„Schmerzmittel sind selbstverständlich“

Volksseuche Doping: Breitensport und Alltag betroffen 

München - Nicht nur im Spitzensport wird gedopt, sondern auch im Breitensport und in den niedrigen Klassen gedopt wird. Selbst im Alltag ist Doping angekommen. Die tz sprach mit Experten.

Geschluckt, gelutscht und gespritzt wird im Sport und im Alltag – Doping hat sich zu einer Volksseuche entwickelt. „Es wird Zeit, dass wir ein zusammenfassendes Bild über Doping-Betrug, Doping als Verbrechen und die Gesundheitsrisiken durch Doping im Sport geben“, sagt der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel. Und deshalb initiiert er zu Ehren von Gerhard Treutlein (74), Leiter des Zentrums für Dopingprävention an der PH Heidelberg und langjähriger Antidoping-Kämpfer, am 23. Oktober um 10 Uhr in Nürnberg im Germanischen Nationalmuseum ein öffentlich zugängiges Symposium. Teilnehmen werden führende Anti-Doping-Experten wie Letizia Paoli, Werner Franke und Perikles Simon.

„Polypragmasie ist ein großes Thema“, sagt Sörgel der tz. Will meinen: die sinn- und konzeptlose Behandlung mit zahlreichen Arznei- und Heilmitteln nimmt immer mehr überhand. „Selbst Schüler nehmen, wie selbstverständlich, Schmerzmittel ein, ohne sich der Folgen (siehe Kasten) bewusst zu sein“, sagt Sörgel. Im Alltag gehören Aufputschmittel am Morgen, Tranquilizer am Abend dazu, auch Antidepressiva werden wahllos eingeworfen.

Bei den Sportlern mit großem sportlichen Ehrgeiz ist die Motivation besonders hoch. Eine Pille vor dem Punktspiel, Kreatinpulver vor dem Kraftsport, Testosteron für den Triathlon, alles in der Mitte der Gesellschaft angekommen. 2013 wurden in deutschen Apotheken 109 Millionen Packungen Schmerzmittel verkauft. Eine Forsa-Umfrage unter rund 1000 Personen ab 18 Jahren aus dem Jahr 2012 fand heraus, dass jeder Dritte unter 25-Jährige schon zu Schmerzmitteln gegriffen hat, um die eigene Schmerzgrenze zu überwinden. Und jeder Vierte hat Erkältungspräparate genutzt, um in seiner Sportart bessere Ergebnisse zu erzielen. Auch in der Kraftsportszene gibt es ähnlich erschreckende Zahlen. Die WADA schätzt, dass jährlich circa fünf Millionen Menschen – 200.000 in Deutschland – 700 Tonnen anaboler Steroide zu sich nehmen.

Der neue Anti-Doping-Gesetz-Entwurf hilft bei all dem nicht. „Wenn man nicht an die Grundfreiheit des Bürgers, sich selbst auf Kosten der Gesellschaft zu schädigen, rangeht, muss man mit den Folgen leben“, sagt Sörgel und stellt eine interessante Frage im Bezug auf den Spitzensport auf: „Was kostet uns eine Goldmedaille, wenn man alle Aufwendungen der Sportförderung und die überbordenden medizinischen Behandlungen und Nebenwirkungen aufgrund des Arzneimittelmissbrauchs und Spätfolgen aufrechnet? Diese und viele Fragen mehr soll das Symposium beantworten. Die tz hat vorab mit Gerhard Treutlein gesprochen und zeigt, wie gefährlich die falsche Arzneimitteleinnahme sein kann.

„Brauchbare Illegalität“

Herr Treutlein, freuen Sie sich auf das Symposium?

Gerhard Treutlein, Leiter des Zentrums für Dopingprävention an der PH Heidelberg: Die Ehre, die mir zuteilwird, ist mir fast ein bisschen zu viel des Guten. Sicher ist, ein Zusammentreffen dieser Art sollte es jedes Jahr geben. Interessant ist, dass so etwas nie durch den Sport organisiert wurde oder wird, an der Bereitschaft von uns Experten liegt es nicht.

