonen, oder?

Sörgel: Richtig. In Dresden wurde im Juni Quarantäne für ein gesamtes Studentenwohnheim verhängt. Wie soll das in Tokio aussehen? Das olympische Dorf wurde nicht für eine Pandemie konzipiert. Die Appartements und Zimmer sind klein und eng, aber das OK kann ja nicht ein ganzes Hochhaus von den Spielen ausschließen. Für den einzelnen Athleten könnte es aber dramatische Folgen haben.

Bei den Corona-Tests handelt es sich um Spucktests. Sind die sicher?

Sörgel: Also bei der Menge Tests spielt die statistische Unsicherheit dieses Testverfahrens eine große Rolle. Ein falsch positiver ist ja kein Problem, den wiederholt man schnell und dann weiß man, was los ist. Wenn es einen Athleten kurz vor seinem Wettbewerb betrifft, ist das schon folgenschwerer, er wird in seiner Vorbereitung erheblich gestört und ist benachteiligt.

Zum Abschluss ein kleiner Blick voraus: Was erwartet uns 2022 in Peking?

Sörgel: Da wage ich keine Prognose (lacht). Der Vorteil des autoritären China ist, dass sie nicht nur die Stadien, sondern noch größere Areale abriegeln werden als das demokratische Land Japan, das ja eigentlich auch schon über seine Grenzen gegangen ist.

(MM)

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