WM-Goldfavorit im tz-Interview

Tony Martin: "Ich bin die Nummer eins!"

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Drei der -letzten vier WM-Einzelzeitfahren konnte Tony Martin gewinnen.

München - Tony Martin ist seit Mittwoch in Richmond in den USA. Der 30-Jährige ist der Gold-Favorit für das WM-Einzelzeitfahren am Mittwoch. Den tz-Fragen stellte er sich wegen der Zeitverschiebung noch vor dem Frühstück.

Tony Martin ist seit Mittwoch in Richmond in den USA. Der 30-Jährige, der seit seinem Tour-Sturz eine Titanplatte in der Schulter trägt, ist der Gold-Favorit für das WM-Einzelzeitfahren am Mittwoch. Am Sonntag beginnt für ihn und die zweite deutsche Goldhoffnung John Degenkolb (26) die WM mit dem Mannschaftszeitfahren. Den tz-Fragen stellte er sich wegen der Zeitverschiebung noch vor dem Frühstück.

Herr Martin, Ihr Vorbereitungsrennen mussten Sie abbrechen, warum?

Martin: Es war das härteste Eintagesrennen meiner Karriere. 130 Kilometer bin ich bei regnerischen Bedingungen am Anschlag gefahren, dann lieber ausgestiegen. Im Feld kehrte nie Ruhe ein, frei nach dem Motto: Haste was, biste was. Es war eine gute Trainingseinheit, aber ich wollte nicht mein Innerstes nach außen fahren.

Das Wetter können Sie nicht beeinflussen, aber liegt Ihnen der Kurs?

Martin: Es ist ein flüssiger Kraftkurs. Die schwierigste Steigung ist die zum Ziel. Insgesamt liegt mir das, es sollte niemand schneller sein als ich.

2011, 2012 und 2013 haben Sie den WM-Titel geholt, 2014 hatte Bradley Wiggins die Nase vorne.

Martin: Er war stärker, aber ich hatte im Vorfeld zu viel gemacht, bin unter anderem die Vuelta gefahren. Aus diesem Fehler habe ich gelernt. Ich will das WM-Trikot zurückerobern.

Wiggins hat Sie auch 2012 bei den Olympischen Spielen geschlagen, beim Tour-Prolog waren Sie „nur“ Zweiter. Bröckelt die Dominanz?

Martin: In London bin ich mit gebrochenem Kahnbein angetreten, die Silbermedaille war Gold wert. In Utrecht haben die äußeren Bedingungen nicht mitgespielt, außerdem ist ein Tour-Prolog kürzer als ein Einzelzeitfahren, da hat die Konkurrenz mehr Chancen, mich zu schlagen. In Richmond will ich beweisen, dass ich im Einzelzeitfahren die Nummer eins bin.

2014 gab’s Trost von Freundin Nina, kommt sie auch?

Martin: Nein, den Urlaub, den sie hat, verbringen wir lieber zusammen, wenn auch ich freihabe. Aber meine Mutter kommt mit ihrem Lebensgefährten. Sie ist oft bei den Rennen und nutzt diese Reisen, um die Welt zu sehen. Vor der WM schauen sie sich New York und Washington an. Darauf bin ich neidisch, aber leider bleibt mir dafür keine Zeit. Nach der WM fliege ich direkt nach Rio, um die Olympia­strecken zu begutachten.

Wie viel Tage im Jahr verbringen Sie daheim in Kreuzlingen?

Martin: Rund die Hälfte des Jahres bin ich zu Hause. Wenn es nach mir geht, könnte es mehr sein, aber so ist es. Eine Woche, zehn Tage, das ist kein Problem, aber wenn man vier Wochen weg ist, dann realisiert man bei den Telefonaten schon, wie lange das ist.

Zu Hause ist wahrscheinlich Nina der Boss, oder?

Martin: Gute Frage. Sie hat das Zepter in der Hand, aber wir arbeiten zusammen, wenn ich da bin.

Vor Kreuzlingen lebten Sie in Eschborn und in Erfurt. Ihre Eltern sind 1989 vor dem Mauerfall über Ungarn nach Hessen geflüchtet. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Martin: Keine, ich war vier und weiß nichts mehr, nur aus den Erzählungen meiner Eltern. Keine Ahnung, ob ich es verdrängt habe oder ob ich zu klein war.

Bekommen Sie von der Flüchtlingsproblematik in den USA etwas mit?

Martin: Ich versuche, auf dem Laufenden zu bleiben. Es ist ein schwieriges Thema, eine Patentlösung hat niemand, aber mir wird der Ursprung zu oft aus den Augen gelassen. Den Menschen, die in Deutschland ankommen, muss geholfen werden, aber den Grund für ihre Flucht darf man nicht vergessen. Diese Problematik wird uns auch in den nächsten Jahren begleiten.

Ein halbes Jahr mit dem Radsport-Tross – wird dieses Leben zu einer Parallelwelt?

Martin: Für unsere Zielstellung blendet man manchmal viel aus, auch private Dinge. Aber wenn ich die Berichte über die Flüchtlinge lese, denke ich mir: „Und du sitzt hier und machst dir Gedanken über die WM…“ Ich überlege, was ich nach der WM persönlich machen kann, aber im Moment darf ich das auch nicht zu sehr an mich heranlassen, sonst verliere ich meine sportlichen Ziele aus den Augen.

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