tz-Interview

Schwimm-Chef Lambertz kritisiert de Maizière 

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Bundestrainer Henning Lambertz.

Kasan - Silber für Rob Muffels, Bronze für Finnia Wunram. „Ein Auftakt nach Maß“, kommentierte Henning Lambertz (44) den überraschend starken Auftritt der Freiwassermannschaft bei der WM in Kasan. Der Bundestrainer im tz-Interview.

Am kommenden Wochenende beginnen die Beckenwettbewerbe. Eine 180-Grad-Wende in kurzer Zeit ist dort nicht möglich, warnte Lambertz bei seinem Amtsantritt nach dem katastrophalen Abscheiden bei Olympia 2012 in London.

Herr Lambertz, wie viel Grad der Drehung haben Sie bisher geschafft?

Lambertz: Wenn man unsere Entwicklung an Zahlen festlegen will, haben wir 30 bis 40 Prozent unseres Ziels erreicht. Es geht immer mehr, aber das hatte ich mir in etwa vorgestellt, wir sind auf einem sehr guten Weg. Wir haben noch nicht zehn oder elf potenzielle Medaillenkandidaten, aber da müssen wir langfristig hinkommen. Im Moment sehe ich für Marco Koch, Paul Biedermann und Franzi Hentke die besten Chancen, aber erwischt einer von ihnen einen schlechten Tag, können wir unsere Vorgaben von circa vier Medaillen nicht aufrechterhalten.

Was hat Sie in den vergangenen drei Jahren überrascht?

Lambertz: Positiv überrascht war ich über den starken Rückhalt unseres Präsidiums. Ich habe versucht, neue, teils unbequeme Ideen einzubringen, aber keine wurde sofort vom Tisch gewischt, man hat sich mit allem seriös beschäftigt. Ich bin mit einem Fünfpunkte-Plan angetreten, und unter anderem wurde ein sehr wichtiger Punkt letztes Jahr umgesetzt. Die Trainer haben erstmals Prämien für erzielte Medaillen bekommen.

Gibt’s auch Kritikpunkte?

Lambertz: Kleine. Die homogene Arbeit, die Kommunikation zwischen mir und den Stützpunkttrainern könnte manchmal noch besser sein. Einige von ihnen haben noch nicht wirklich verinnerlicht, dass sie zu allererst Trainer für Deutschland sind, oft herrscht noch zu großes regionales Denken. Verstehen sie mich nicht falsch, mit Jörg Hoffmann vom Stützpunkt in Potsdam beispielsweise stehe ich beinahe täglich im Austausch, aber es gibt eben auch andere, mit denen spreche ich nur einmal im Monat. Kommunikation ist keine Einbahnstraße, und ich würde mich oft über mehr Informationen aus den Verantwortungsbereichen freuen.

Wie ist der Austausch mit München? Mit Alexandra Wenk, Florian Vogel und Marco di Carli trainieren drei WM-Starter hier.

Lambertz: Mein Verhältnis zu Trainer Olaf Bünde ist sehr gut, der Stützpunkt in München soll an Bedeutung gewinnen, ich will Bünde enger in meine Mannschaft einbinden. Vor den Olympischen Spielen in Rio will ich nicht jedes Jahr das Trainerteam bei Großereignissen wechseln, weil die Athleten sich sonst ständig umgewöhnen müssen, aber im neuen Olympiazyklus soll Bünde eine zentralere Rolle im Trainerteam spielen.

Wie zufrieden sind Sie mit den Münchner Athleten?

Lambertz: Mit Marco war ich 2004 schon in Athen bei den Spielen. Ich finde es bewundernswert, dass er mit seinen 30 Jahren den unbequemen Schritt von Frankfurt nach München in ein neues Umfeld gewagt hat. Alex ist seit 2012 eine verlässliche Komponente, damals hatte sie noch nicht die nötige Konsequenz in einigen Bereichen, aber sie hat sich körperlich top entwickelt und ist sehr professionell. Für Florian Vogel gilt dasselbe, im Trainingslager in Belek hat er sehr intensiv mit Paul Biedermann gearbeitet.

Wenk und Vogel müssen den Spagat zwischen Spitzensport und Studium schaffen. Hat sich in der Ahtletenförderung etwas verbessert?

Lambertz: Wir sind in Gesprächen mit dem Bundesministerium des Innern (BMI) und haben zum Beispiel eine Idee der nachaktiven Förderung entwickelt. Alle A-Kader-Athleten mit Medaillengewinnen bei Großereignissen können nach ihrer Karriere bis zu 36 000 Euro vom BMI in monatlichen Raten über drei Jahre ausbezahlt bekommen.

Markus Deibler schwamm vergangenes Jahr Weltrekord und trat mit 25 Jahren zurück, um eine Eisdiele zu eröffnen.

Lambertz: Als Bundestrainer war ich enttäuscht, weil er über die 200 Meter Lagen ein Topkandidat auf Medaillen war. Aber ich verstehe, wenn er sich als Geschäftsmann weiterentwickeln will. Das große Geld kann man als Schwimmer oft nicht verdienen. Angeblich soll das Durchschnittseinkommen bei 1300 Euro liegen, aber bei uns kommen ganz wenige über 1000 Euro.

Innenminister de Maizière fordert mehr Medaillen bei unveränderter Förderung.

Lambertz: Den Grundwunsch haben wir alle. Aber der Ruf nach mehr Medaillen ohne mehr finanzielle Mittel, das funktioniert nicht. An diesem Punkt gehen die Vorstellungen auseinander. Wenn wir uns in puncto Förderung in der Welt vergleichen, belegen wir leider einen der hinteren Plätze. In Großbritannien beispielsweise investieren sie ein zehnfaches Volumen, das ist für mich in den nächsten Jahren die stärkste europäische Nation.

Interview: Mathias Müller

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