"Brauchen saubere Analyse"

Prothesen-Streit um Weitsprung-Meister Rehm

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Markus Rehm ist mit 8,24 ­Meter neuer Deutscher Meister im ­Weitsprung.

Ulm - Deutscher Meister! 8,24 Meter! Markus Rehm hörte nicht auf zu strahlen, doch nach seinem sportlichen Märchen ist schnell eine Diskussion um den unterschenkelamputierten Weitspringer entbrannt.

Fliegt der 25-Jährige, der 2003 seinen rechten Unterschenkel bei einem Wakeboardunfall verlor, trotz oder wegen seiner Karbon-Prothese so weit? Sprung-Streit um Rehm! „Ich glaube, ich habe weder einen Vorteil noch einen Nachteil. Die Prothese ersetzt, was ich nicht mehr habe“, sagte der Leverkusener.

Rehm, der unter Vorbehalt starten durfte, ist zu einem Politikum geworden. Während sich Ex-Europameister Christian Reif, der mit 8,20 auf Platz zwei landete, positiv äußerte, heizte Titelverteidiger Sebastian Bayer die Diskussion um ein etwaiges Technik-Doping durch einen Katapulteffekt bei Rehm an. „Die Prothese ist gefühlte 15 Zentimeter länger als das andere Bein. Meine Beine sind beide gleich lang“, sagte der Hamburger, der als Fünfter (7,62 m) ein Debakel erlebte, über Rehms Sprungbein. „Die Tatsache, dass ein Behindertensportler einen Nichtbehinderten besiegt, war ein historischer Moment. Die Entscheidung, ob ihm seine Prothese einen Vor- oder Nachteil bringt, ist eine hochinteressante und sportpolitische Frage, die nicht leicht zu beanworten ist“, sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann der tz.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat es versäumt, sich rechtzeitig auf diese Situation einzustellen, Rehm sprang bereits im Juli 2013 auf 7,95 Metern. „Wir haben hier geschlafen“, bekannte Bundestrainer Uwe Florczak. „Wir hätten vorher überprüfen müssen, ob die Prothese ein unzulässiges Hilfsmittel ist.“ Hörmann fordert in der tz: „Es braucht eine saubere, präzise und allumfassende Analyse. Da wir heute die entsprechenden Mess- und Analysemethoden haben, bin ich optimistisch, dass man zu einem relativ schnellen Ergebnis kommt. Ich würde allerdings auch nicht ausschließen, dass es zu diesem Ergebnis noch eine zusätzliche Analyse geben muss.“ Biomechaniker haben während des Wettkampfes Daten seines Anlaufs und Absprungs erhoben.

„Das Einzige, das ich mir vom Ergebnis der Analyse wünsche, ist, dass weiter ein sportlich fairer Wettbewerb und eine hundertprozentige Chancengleichheit gewährleistet sind“, sagte Hörmann. Das ist auch in Rehms Sinne: „Ich verstehe die Diskussion. Ich möchte einfach Klarheit haben“, so Rehm.

Jetzt auch zur EM?

Nach seinen 8,24 Meter stellt sich die Frage, ob Rehm bei der Europameisterschaft in Zürich (12. bis 17. August) starten darf. Die Norm von 8,05 m hat er geknackt – nur vier Athleten in Europa sind in diesem Jahr weiter gesprungen. „Er hat die Norm geschafft und kann nominiert werden“, sagte DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen. Christian Milz, Generaldirektor des Europäischen Leichtathletik-Verband EAA, erklärte: „Diese Entscheidung muss der Weltverband IAAF treffen.“ Die EAA will aber unverzüglich Gespräche mit dem DLV und der IAAF führen. Der Fall Rehm sei aber nicht mit dem von Oscar Pistorius vergleichbar. Der südafrikanische 400-Meter-Läufer hatte sich vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS das Startrecht bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen erstritten. „Das CAS-Urteil war auf den Einzelfall bezogen und nicht generell auf alle Athleten“, sagte Milz. Bundestrainer Uwe Florczak bleibt vorsichtig: „Man muss mir etwas Zeit geben. Ich bin 28 Jahre Trainer und habe viele Sprünge über acht Meter gesehen“, meinte Flor­czak. „Die Anlaufgeschwindigkeit war nicht so hoch, wie wir sie kennen bei solchen Sprüngen.“ Bis Mittwoch soll es Analyseergebnisse geben, dann will der DLV die Nominierungen bekannt geben.

Mathias Müller

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