Fall Scharapowa: "Wundermittel Meldonium"

tz-Experten-Kolumne: Gut gegen Dummheit?

+

Nürnberg - In seiner tz-Kolumne schreibt Doping-Experte Fritz Sörgel über den Fall Scharapowa - und rollt den Fall an den Fakten orientiert auf.

Es war vorgestern Abend, ich hatte es mir gerade auf dem Sofa gemütlich gemacht, um auf ein positives Resultat aus Freiburg zu warten. Ob der „SC“ vielleicht drei Punkte an die „Roten Bullen“ aus Leipzig abgibt und „unser Club“ nach Punkten gleichzieht. Nun, dieser Wunschtraum erfüllte sich nicht. Ein positives Resultat ganz anderer Art kam dagegen in der zweiten Halbzeit des Fußballspiels von unerwarteter Stelle auf mein iPhone: aus Los Angeles. Die nach Meinung vieler Experten bestaaussehende und ganz sicher am besten verdienende Sportlerin der Welt hatte nach einem positiven Dopingtest zugegeben, das für viele „neue“ Dopingmittel Meldonium aus Lettland geschluckt zu haben. Was die Leute von Sky auf den Plan rief, die Vorteile einer 24 Stunden-Verfügbarkeit von Menschen – das soll ja gesundheitsschädlich sein – zu nutzen und mich gegen 22 Uhr um eine Beurteilung – natürlich live - baten.

Bis gestern Abend haben dann alle „Experten“ wie üblich auch noch ihren Senf dazugegeben. Jetzt ist etwas Ruhe eingekehrt, wir können nun den Fall an den Fakten orientiert diskutieren. War also Frau S. gedopt und was heißt überhaupt gedopt? Gedopt ist, wer eine Substanz nimmt, die auf der Dopingliste der Internationalen Anti-Dopingkommission (WADA) steht. Punkt. Damit muss S. für mindestens zwei Jahre „hinter Gitter“, also den Tennis- und Luxus-Arenen fernbleiben.

Hatte S. aber einen Leistungsvorteil? Darüber beschwerte sich flugs ausgerechnet das frühere Enfant terrible des Tennissports, Jennifer Capriati? Fragen wir doch die Wissenschaft und hoffen auf Anstand, Unbestechlichkeit und Unabhängigkeit der Wissenschaftsjournale. Meldonium ist eine Substanz, die fast alles kann und die ihre Karriere in der Futtermast begann. Als die Schweine scheinbar genug davon hatten, kam der Mensch dran. Dessen Körper insgesamt, das Immunsystem sowieso, das Hirn und ja, das Herz sollen von Meldonium profitieren. Letzteres wurde Frau S. zum Verhängnis. Denn was hatte diesen Hype in osteuropäischen Gefilden überhaupt ausgelöst? Eine Publikation aus dem Jahr 2005 über eine klinische Studie dürfte es gewesen sein – offensichtlich durch das angeblich objektive Begutachtungssystem wissenschaftlicher Zeitschriften gerutscht. S. hatte Meldonium nach eigenen Angaben ab 2006 genommen, ihre Scouts hatten die Substanz – mit ein bisschen Hilfe durch den Hersteller? – wirklich schnell entdeckt, Respekt! Als Meldonium jetzt auf die Dopingliste kam, waren die Scouts von S. weniger alert. In der 2005er Studie in Lettland wurde das Wundermittel an ganzen 80 von 119 Patienten gleich mit einem Standardpräparat aus der Schulmedizin kombiniert, das auf jeden Fall wirkt. Auf den „Gold-Standard“, wie wir ihn in der klinischen Forschung zum Wirksamkeitsbeweis fordern, den Vergleich mit Placebos also, hatte man lieber verzichtet.

Vier wichtige Ergebnisse teilte man in dieser Publikation mit: ca. 80 der 119 Patienten mit nachweisbarer Herzinsuffizienz (im Alter von bis zu 80 Jahren) profitierten von der Meldonium-Einnahme. Lebensqualität, die Blutversorgung arbeitender Muskeln in Ruhe und natürlich auch unter Belastung werden verbessert, der Energiestoffwechsel insgesamt auch noch. Neueste Ergebnisse just von letzter Woche, biochemische Untersuchungen an Zellen und Tieren, lassen jetzt sogar noch besser verstehen, welch großartiges Molekül da der Menschheit und Frau S. geschenkt wurde. Herzrhythmusstörungen und beginnender Diabetes, genau was S. in Los Angeles von ihrem Gesundheitszustand im Jahr 2006 berichtete, fand man in dieser Publikation. Bei Arteriosklerose wirkt es auch, Demenz, warum nicht? Ob bei Dummheit und pathologischer Belastung der Mitmenschen durch Unverfrorenheit? Das wissen wir nicht. Wir sind ja alle Versuchskaninchen dieses Dopingfalles und was uns zugemutet werden darf. Die Publikationen über Meldonium, trauriges Zeichen von Standards in der Wissenschaft: Wir finden nichts als zu Werbebroschüren degenerierte Pamphlete für Meldonium.

Was ist Meldonium nun? Das harte Urteil: kein wirksames Arzneimittel, bestenfalls ein verbotenes Nahrungsergänzungsmittel, dessen Nähe zu körpereigenen Substanzen (wie der beliebten Chemikalie Kreatin) jeder Chemie-Leistungskursabsolvent sehen kann. Oder ist Meldonium nur Chemie-Abfall aus dem Labor eines findigen Chemikers in Lettland? Hätten die Scouts und Ärzte von S. das Zeug bei den Wirkungsversprechungen nur mal selbst eingenommen!

Fritz Sörgel

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Ex-MotoGP-Weltmeister Nicky Hayden nach Unfall gestorben
Ex-MotoGP-Weltmeister Nicky Hayden nach Unfall gestorben
EuroLeague: Erster türkischer Triumph durch Fenerbahce
EuroLeague: Erster türkischer Triumph durch Fenerbahce
So sehen Sie die French Open 2017 live im Free-TV und Live-Stream
So sehen Sie die French Open 2017 live im Free-TV und Live-Stream

Kommentare