Staatsanwaltschaft gibt nicht auf

Revision im Fall Stefan Schumacher

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Stefan Schumacher erzielte einen Freispruch. Die Staatsanwaltschaft geht deshalb in Revision

Stuttgart - Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat am Donnerstag Revision gegen das Urteil der 16. Großen Strafkammer des Landgerichts im Fall von Radprofi Stefan Schumacher eingelegt.

Der Marathonprozess gegen Radprofi Stefan Schumacher findet kein Ende: Nur zwei Tage nach dem Freispruch des geständigen Dopingsünders vor dem Stuttgarter Landgericht legte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag Revision gegen das Urteil der 16. Großen Strafkammer ein. Schumacher, der noch am Dienstag aufgrund eines „aus meiner Sicht fairen Urteils“ völlig erleichtert den Gerichtssaal verlassen hatte, bleibt damit Beschuldigter wegen Betruges.

„Gerügt wird die Verletzung von formellem und materiellem Recht“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft dem SID: „Ob die Revision durchgeführt wird, wird in Ruhe entschieden.“ Schumachers Anwälte waren für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen. Klar ist bereits: Selbst 19 Verhandlungstermine und 202 Tage waren nicht ausreichend, um den Prozess abzuschließen.

Das Schumacher-Lager reagierte gelassen. „Das habe ich erwartet“, sagte Anwalt Michael Lehner dem SID: „Der Staatsanwalt war ja am Boden zerstört.“ Der Freispruch sei „nach wie vor richtig“, betonte Lehner: „Wir sind da ganz entspannt.“ Die Maßnahme der Staatsanwaltschaft diene der „Verdeckung der eigenen Fehler“ im Zuge der Ermittlungen, sagte der Jurist.

Die Kammer unter Vorsitz von Richter Martin Friedrich ist nun aufgefordert, eine schriftliche Urteilsbegründung zu verfassen, sie hat dafür aber mehrere Wochen Zeit. Die Staatsanwaltschaft wird daraufhin entscheiden, ob die Revision durchgeführt wird. Dann würde der Bundesgerichtshof (BGH) das Urteil prüfen und im Falle einer Aufhebung zum Landgericht für eine Neuverhandlung zurückgeben.

Schumacher hatte den in Sport und Politik gleichermaßen vielbeachteten Betrugsprozess zunächst gewonnen. Die Kammer urteilte, Schumacher habe seinen ehemaligen Boss Hans-Michael Holczer mit seinen systematischen Dopingpraktiken nicht zweifelsfrei betrogen. Angeklagt war der 32-Jährige von der Staatsanwaltschaft, sich als nachweislich gedopter Athlet im früheren Gerolsteiner-Rennstall bei drei Gehaltszahlungen im Jahr 2008 einen „rechtswidrigen Vermögensvorteil“ (rund 100.000 Euro) erschlichen zu haben.

Der Radprofi war damit der erste deutsche Sportler, der sich indirekt wegen Dopings vor einem Strafgericht verantworten musste - in der Diskussion über ein mögliches Anti-Doping-Gesetz hatten sich die Experten eine klare Aussage über die Tauglichkeit des deutschen Rechtssystems im Sport erhofft. Durch den Freispruch „im Zweifel für den Angeklagte“ warf der Prozess allerdings mehr Fragen als Antworten auf.

Holczer (59) blieb zudem auch nach dem Urteil bei seiner Haltung, nichts von dessen Dopingvergehen mitbekommen zu haben. „Ich weiß, dass ich betrogen worden bin“, sagte Holczer dem SID. Schumachers Seite habe mit allen Mitteln versucht, ihn „von vorn bis hinten zu diskreditieren, um diesen Freispruch zu erwirken“.