Sie kämpfen seit Jahren gegen Doping…

Treutlein: …und ich habe einige Überraschungen erlebt. Den ersten Berührungspunkt hatte ich auf einem vorolympischen Kongress 1971 in München. DDR-Staatssekretär Günter Erbach referierte über die DDR und dass sich der Wert der Gesellschaft über die Medaillenanzahl definiert. Ich war Teil eines Forschungsprojekts und fragte ihn, ob die Leistungssteigerung im Kugelstoßen auf Anabolika zurückzuführen sei. Erbach ging mir fast an den Kragen. Später fand ich heraus, dass mich die Stasi ab 1971 beobachtete.

Ihren ersten großen Bericht lieferten Sie 1974 ab.

Treutlein: 15 aus heutiger Sicht etwas naive Seiten zum Thema Sportmedizin und Doping beziehungsweise zum Zusammenhang von Leistungssteigerung und Anabolikakonsum. Das Bundesinstitut für Sportwissenschaften zweifelte die Wissenschaftlichkeit an und setzte zwei Gutachter darauf an – Joseph Keul und Armin Klümper (heute überführte Dopingärzte, Anm. d. Red.).

Was hat sich getan in all den Jahren?

Treutlein: Der öffentliche Druck ist größer. Allerdings schlingert man zwischen brauchbarer Illegalität und scheinbar symbolträchtigen Handeln. Wird jemand erwischt, zeigt man mit erhobenem Zeigefinger auf ihn, die Verbände und Strukturen sollen aber unbeteiligt sein. Das ist falsch.

Wo ist die Dopingproblematik heute größer, im Spitzen- oder Breitensport?

Treutlein: Ein Marathon in zwei Stunden und drei Minuten, das geht ohne Doping nicht. Alles andere ist kalter Kaffee. Auch die Geschwindigkeitsentwicklungen im Fußball sind unglaublich. Aber Breitensport betreiben Millionen von Menschen und auch die dopen durch Schmerzmittel, Nahrungsergänzungsmittel oder Ähnlichem, weil das Bewusstsein, etwas Schädliches zu tun, nicht vorhanden ist. Da ist der Leistungssport ein verhältnismäßig kleines Problem. Interview: mm

Vorsicht bei Ibu & Co.

Schmerzmittel (Voltaren, Ibuprofen, Aspirin, Paracetamol): Die regelmäßige Einnahme hemmt Prostaglandinen (Botenstoffe), die den Körper schützen sollen. Die Folge: Durchblutungsstörung der Niere bzw. Nierenfunktionsstörungen, Magenblutungen bis hin zu einem Magendurchbruch oder Schäden am Herz.

Kreatin: Bei einer Kreatineinnahme sollten zusätzlich ein bis zwei Liter pro Tag getrunken werden, damit eine Dehydratation und die möglicherweise daraus folgenden Kopfschmerzen vermieden werden.

Proteine: Zu hoch dosiert, besteht das Risiko für eine Übersäuerung, Gicht und Rheuma. Zudem fördern Proteine die Ausscheidung von Kalzium.

Aufputsch- und Beruhigungsmittel (Koffein, Ritalin, Alkohol): Der Schlafrhythmus wird gestört, der körperliche Zusammenbruch ist eine Frage der Zeit. Impulsivität und Spontanität werden unterdrückt.

WADA-Liste (EPO, Anabole Steroide, Wachstumshormone, Stimulanzien): EPO verdickt das Blut und kann zum Tod führen. Anabole Steroide führen zu Bluthochdruck und einem erhöhten Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko. Stimulanzien belasten den Kreislauf. Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkt, Krampfanfälle, Atemlähmungen können die Folge sein.

Mathias Müller

Rubriklistenbild: © dpa

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