"So macht’s keinen Sinn" - Immer mehr fordern Tour-Ende

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Der italienische Radsportler Riccardo Ricco (R) vom Team Saunier Duval wird am Donnerstag (17.07.2008) in Lavelanet von Polizisten in Gewahrsam genommen.

Paris - Mit einem rigiden Anti-Doping-Kurs und pathetischer Rhetorik kämpfen die Renn-Direktoren verzweifelt um die zur Tour de Farce verkommene Frankreich-Rundfahrt.

Gleichzeitig werden selbst im Tour-verrückten Gastgeberland Stimmen immer lauter, den „Zirkus“, wie die Libération schrieb, zu beenden. Das Rennen habe nach dem dritten Dopingfall „seine gesamte Glaubwürdigkeit“ verloren. „So macht es keinen Sinn mehr. Meine Herren vom Radsport: Jetzt stoppt alles!“, forderte der italienische Corriere dello Sport. Und die spanische El Mundo erkannte: „Der Radsport und die Tour siechen langsam vor sich hin.“

Besserung scheint nicht in Sicht. Nach Informationen der L’Équipe ist „noch mindestens ein weiterer Fahrer des Saunier-Duval-Teams“, das nach dem Doping-Fall Riccardo Ricco die Tour verlassen hat, positiv auf das neue Epo-Präparat Cera getestet worden. Der Staatsanwalt von Foix, Antoine Leroi, will ein Verfahren gegen Ricco wegen „des Gebrauchs verbotener Substanzen“ einleiten und fügte hinzu, es seien „interessante Dinge“ in dessen Hotelzimmer gefunden worden.

Für Tour-Chef Christian Prudhomme kommt ein Stopp des seit 1903 gefahrenen Klassikers nicht infrage. „1904 gab es schon Dopingfälle. Damals wollte der Renndirektor die Tour absagen, aber daran denken wir heute gar nicht“, meinte der ehemalige TV-Journalist. „Wir kämpfen weiter und werden gewinnen. Doping ist der Feind, nicht eine Sportart und nicht eine Veranstaltung.“ Prudhomme hat die TV-Rechte für die Tour bis 2013 für 23 Millionen Euro verkauft.

Tour-Direktion, Profis und Teamchefs scheinen sich auf einen Argumentations-Kodex geeinigt zu haben. „Jeder positive Test ist ein Fortschritt, weil er die Effektivität der Kontrollen beweist“ – das hört man immer wieder. „Das Gute ist: Die Kontrollen scheinen zu funktionieren und so werden sie die Schlaumeier finden, die immer noch glauben die Rennveranstalter, die Zuschauer und uns Fahrer betrügen zu müssen“, sagt der deutsche Meister Fabian Wegmann. Ein sauberer Radsport sei „nur zu bekommen, wenn vorher saubergemacht wird“, so Prudhomme.

Saunier Duval traut selbst Prudhomme nicht mehr über den Weg. „Ihr Manager Mauro Gianetti ist ein Mann von schlechtem Ruf“, sagte der Franzose. Auf die Frage nach systematischem Doping der Spanier wagte sich Prudhomme weit aus dem Fenster: „Ich weiß nicht, ob sie es organisiert betreiben. Aber was ihre Fahrer auf dem letzten Anstieg nach Hautacam gezeigt haben, schien mir doch etwas zu eindrucksvoll zu sein.“ Dort, auf der schwersten Pyrenäen-Etappe, hatten Leonardo Piepoli und Juan Jose Cobo Acebo einen Doppelsieg gefeiert. Saunier Duval hat inzwischen Ricco wegen Dopings und Piepoli wegen Verstoßes gegen den Ethik-Code des Teams entlassen.

Der Nürnberger Doping-Jäger Professor Fritz Sörgel fordert deshalb noch viel mehr Kontrollen. „Betrachten wir das mal medizinisch-statistisch. Wenn beispielsweise nach einer Hochzeitsgesellschaft zwei der Gäste eine Salmonellenvergiftung hätten – dann würde man doch auch alle testen“, so Sörgel zur tz. Auf die Tour übertragen hieße das: „Man müsste eine größere Stichprobe nehmen, um einen Überblick zu bekommen. Mindestens 30 Fahrer, und zwar gezielt.“

Auch Fußballer hängen mit drin - tz-Interview mit Dr. Michael Lehner, Anwalt

Dr. Michael Lehner hat als Sportanwalt zahlreiche Kontakte zu den Athleten. Er betreut die Kronzeugen Jörg Jaksche und Patrick Sinkewitz. Der Heidelberger Jurist verfolgt auch die Tour de France ganz genau. Wir sprachen mit ihm über den aktuellen Tour-Dopingfall Riccardo Ricco.

Wie beurteilen Sie das Epo-Doping von Ricco?

Lehner:Das ist bitter für den Radsport – gleichzeitig aber auch gut. Die Dopingfälle bei der Tour zeigen, dass ein privates Unternehmen besser funktioniert als das System des Weltverbandes UCI. Wer gesehen hat, wie locker der Ricco an Sebastian Lang vorbeigezogen ist, der wurde doch sofort an 2007 mit Contador und Rasmussen erinnert. Es ist gut, dass die Erwischten sofort nach Hause fahren müssen. Saunier Duval steht für mich komplett unter Dopingverdacht. Aber unser Kampf gegen Doping trägt Früchte. Die Tour ist spannender. Ich bin fest davon überzeugt: Es wird viel, viel weniger gedopt als in früheren Jahren. Jetzt heißt es für uns nicht nachzulassen. Der Sport muss sauber werden.

Die Tour kommt am Sonntag nach Italien. Spanien hat die Fuentes-Unterlagen nach Italien geschickt. Könnte es da Verhaftungen geben?

Lehner:Ich hoffe es und es würde mich freuen, wenn Valverde und Sanchez vorgeladen werden und aussagen müssen.

Aber Contador hat den Giro gewonnen und Ricco war Zweiter. Warum hat die Justiz da nicht zugegriffen?

Lehner:Wahrscheinlich waren die Unterlagen noch nicht voll ausgewertet.

Die Spanier fallen nicht nur im Radsport durch Doping auf. Was müsste passieren, um dieses Loch im Antidopingkampf zu schließen?

Lehner:Spanien hat am Anfang den Fuentes-Skandal durch die Zeitung El Pais mit angestoßen. Ich vermute, dass die Doper in Spanien Schutz erhalten. Wahrscheinlich hängen auch Tennisspieler, Leichtathleten, Mountainbiker, Handballer und vor allem Fußballspieler mit in diesem Dopingsystem. Daher sind jetzt IOC, UCI, IAAF und FIFA gefordert. Es müssen ernsthafte Verhandlungen geführt werden – wenn das nicht hilft, müssen sie geächtet werden.

Ihre Kronzeugen Jörg Jaksche und Patrick Sinkewitz waren ehrlich, jetzt sitzen sie auf der Straße. Was sagen Sie dazu?

Lehner: Es kann nicht sein, dass die beiden ehrlichen Profis nun von der gesamten Szene als Verräter betrachtet werden. Ihr Beispiel zeigt: Wir müssen weiter hart gegen das Doping kämpfen. Es ist noch ein weiter Weg.

Interview: Manfred Hönel

Quelle: tz

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