TV-Kritik: Orgasmus-Hormon & ein Stamperl Blut

Sie könnte so schön sein, die Tour de France. Wenn nur die Radfahrer nicht wären.

Da läuft die Tour nach einem Jahr im TV-Straflager bei Sat.1 wieder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, ZDF-Kommentator Peter Leissl darf endlich wieder über keltische Dudelsackpfeifer und den traditionellen Kirchen-Kühe-Käse-Mix ratschen – und wer gewinnt die erste Etappe? Der mutmaßliche Spritz-Spanier Alejandro Valverde. Das war ärgerlich, und deswegen haben sie im Zweiten lieber nicht darüber geredet, dass der dubiose Señor nicht unbedingt der Wunsch-Sieger war. Stattdessen kündigte Moderator Sven Voss „’ne schöne Analyse“ an. Wir machen hier auch mal ’ne schöne Analyse, und stellen fest: Immer noch ’ne komische Sache, die Tour 2008 bei ARD und ZDF.

So ganz hat man den Unterschied zu 2007 bisher noch nicht verstanden, als Ulles freischaffender Pressesprecher Mike Kluge auf Sat.1 wunderlich kommentierte. Heuer glauben das Erste und das Zweite wieder an das Gute im radfahrenden Menschen, auch wenn sich laut Spiegel Online diesmal folgende Mittel unter Frankreichs Next Top-Drogen befinden sollen: Menogon, das aus dem Urin von Frauen in den Wechseljahren gewonnen wird und, sorry, auch das Orgasmus-Hormon Prolaktin.

So weit ging es bei Sven Voss dann nicht, aber begeistert war der gute Mann durchaus: „Jetzt sind wir erst mal alle Radsport-verrückt!“ Der leidlich resozialisierte Jörg Jaksche durfte einiges zum Thema Doping sagen. Und ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender erklärte umständlich, warum sein Sender wieder überträgt, statt einfach zuzugeben, dass er auf die immer noch guten Quoten spitz ist wie Winokurow auf ein Stamperl Blut.

Dabei gäbe es wirklich mindestens drei gute Gründe fürs Übertragen: Reklame für umweltschonende Fortbewegung in Zeiten von Klimawandel und explodierender Benzinpreise, außerdem Vorbereitung auf Olympia, wo die Zuschauer schließlich auch behumpst werden und Spaß dabei haben sollen. Und: Es macht, leider, immer noch Spaß, Leissl und seinem Adlatus Michi Feffer beim Teufelslappen-TV und beim Referieren über eindrucksvolle Überbleibsel aus der Jungsteinzeit zuzuhören. Wenn nur dieser verdorbene Sport nicht wäre, über den schon vor fünfzig Jahren Heinz Erhardt klagte: „Immer die Radfahrer!“

Jörg Heinrich

Quelle: tz

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