Die größten Doping-Skandale der Sportgeschichte

Der Fall Katrin Krabbe (1992): Die deutsche Sprinterin Katrin Krabbe, Weltmeisterin 1991 über 100 und 200 m, fällt wie Trainingspartnerin Grit Breuer bei einer Urinprobe mit dem Kälbermastmittel Clenbuterol auf. Beide werden bis 1995 gesperrt. Während Breuer in die Weltspitze zurückfindet, scheitert Krabbes Comeback-Versuch. © dpa
Der Fall Ben Johnson (1988): Die Mutter aller Doping-Skandale. Bei den Olympischen Spielen in Seoul siegt der kanadische Sprintstar Ben Johnson im 100-m-Finale in der Weltrekordzeit von 9,79 Sekunden. In Johnsons Urinprobe wird das Steroid Stanozolol nachgewiesen, der Skandalsprinter verliert Gold und Rekord. © dpa-mzv
Der Fall Diego Maradona (1994): Bei der Fußball-WM in den USA wird Argentiniens Superstar Diego Maradona positiv auf Ephedrin getestet und ausgeschlossen. Schon drei Jahre zuvor war Maradona mit Kokain erwischt worden, sein Niedergang begann. © dpa
Der Fall Balco (2003): Im Zuge der Balco-Affäre wird in den USA ein Doping-Netzwerk ausgehoben, zahlreiche Topstars wie Baseball-Ass Barry Bonds und die Sprintstars Marion Jones und Tim Montgomery werden schwer belastet. Jones, die 2000 in Sydney dreimal Olympia-Gold gewonnen hatte, landet wegen Falschaussage im Gefängnis. © dpa
Der Fall Kenteris/Thanou (2004): Die griechischen Sprinter Konstantinos Kenteris, 200-m-Olympiasieger von 2000, und Ekaterini Thanou entziehen sich bei den Spielen in ihrer Heimat Athen unter dem Vorwand eines angeblichen Motorrad-Unfalls einem Dopingtest. Beide werden zwar nicht suspendiert, verzichten aber auf einen Start. Nach langem Hickhack werden beide für zwei Jahre gesperrt und später wegen Meineids zu 31 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. © dpa/dpaweb-mm
Der Fall Fuentes (2006): Einen Tag vor dem Start der Tour de France werden die Favoriten Jan Ullrich (T-Mobile) und Ivan Basso (CSC) von ihren Teams ausgeschlossen. Ihnen wird vorgeworfen, in den Skandal um den spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes verwickelt gewesen zu sein. Dieser soll ein weltweites Dopingnetzwerk organisiert gehabt haben. Im Rahmen einer Razzia waren am 23. Mai 2006 große Mengen an Blutbeuteln beschlagnahmt worden. Ullrich wird erst im Februar 2012 für zwei Jahre gesperrt und verliert alle Ergebnisse seit dem 1. Mai 2005, im Juni 2013 gibt er Blutdoping zu. Auch Leichtathleten und Fußballer werden mit dem Netzwerk in Verbindung gebracht. © dpa
Der Fall Claudia Pechstein (2009): Die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein wird vom Weltverband ISU wegen Indizien, die auf Blutdoping hindeuten, für zwei Jahre gesperrt. Pechstein wehrt sich, es folgt ein langes juristisches Tauziehen. Obwohl Zweifel an ihrer Schuld bestehen, bleibt sie gesperrt. Im Februar 2011 gibt sie ihr Comeback. © dpa
Der Fall Alberto Contador (2010): Tour-Sieger Alberto Contador wird am zweiten Ruhetag der Frankreich-Rundfahrt (21. Juli) positiv auf Clenbuterol getestet. Der Radsport-Weltverband UCI spricht eine vorläufige Sperre gegen den Spanier aus, will dem Fall aufgrund der geringen Konzentration des Kälbermastmittels aber nachgehen. Im Februar 2012 spricht der CAS nach einer langen Hängepartie ein Urteil, sperrt Contador und erkennt ihm alle Titel seit der positiven Probe ab. Der Luxemburger Andy Schleck wird am 29. Mai 2012 nachträglich zum Tour-Sieger 2010 gekürt. © AP
Der Fall Lance Armstrong (2012) Am 22. Oktober 2012 erkennt der Radsport-Weltverband UCI Lance Armstrong die Tour-Titel von 1999 bis 2005 ab. Armstrong hatte über Jahre hinweg systematisch betrogen und ein Doping-Netzwerk aufgebaut, ehemalige Kollegen und Weggefährten belasteten ihn schwer. Nach jahrelangem Leugnen bricht der Texaner am 15. Januar 2013 in einem Interview mit Talkmasterin Oprah Winfrey sein Schweigen und verliert seine sieben Tour-Siege. © dpa
Die Fälle Gay, Powell, Carter und Simpson (2013) Schwarzer Sonntag der Leichtathletik: Tyson Gay (USA), zweitschnellster Sprinter der Geschichte (9,69 Sekunden) gibt am 14. Juli bekannt, dass er bei einer Trainingskontrolle positiv getestet worden sei. Gay beantragt die Öffnung der B-Probe, erklärt aber seinen Verzicht auf die WM. Am gleichen Tag wird bekannt, dass auch Jamaikas Ex-Weltrekordler Asafa Powell sowie seine Landsleute Nesta Carter und Sherone Simpson positiv getestet wurden. © AFP
Der Fall Dieter Baumann (1999): Die Zahnpasta-Affäre. Dieter Baumann, 5000-m-Olympiasieger von 1992, wird positiv auf Nandrolon getestet. Der Deutsche Leichtathletik-Verband spricht Baumann frei, da der Wirkstoff auch in seiner Zahnpasta-Tube nachgewiesen werden konnte, ein schuldhaftes Vergehen damit infrage stand. Der Weltverband IAAF sperrte Baumann dennoch für zwei Jahre. © picture-alliance / dpa/dpaweb
Der Fall Johann Mühlegg (2002): Bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City werden sieben Athleten positiv auf Epo getestet. Prominentester Sünder ist der Allgäuer Langläufer Johann Mühlegg, der für Spanien Gold über 10, 30 und 50 km gewonnen hatte. Mühlegg verliert sämtliche Medaillen, wird für zwei Jahre gesperrt und beendet seine Karriere. © picture-alliance / dpa/dpaweb

SID

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