Sportler greifen verstärkt zu Antidepressiva

Köln - Immer mehr Leistungssportler nehmen Antidepressiva. Die Zahl der Athleten, in deren Dopingproben diese Medikamente festgestellt wurden, hat sich von 2006 bis 2008 verdreifacht.

Das ist das Ergebnis einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln. “Wir haben in diesem Zeitraum einen auffälligen Anstieg festgestellt, der über der Gesamtbevölkerung liegt“, sagte Professor Wilhelm Schänzer, Leiter des Instituts für Biochemie, der dpa am Mittwoch. Insgesamt nahmen 73 von rund 11 500 Athleten Mittel gegen Depressionen. Dieser Anteil ist sechsmal so hoch wie noch 1999. Damals waren nur acht von etwa 7600 Sportlern betroffen.

Selbstmorde von Spitzensportlern

Ramiro Castillo, Oktober 1997: Der bolivianische Fußballer erhängt sich in La Paz in seiner Wohnung. Er litt nach dem Tod seines Sohnes unter schweren Depressionen. © Getty
Marco Pantani, Februar 2004: Der ehemalige Tour-de-France-Sieger aus Italien stirbt im Alter von 34 Jahren an einer Überdosis Kokain. Ein Brief an seine Familie deutet auf Selbstmord hin. © Getty
Mikael Ljungberg, November 2004: Der unter Depressionen leidende schwedische Ringer-Olympiasieger befand sich zur Behandlung in einer psychiatrischen Klinik in der Nähe von Göteborg. Der 34-Jährige hatte in Sydney 2000 Gold gewonnen. Im Januar 2002 beendete er seine Karriere wegen anhaltender Rückenprobleme. © Getty
Steffen Krauß, April 2008: Der ehemalige Fußball-Auswahlspieler der DDR stürzt sich aus dem sechsten Stock der Auer Heliosklinik. Der 43-Jährige lag dort wegen schwerer Verbrennungen, die er bei einer Gas-Explosion in seiner Schmiede erlitten hatte. © Getty
Adam Ledwon (r.), Juni 2008: Der ehemalige Profi des Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen erhängt sich in seiner Wohnung in Klagenfurt. Der 34-jährige Pole hatte von 1997 bis 1999 beim Werksklub gespielt. © Getty
Christophe Dupouey, Februar 2009: Der unter Depressionen leidende ehemalige Mountainbike-Weltmeister begeht in seiner französischen Heimatstadt Tarbes Selbstmord. Der 40-Jährige war 2006 in Zusammenhang mit einem Dopingskandal zu drei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. © Getty
Mike Whitmarsh, Februar 2009: Der amerikanische Beachvolleyballer bringt sich mit Autoabgasen in der Garage eines Freundes um. Der 46-Jährige hatte olympisches Silber bei den Sommerspielen 1996 in Atlanta geholt. © dpa
Arturo Gatti, Juli 2009: Der ehemalige Box-Weltmeister erhängt sich in einer angemieteten Ferienwohnung in Brasilien. Der Italo-Kanadier wird 37 Jahre alt. © Getty
Darren Sutherland (r.), September 2009: Der irische Box-Olympiadritte erhängt sich in seiner Wohnung in London. Ein mögliches Motiv des 27-Jährigen wird zunächst nicht bekannt. © Getty
Dimitri De Fauw, November 2009: Der 28 Jahre alte belgische Radprofi nimmt sich das Leben. Belgischen Medienberichten zufolge soll De Fauw seit Jahren depressiv gewesen sein, nachdem er 2006 beim Sechstagerennen in Gent in eine schwere Kollision mit dem Spanier Issac Galvez verwickelt gewesen war. Galvez starb damals an den Folgen seiner Verletzungen. © Getty
Robert Enke, November 2009: Der Fußball-Nationaltorwart nimmt sich das Leben, indem er sich in Neustadt am Rübenberge nahe Hannover vor einen Zug stürzt. Der 32-Jährige litt unter schweren Depressionen. © Getty

Trotz dieser Ergebnisse ist noch unklar, ob der Trend zu Antidepressiva ein besonders ausgeprägtes Problemfeld für den Sport darstellt. “Dass Sportler unter ihrer außergewöhnlichen Belastung häufiger zu Antidepressiva greifen als der Rest der Bevölkerung, können wir noch nicht sagen“, sagte Schänzer. Hierzu müssten Daten in anderen Dopinglaboren erhoben und eventuell weitere Studien initiiert werden. Während die Verschreibung der Medikamente bundesweit in den vergangenen zehn Jahren stetig zunahm, stiegen die Antidepressiva- Funde im Sport erst seit 2006 sprunghaft an.

Nach den Erkenntnissen der Kölner Wissenschaftler sind gerade Athleten aus so genannten Ausdauersportarten von einem “erheblichen und regelmäßigen Gebrauch von Antidepressiva“ betroffen. Besonders Radfahrer trugen dazu bei, dass der Anteil in diesen Sportarten über die vergangenen zehn Jahren dreimal höher als in Teamsportarten war.

dpa

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