Sie war einst ein Tennis-Wunderkind

Das tolle Comeback der Mirjana Lucic-Baroni

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Mirjana Lucic-Baroni im Jahr 2014.

Quebec - Mirjana Lucic-Baroni galt mit 14 Jahren als Tennis-Wunderkind. Doch es folgte ein tiefer Absturz. Jetzt hat sich die Kroatin mit einem Turniersieg zurückgemeldet - nach 16 Jahren.

Das letzte Grand-Slam-Turnier 2014 ist gespielt, Serena Williams hat mal wieder die US Open gewonnen, das Fazit des Jahres steht an. Worüber wird man sprechen, wenn man irgendwann auf dieses Tennisjahr zurückblickt? Über Serenas Dominanz? Über das Duo Djokovic/Becker? Über neue Teenager-Sternchen wie die Schweizerin Belinda Bencic? Dann würde man die größte Geschichte dieser Saison ignorieren – geschrieben von einer 32-jährigen Frau, die selbst einmal als Wunderkind gehandelt wurde. Denn was sich am Sonntagabend auf dem Centre Court von Quebec ereignete, der Turniersieg von Mirjana Lucic-Baroni gegen Venus Williams, das war nichts weniger als das Comeback aller Comebacks!

„Mir fehlen die Worte. Ich kann nicht beschreiben, wie glücklich ich jetzt bin“, sagte die Kroatin nach dem 6:4, 6:3. Dass sie 16 Jahre nach ihrem letzten Turniersieg wieder triumphierte, legte die ganze traurige Dramatik ihres Lebens offen. Schon mit 14 wird sie US-Open-Champion bei den Juniorinnen, sie wird umschwärmt von Sponsoren. Mit 15 Jahren holt sie beim ersten Turnierstart in Bol/Kroatien den Sieg, im Doppel gewinnt sie an der Seite von Martina Hingis sogar die Australian Open. „Ich hatte das Gefühl, dass mir die ganze Tenniswelt zu Füßen liegt“, sagt Lucic-Baroni heute.

Marijana Lucic (r.) neben Martina Hingis 1997.

Doch bald schon liegt ihr ganzes Leben in Trümmern. 1998 flieht sie mit ihrer Mutter und vier Geschwistern nach Amerika, sucht Schutz vor dem gewalttätigen Vater, einem ehemaligen olympischen Zehnkämpfer. Von jahrelangem „unvorstellbaren Terror“ berichtet sie 2003: „Es war die Hölle. Ich habe so viele Schläge bekommen, wie man sich kaum vorstellen kann.“ Einmal, erinnert sich Lucic-Baroni, sei sie von ihrem Vater 40 Minuten lang in einer Badewanne mit Schuhen verprügelt worden und „grün und blau am ganzen Körper“ gewesen. Der Zeitung USA Today schildert sie, sie habe sich eine Woche lang nicht die Haare bürsten können, „weil mir der Kopf von den Schlägen so weh tat.“ Als sie das einer schockierten Öffentlichkeit mitteilt, 2003, hat sie mit dem Tennis schon aufgehört, steht vor dem finanziellen Ruin.

2007, kehrt sie dann doch zurück ins Tennisgeschäft, doch der Neueinstieg verläuft schleppend. „Es gab genügend Gelegenheiten, genügend Frust und Enttäuschungen, um wieder aufzuhören“, sagt sie. „Doch ich hatte noch ein paar Rechnungen offen.“ Über kleine Turniere, unbeobachtet von der Öffentlichkeit, spielt sie sich bis 2010 wieder in die Top 100.

Jetzt, noch einmal vier Jahre später, ist sie wieder in den Schlagzeilen. Bei den US Open kämpft sich Lucic-Baroni durch die Quali, ehe sie mit einem Triumph über die Weltranglistenzweite Simona Halep die Tenniswelt aus den Angeln hebt. 16 Jahre, nachdem sie als 16-Jährige auf dem Weg zum Gipfel schien, ist sie als Achtelfinalistin zurück auf den Titelseiten. „Mutter Courage“ nennt die frühere Weltranglistenerste Lindsay Davenport die Kroatin. Sie hat die Dämonen der Vergangenheit besiegt. „Für mich ist sie schon jetzt die Spielerin des Jahres“, sagt die ehemalige Nummer eins, Tracy Austin, in New York. In Kanada veredelt sie nun dieses Traum-Comeback. „Endlich kann ich mich wirklich und richtig freuen nach einem Sieg“, sagte sie. Und die Tenniswelt mit ihr.

Jörg Allmeroth

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