„Bavarian Sniper“ steigt in den Ring

Boxer Michel: Aus Stadelheim auf den WM-Thron?

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Volle Attacke im Ring: Serge Michel (l.) geht gegen Hrvoje Sep in die Offensive.

München - Serge Michel hat einen rasanten Aufstieg hinter sich. Zweimal saß er hinter Gitter. Nun will er den Box-Thron erklimmen. Wir haben ihn vor dem Kampf getroffen.

Schwarze Sportkleidung, freundliches Lächeln und einen für Boxer leichten Händedruck - wer Serge Michel kennenlernt, kann sich nicht vorstellen, dass der gleiche Mensch vor zwölf Jahren zweimal wegen Gewalttaten, Einbruch und Diebstahl im Gefängnis saß. Heute ist der 28-Jährige Deutscher Meister, Olympiateilnehmer und wenn es nach ihm geht: bald Weltmeister. Nach 150 Amateurkämpfen (115 Siege, 65 K.o.) gibt der „Bavarian Sniper“ für den Münchner Boxstall von Alexander Petkovic und Nadine Rasche am Samstag bei Petko’s Fight Night in Dachau (ab 22 Uhr live bei www.ranfighting.de) sein Profidebüt.

Die tz trifft Michel bei Fischsuppe und Bruschetta im „Vi Vadi“. Das Hotel ist seit sechs Wochen sein Zuhause. Seine Frau Olga und seine drei Söhne Timur (9), Arian (5) und Adam (3) leben in Traunreut, den Ehemann und Papa bekamen sie zuletzt nur am Wochenende zu sehen. Diesen Samstag müssen die Jungs auf ihn verzichten. „Olga kommt, Timur wollte auch, aber wir haben beschlossen, dass es für ihn noch zu früh ist. Man weiß nie, was passiert“, erklärt Michel. Seine Worte unterstreicht er mit Gesten, manchmal schwingt sein Oberkörper wie im Ring leicht von der einen zur anderen Seite. Dabei will er gar nicht ausweichen: „Meine Vergangenheit gehört zu mir wie mein rechter Arm, ich stehe dazu.“

War für einige Zeit Serge Michels Zuhause: In der JVA Stadelheim saß der Boxer zweimal ein.

Geboren im militärischen Sperrgebiet

Michel wird 1988 auf Sachalin, 8000 Kilometer entfernt von Deutschland, geboren. Die russische Insel ist militärisches Sperrgebiet und kann nur mit spezieller Genehmigung betreten werden. Sein Opa landete dort nach dem Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangener. Nach seinem sechsten Geburtstag macht sich die Familie auf den Rückweg nach Deutschland. Mit 14, 15 Jahren beginnt Michels schwarze Lebensphase. Er fliegt nach der achten Klasse von der Schule, landet auf der Straße und für eineinhalb Jahre im Jugendgefängnis. Nach seiner Entlassung schlägert er weiter und fährt wieder ein. Olga ist zu diesem Zeitpunkt schwanger. „Ich wusste, dass ich mein Leben ändern muss, sonst hätte sie mich verlassen und mein Sohn hätte einen anderen Vater bekommen“, sagt Michel.

Seinen Freigang nutzt er für Ausdauerläufe, in seiner Zelle bastelt er sich aus seiner Ma­tratze, Schnürsenkeln und einem Wäschebeutel einen Boxsack. Keine sechs Monate nach seiner erneuten Entlassung wird Michel Bayerischer Meister, mit 23 Jahren holt er inmitten von Zehntklässlern den Realschulabschluss nach. Bei seinem unglücklichen Olympia-Erstrunden-Aus vergangenen August ist Michel der erste bayerische Boxteilnehmer seit 44 Jahren. Trotz der schnellen Rio-Pleite will der Traunreuter der beste Boxer der Welt werden. Von Stadelheim über Rio auf den WM-Thron?

Termin mit der Zeitung: Serge Michel (l.) trifft Redakteur Mathias Müller im „Vi Vadi“.

Der Berliner Tyron Zeuge (24) ist aktueller WBA-Weltmeister und die große Hoffnung im deutschen Boxen. Ihn hat Michel bereits besiegt. Auch wenn das Duell sechs Jahre zurückliegt ist sich der 1,81-Meter-Mann sicher: „Ich kann es wieder schaffen.“ Wie gesagt, Michel will sich nicht wegducken, auch nicht im Ring. „Ich darf ihm nur Gegner organisieren, die mehr Siege als Niederlagen haben, sonst hätte er nicht unterschrieben“, verrät sein neuer Promoter Alexander Petkovic. Der 37-jährige Bosnier Slavisa Simeunovic (26 Siege, 20 Niederlagen), der am Samstag für den kurzfristig verletzten Afrikameister Mbaruku Kheri als Gegner einspringt, zählt gerade noch zu dieser Kategorie. Ein angenehmer Einstieg ins Profileben.

Mathias Müller

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