Wie, du bist schlapp? Du kannst noch!

Rollstuhl-Rugby: Die tz testet Münchens härteste Sportart

München - Rollstuhl-Rugby ist ein anspruchsvoller Sport. Körperlich und taktisch. Die tz war bei den Munich ­Rugbears zu Gast und hat mitgespielt.

Krach! Drei Rollstühle scheppern zusammen. Johannes Hund hat wieder mal einen Gegenspieler festgesetzt. Hund ist der Abwehrstratege der Munich ­Rugbears. Er erobert die Bälle. Eröffnet das Spiel. Sichert hinten ab. Diese Beschreibung trifft auf Abwehrspieler in fast allen Teamsportarten zu. Fußball, Handball, Hockey. Aber Rollstuhl-Rugby ist keine Sportart wie jede andere. Es ist eine Sportart für Menschen mit schwerer Behinderung. Und eine, die hilft. „Der Sport hat es Johannes erleichtert, sich ins Leben zurückzukämpfen“, sagt sein Vater Franz.

Johannes Hund ist seit einem Badeunfall vor zwölf Jahren ab dem sechsten Halswirbel querschnittgelähmt. Im Krankenhaus in Bayreuth erfuhr er vom Rollstuhl-Rugby. Vom ersten Training an war ihm klar: „Ja. Geil. Das will ich machen.“

Rollstuhl-Rugby ist ein anspruchsvoller Sport. Körperlich und taktisch. Die Spieler sind an mindestens drei Gliedmaßen eingeschränkt. Viele Regeln und ein Punktesystem sorgen dafür, dass auch Schwerstbehinderte mitspielen können. „Es ist darauf ausgelegt, Spieler mit unterschiedlichen Fähigkeiten zusammen zu bringen. Deswegen ist die Taktik auch so enorm wichtig. Manche Spieler können nicht werfen. Sie sind dann nicht Ballführer. Aber sie können in den entscheidenden Momenten die Schlüsselspieler blockieren“, sagt Franz Hund. Er ist so begeistert vom Rugby, dass er für die Munich Rugbears zu einer Art Manager geworden ist. Er gestaltet die Webseite, versucht, Sponsoren zu finden, und begleitet die Mannschaft auf fast jeder Reise. Im Sommer feiert das Team sein 20-jähriges Jubiläum.

Hart im Nehmen: tz-Testerin Marie Kilg.

Der Sport hilft den Athleten auf vielfältige Weise. Die schnelle Bewegung, die Anstrengung und die Action im Training sind perfekt, um Druck abzubauen. Außerdem ist es gerade für Menschen mit körperlichen Einschränkungen wichtig, fit zu bleiben. „Man muss das bisschen Muskeln, das man noch bewegen kann, umso besser trainieren“, sagt Johannes Hund.

Das Wichtigste war für ihn aber die Unterstützung der Mannschaft. „Nach so einem Unfall denkt man erst mal, dass das Leben jetzt vorbei ist. Aber ins Training zu kommen und zu sehen: Da sind welche, die sind wie ich, aber die stehen voll im Leben, gehen zur Arbeit, sind verheiratet – das hilft einem sehr.“

Zwölf Jahre nach seinem Unfall hat Johannes Hund einen Doktortitel in Informatik, fliegt für Siemens um die ganze Welt, ist glücklich verheiratet – und spielt mit den Munich Rugbears in der ersten Regionalliga.

tz-Tester Jean-Marie Magro.

Hund gefällt, dass die Rugby-Spieler keine Rücksicht nehmen. Im Alltag wird Rollstuhlfahrern oft wenig zugetraut. „Im Training war es das Gegenteil. Deine Mitspieler schreien dich an: Wie, du bist schlapp? Du kannst noch!“ Rollstuhl-Rugby ist knallhart. Aber Verletzungen gibt es selten. Vater Franz sagt: „Dass sich jemand wirklich schlimm verletzt, habe ich nie erlebt. Einmal gab es einen gebrochenen Finger.“ Die Spieler krachen zwar oft so fest zusammen, dass einer umfällt, „aber da passiert nichts. Dann stellt man ihn halt wieder auf.“

Marie Kilg und Jean-Marie Magro

Das ist Rollstuhl-Rugby

Die Regeln

Es spielen zwei Mannschaften à vier Spieler. Wer mit dem Ball mit zwei Rädern über die gegnerische Linie fährt, macht einen Punkt. Man darf den Ball dribbeln, werfen und auf dem Schoß führen. Es gibt in Deutschland 17 Rollstuhl-Rugby-Vereine in fünf Ligen. Die Munich Rugbears sind Tabellenerster in der Bundesliga.

Das Punktesystem

Damit Schwerstbehinderte fair am Spiel beteiligt werden, gibt es eine Klassifizierung: Je eingeschränkter ein Spieler, desto niedriger seine Punktzahl. Die Skala geht von 0,5 bis 3,5. In Deutschland dürfen die vier Feldspieler zusammen nicht mehr als sieben Punkte haben.

Dieser Text ist im Rahmen eines gemeinsamen Projektes von tz und Deutscher Journalistenschule (DJS) entstanden. Informationen dazu finden Sie auch unter djs-medizin.de.

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