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Ex-NBA-Spieler Medvedenko im Ukraine-Krieg: „An die Toten gewöhnt man sich niemals“

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Slava Medvedenko
Eindrücke aus der Ukraine von Slava Medvedenko. © Foto: Privat

Slava Medvenko gewann mit den Los Angeles Lakers zwei Meisterschaften. Als der Krieg begann, hat der Ukrainer mit Nachbarn sein Viertel verteidigt. Nun versteigert er seine NBA-Meisterringe, um zerstörte Turnhallen wieder aufzubauen. Das merkur-Interview:

Jahrelang spielte Slava Medvedenko in der NBA, gewann 2001 und 2002 mit den Los Angeles Lakers die Meisterschaft an der Seite von Kobe Bryant. Nach der aktiven Karriere als Sportler wechselte der Ukrainer in die Politik, war 2020 Kandidat bei den Wahlen für den Kiewer Stadtrat. Als der Krieg begann, hat sich der 43-Jährige mit Nachbarn zusammengeschlossen, um sein Viertel zu verteidigen. Aktuell sammelt Medvedenko mit Benefizaktionen Geld für die Ukraine und möchte zerstörte Turnhallen wieder aufbauen. Zu diesem Anlass versteigert der Ex-Basketballer aktuell seine NBA-Meisterringe. Im Gespräch mit unserer Zeitung spricht Medvedenko über die Anfänge des Kriegs, Tage im Luftschutzbunker und eine Zukunft für ukrainische Kinder.

Slava Medvedenko, wie haben Sie die Anfänge des Kriegs erlebt?

Ich war in Kiew mit meiner Familie. Wie die meisten Ukrainer, bin ich um vier Uhr morgens von Explosionen wach geworden. Ich sah durch das Fenster, wie immer mehr Autos die Tiefgarage meines Appartements verlassen haben. Ich habe den Krieg erwartet, verstanden, dass der Krieg unvermeidlich ist, dass er eigentlich schon seit acht Jahren andauert. Aber in den ersten Minuten nach den Explosionen erinnere ich mich nur an das Gefühl der Verwirrung. Wenn du 42 Jahre alt bist, aber einfach nicht weißt, was du als Nächstes machen sollst.

Und abends habe ich mit den Nachbarn diskutiert, wie wir unser Viertel verteidigen können

Slava Medvedenko

Was haben Sie gemacht?

Wir haben nur das Wichtigste eingepackt und sind zu einem Luftschutzbunker in der Nähe gerannt. Wir haben Essen für die nächsten zehn Tage gekauft, als die Geschäfte noch offen hatten. Ich habe meine Mutter zu uns geholt. Und abends habe ich mit den Nachbarn diskutiert, wie wir unser Viertel verteidigen können und was wir machen, wenn wir Saboteure entdecken. Die ersten Tage waren sehr chaotisch. Wir haben sehr viel Zeit im Bunker verbracht. Versucht, uns über Telegram-Gruppen und unsere Freunde zu informieren. Aber niemand konnte richtig begreifen, was da gerade passiert.

Sie haben sich einer Selbstverteidigungsgruppe angeschlossen.

Es gab gar keine andere Wahl. Man wurde durch die Umstände zu diesem Schritt gezwungen. In den ersten Tagen hat sich die russische Armee recht schnell den Grenzen von Kiew genähert. Unsere Stadt war wie verlassen. 80 Prozent meiner Nachbarn sind sofort geflohen. Die Polizei hatte nicht mehr die Kapazität, für Recht und Ordnung zu sorgen. Das war die härteste Zeit. Ich erinnere mich an westliche Experten, die gesagt haben, dass Kiew nach spätestens drei Tagen fallen wird.

Wie ging es für Sie weiter?

Wir haben Waffen von der militärischen Verwaltung erhalten und uns dann selbst organisiert. Ich bekam eine AK-47. Manchmal sind wir durch die Straßen patrouilliert. Mein Posten war auf dem Dach eines Hochhauses. Raketen sind über uns geflogen. Wir haben die Straßen Kiews in östlicher Richtung beobachtet. Wir haben militärische Taktiken studiert und uns mit Medizin und Versorgung von Verwundeten beschäftigt. Um im schlimmsten Szenario mit der regulären Armee kämpfen zu können. Als die Russen sich aus Kiews Vororten zurückgezogen haben, habe ich mich humanistischen Dingen gewidmet. Wir haben Essen und nützliche Gegenstände in zerstörte Städte gebracht. Ich wollte da helfen, wo ich am nützlichsten bin.

