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Auch Deisler litt an Depressionen - Karriere-Ende war Befreiung

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Sebastian Deisler beim Abschied aus dem Profisport.

München - Auch der Ex-Bayern-Star Sebastian Deisler litt wie Robert Enke an Depressionen. Doch er brach seine Karriere ab - es war eine Befreiung für ihn.

Wenige Tage vor seinem vorzeitigen Karriere-Ende hatte Sebastian Deisler noch einmal einen letzten bemerkenswerten Auftritt. Zum Abschluss des Trainingslagers des FC Bayern in Dubai hatte der Klub einen Wüstentrip organisiert, und bei einem Halt in der Dünenlandschaft zauberte der junge Mann plötzlich einen mitgeschmuggelten Ball hervor. Er kickte ausgelassen mit ein paar Kollegen, wie jetzt bei Robert Enke deutete nichts auf sein zerrissenes Innenleben hin. Dabei hatte er die Nacht auf der Couch in Uli Hoeneß’ Hotelzimmer geschlafen. Er wollte abreisen und ganz aufhören mit dem Fußball, der Manager konnte es ihm gerade noch ausreden.

Aber die Überzeugungsarbeit verpuffte schnell. Am Tag nach der Rückkehr aus den Emiraten kam Deisler in Hoeneß’ Büro, um erneut um Vertragsauflösung zu bitten. „Wir haben diesen Kampf verloren“, erklärte Hoeneß einige Stunden später bei der öffentlichen Bekanntgabe. Neben ihm stand Deisler, der weder glücklich noch unglücklich wirkte. Nur erleichtert: „Für mich ist das eine Befreiung.“

Zwei Jahre ist das nun her. Heute sagt Deisler, 29, über sich, die Depressionen hätten ihm zu seiner aktiven Zeit manchmal das Gefühl gegeben, er sei 60 Jahre alt. Jetzt sei er bei 40. Die Tendenz sei also positiv. Kürzlich ist er mit einer Biographie an die Öffentlichkeit gegangen. „Zurück ins Leben“ lautet der Titel, man könne es ruhig als Teil seiner Therapie sehen, sagt er. Seine Vergangenheit sei „wie Brei im Kopf gewesen – ohne dieses Buch hätte ich nicht weitermachen können“.

Im November 2003 hatte Deisler den ersten Hilferuf gesendet. Als Hoeneß ihn bei einem Treff mit den damaligen Platzhirschen Kahn und Ballack dabeihaben wollte, klagte das Ausnahmetalent, auf dem die Hoffnungen einer damals gebeutelten Fußball-Nation ruhten: „Ich kann nicht mehr. Ich bin fertig.“ Die Einweisung ins Max-Planck-Institut begleitete ein öffentliches Bekenntnis zu den Depressionen. Der behandelnde Professor Florian Holsboer sagte, man habe „nichts verschleppt“ und könne optimistisch sein, dass der Patient zurückkehre. Er behielt Recht: Deisler kam mit dem Plan zurück, für seine Liebe Fußball zu kämpfen. Nur schwanden später die Kräfte. „Ich wurde nie mehr Teil des Ganzen.“

Deisler hatte von Beginn an Probleme mit den Verhältnissen in der Branche. Als angehender Star bei Hertha versuchte er einst, „das Halligalli mitzumachen“. Er kaufte Klamotten, Uhren, Autos – „aber nichts machte mich glücklich“. Viele in der Welt des Profifußballs legen Wert auf Statussymbole, doch das wurde nie zu Deislers Welt. Als er mit 15 einst mit der Juniorenauswahl nach Griechenland flog, verschlang er zuvor Bücher über das Land. Während seine Kameraden im Bus pokerten, schaute er unentwegt durchs Fenster und erfreute sich an jedem Zitronenbaum.

Kürzlich ist er nach Hause gezogen, nach Lörrach. Er erwägt, eine Fußballschule zu gründen. „Ohne Drill, ohne Druck, kleine Helden zu machen – ich will endlich eine schöne Geschichte des Fußballs erzählen.“ Eine, in der man sich mal in die Welt hinterm Busfenster träumen darf. Zu den Zitronenbäumen. Oder in die Dünenlandschaft abseits von Dubais surrealen Glitzerwolkenkratzern.

Andreas Werner

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