Stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD im Interview

Kevin Kühnert kritisiert Olympia-Plan von Thomas Bach: „Finde es mehr als dürftig ...“

Kevin Kühnert.
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SPD-Politiker Kevin Kühnert wählt deutliche Worte.

Die Diskussionen um die Austragung der Olympischen Spiele in Tokio schlagen weiter hohe Wellen. Im Merkur-Interview äußert sich SPD-Politiker Kevin Kühnert über die Strategie des IOC.

Tokio - Die Olympischen Spiele sorgen weiterhin für große Diskussionen. Wie soll mit der Corona-Pandemie umgegangen werden? Kevin Kühnert, Stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD, hat dazu klare Gedanken. Im Merkur-Interview erklärt er seine Ansichten.

Erachten Sie das Festhalten des IOC an den Plänen für die Olympischen Spiele in Tokio als sinnvoll?
Niemand weiß heute, wie die Corona-Situation im Sommer in Tokio und den Herkunftsländern der Athleten sein wird. Corona-Mutationen und vergleichbare Entwicklungen sind unabsehbar. Das IOC sollte erörtern, wann der spätestmögliche Zeitpunkt für eine Entscheidung über die Durchführung der Spiele sein kann. Monate im Voraus halte ich es für nicht möglich, eine seriöse Entscheidung zu treffen.
Für viele Sportler hängt Ihre ganze Karriere an den Olympischen Spielen. Ist es daher richtig, eine mögliche Absage erst als letzte Option in Betracht zu ziehen?
Ich finde es mehr als dürftig, dass IOC-Präsident Thomas Bach sagt, es gebe „keinen Plan B“. Für solche Aussagen habe ich null Verständnis. Das IOC muss die Athleten jetzt viel stärker in die Planungen und die Entscheidungen einbeziehen. Für ihren Unmut habe ich großes Verständnis. Die Absagen diverser Nationalspieler vor der Handball-WM haben gezeigt, dass sehr wohl auch Sportler sich selbst und ihre Familien schützen wollen – auch wenn die Sehnsucht nach dem Wettkampf nach jahrelanger Vorbereitung natürlich groß ist. Genau so gibt es auch Athleten, die darauf bestehen, ihre Wettkämpfe abhalten zu können. Das IOC muss beide Sichtweisen berücksichtigen und einen Dialog auf Augenhöhe führen. Das Herz jeder Olympischen Spiele bilden schließlich die Sportler und nicht die Verbandsfunktionäre. Dazu gehört dann auch, dass man verschiedene Szenarien erörtert und bereits jetzt über finanzielle Fragen spricht. Die meisten Olympiateilnehmer sind keine hochbezahlten Profis, sondern auf die Unterstützung durch nationale Spitzenverbände angewiesen. Allein der DOSB wirtschaftet mit 30 Millionen Euro, die vom IOC pro Olympiade an ihn ausgeschüttet werden. Daran hängen zahlreiche Athleten und ihre Existenzen. Ihnen ist mit belastbaren Vereinbarungen für den Fall einer Absage mehr geholfen, als mit Durchhalteparolen, die in wenigen Monaten wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen könnten.

Olympische Spiele 2021 in Tokio - Kevin Kühnert im Interview

Japans Ministerpräsident Yoshihide Suga bezeichnete die Olympia-Ausrichtung als „Beweis für den menschlichen Sieg gegen die Pandemie, als Symbol globaler Solidarität“ und ist entschlossen, dass die Spiele „weltweit Hoffnung und Mut“ geben. Können Sie diese Argumente nachvollziehen?
Natürlich vermitteln Sportevents ein Gefühl von Normalität, können Halt geben und Abwechslung im tristen Corona-Alltag bieten. Das erlebe ich auch an mir selbst. In der aktuellen Lage gibt es für Entscheidungen von globaler Tragweite trotzdem nur einen einzigen akzeptablen Maßstab – und das ist die Gesundheit und Sicherheit aller Beteiligten. Die Entscheidung über einzelne Events propagandistisch zu einem Sieg über die Pandemie oder einer patriotischen Aufgabe hochzustilisieren, ist gefährlich. Bislang ist die Pandemie nicht besiegt und das wird auch im Sommer noch nicht der Fall sein.
Sind sportliche Großveranstaltungen generell während einer Pandemie vertretbar?
Das lässt sich pauschal nicht sagen. Wir haben in den Monaten seit Ausbruch der Pandemie erfolgreiche Beispiele mit guten Konzepten gesehen, bei denen keine Infektionsherde entstanden. Wir haben aber auch Veranstaltungen wie die Handball-WM gesehen, bei der ganze Mannschaften nicht teilnehmen konnten und einzelne Spiele abgesagt wurden. Generell gilt: Je größer die Veranstaltung, desto größer das Risiko.

Interview: Nico-Marius Schmitz

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