Doping-Geständnis „kalter Kaffee“

Sebastian Bayer
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Sebastian Bayer und sein Trainer Joachim Schulz.

Hamburg - “Ich wusste davon“, sagte Deutschlands große Weitsprung- Hoffnung am Tag nach dem überraschenden Doping-Geständnis seines Trainers Joachim Schulz.

“Achim ist einer der ehrlichsten und offensten Menschen, die ich kenne. Das Problem ist doch, dass ihn keiner vor 15 Jahren gefragt hat. Er hätte auch damals schon alles gesagt“, sagte der Hallen-Europameister vom Bremer Leichtathletik- Team am Freitag in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Schulz hatte in der “Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Freitag) zugegeben, zu DDR -Zeiten Dopingmittel verabreicht und sogar im Selbstversuch ausprobiert zu haben.

Clemens Prokop , Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), begrüßte das Outing von Schulz als “eine neue Form der Vergangenheitsbewältigung. Darüber muss offen gesprochen werden, juristisch ist das alles verjährt, aber Schweigen hilft uns nicht weiter“, sagte der Jurist aus dem bayerischen Kelheim, gab aber zu bedenken: “Das ist kein Problem der Leichtathletik allein. Außerdem war Schulz ja nie beim DLV beschäftigt. Von den ehemaligen Trainern im DDR -Hochleistungssport sind derzeit nur sechs in unserem Verband angestellt. Das ist kein Problem einer Sportart, sondern systembedingt.“

Für Bayer zählt gut zwei Monate vor der WM in Berlin ohnehin nur die Gegenwart - die Vergangenheit ist für den 22-Jährigen kein Thema. “Das ist jetzt 20 Jahre her, und die DDR -Trainer konnten sich das doch nicht aussuchen, ob sie da mitmachen oder nicht“, sagte der gebürtige Aachener, der am 8. März in Turin mit dem Hallen- Europarekord von 8,71 Metern für die Sensation der Titelkämpfe gesorgt hatte. Für ihn sei die Sache “kalter Kaffee, in dem man nicht länger rumrühren sollte. Joachim Schulz ist ein super Trainer, einfach perfekt in der Trainingsmethodik und Trainingslehre.“

Bis zur Wende war Schulz, der heute 55 Jahre alt ist und in Aachen als Gymnasiallehrer arbeitet, Trainer beim DDR -Club Turbine Erfurt. Bayer kennt den Thüringer seit sechs Jahren: “Und ich weiß, dass er immer die Wahrheit sagt.“ Auch die Erklärung der fünf DLV-Trainer, die sich vor einigen Wochen zu ihrer Doping-Vergangenheit öffentlich bekannt hatten, sieht er eher als Befreiungsschlag denn als Störfeuer vor der Heim-WM im Berliner Olympiastadion.

“Es ist doch gut, dass diese Leute jetzt seit fast 20 Jahren für sauberen Sport stehen. Und ich bin mir sicher, dass Deutschland eines der saubersten Länder der Welt ist“, betonte Bayer, der bei den Olympischen Spielen in Peking sein Leistungsvermögen nicht abrufen konnte und in der Qualifikation ausgeschieden war. “Die ständige Diskussion über die alten Kamellen stört mich, aber sie wird die Organisatoren der WM nicht stören.“ In Berlin droht dem Freund von Hürdensprinterin Carolin Nytra nur das “Störfeuer“ der Konkurrenz: Fünf Monate nach seinem Sprung in die Zukunft muss Bayer beweisen, was die 8,71 von Turin wirklich wert waren.

dpa

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