Sie starten aktuell humanitäre Aktionen auf der ganzen Welt.

Ich bin zuletzt in die USA geflogen, um zusammen mit SCP Auctions die Versteigerung meiner NBA-Ringe zu besprechen. Aktuell bin ich in Warschau. um an einem Benefiz-Basketballspiel teilzunehmen. Wir wollen Spenden sammeln und auf der ganzen Welt auf den Krieg aufmerksam machen. Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung von unseren Alliierten und den Menschen aus Europa.

NBA-Meisterring
Der NBA Meisterring von Slava Medvedenko. © Foto: Privat

Wie kamen Sie auf die Idee, Ihre Meisterringe zu versteigern?

Die Ukrainer spenden viel Geld für den Krieg, sie geben ihr letztes Hemd. Kinder verkaufen ihre Spielsachen, um Geld für die Armee zu sammeln. Wir können nicht nur auf Waffen warten, die uns geliefert werden. Wir müssen selbst aktiv werden. Als der Krieg immer schlimmer wurde, habe ich realisiert, dass unser Sieg nichts wert sein wird, wenn wir nicht in der Lage sind, unsere Kinder zurückzuholen und ihnen eine sichere Umgebung zu schaffen. Ich habe meine Kinder zu meiner Großmutter in einen relativ sicheren Teil der Ukraine geschickt, sie monatelang nicht gesehen. Ich habe mit Freunden die Fly High Foundation gegründet. Wir wollen Kindern, die besonders schlimm vom Krieg betroffen sind, helfen. Und zerstörte Turnhallen wieder aufbauen.

Was konnten Sie schon erreichen?

130 Kinder haben wir schon im Nebokray Camp rehabilitiert. Wir wollen mindestens 500 Kinder aufnehmen, aber aktuell fehlt es an finanziellen Ressourcen. Mehr als 1000 Schulen wurden schon beschädigt, mehr als 100 von ihnen komplett zerstört. Über zwei Millionen Kinder waren gezwungen aus der Ukraine zu fliehen. 60 Prozent der ukrainischen Kinder sind gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen. Wir hoffen auf Spenden und Equipment: Fußbälle, Basketbälle, Trikots.

*Über das Crowdfunding-Projekt kann für Kinder in der Ukraine gespendet werden. Das Geld wird dafür eingesetzt, um zerstörte Turnhallen in der Ukraine wieder aufzubauen.

Gab es Kontakt mit den Los Angeles Lakers?

Die Lakers haben schon Sportklamotten für über 500 Kinder geschickt. Das Team plant weitere finanzielle Hilfe. Auch die FIBA hat schon Unterstützung und ein spezielles Programm angeboten. Viele ehemalige Weggefährten aus der NBA haben sich gemeldet, um mir zu helfen. Die Sportwelt steht zusammen.

Seit fünf Monaten herrscht Krieg in der Ukraine. Wie sieht Ihr Leben aktuell aus?

Ich bleibe die ganze Zeit in der Ukraine, wenn ich nicht gerade für humanitäre Zwecke ein paar Tage unterwegs bin. Wir verlassen unser Land nicht. Meine Kinder leben hier, meine älteste Tochter ist aus den USA zurück nach Kiew gekommen. Ich erlebe also den schrecklichen Alltag in einem Land, das angegriffen wird. Irgendwann gewöhnt man sich an die täglichen Alarme, Explosionen. Aber man gewöhnt sich niemals an die Toten. Menschen versuchen, ihr Leben weiterzuleben. Alle mit dem einzigen Traum, dass es einen schnellen Sieg der Ukraine gibt. Wir verstehen, dass wir nicht das Recht haben, zu verlieren. Es ist ein Krieg der Zivilisation. Und, wenn die Ukraine verliert, wird die Ukraine nicht als einziges Land verschwinden. Menschenrechte verschwinden dann auch, sind nichts mehr wert. Wir verlieren gerade jeden Tag unsere besten Leute: gut ausgebildete Soldaten, Kinder sterben, junge Menschen verlassen das Land. Wir müssen an der Front für jedes Einzelne Menschenleben kämpfen. Dafür, dass unsere Kinder irgendwann zurückkehren können.

Interview: Nico-Marius Schmitz

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