WADA-Chefermittler im tz-Interview

„Whistleblower sind unser Schlüsselelement“

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Günter Younger.

München - Ist Doping im Sport aufzuhalten? Die tz sprach darüber mit Günter Younger, der aus Bayern stammt und Chefermittler der Welt-Antidopingagentur WADA ist.

Den Nachnamen hat er seiner neuseeländischen Frau zu verdanken, denn geboren wurde Günter Younger als Günter Seibold in Plattling. Über Europol und Interpol landete der 49-Jährige beim LKA München, wo er bis vor Kurzem das Dezernat Cyber Crime leitete. Seit 3. Oktober ist Chefermittler der Welt-Antidopingagentur ­WADA.

Herr Younger, von der WADA wird immer viel erwartet, aber was kann sie realistisch in Zukunft leisten?

Younger: Die WADA kann und muss eine Art koordinative Rolle übernehmen, aber wir brauchen starke Partner. Im Moment herrscht ein ziemliches Ungleichgewicht im nationalen Anti-Doping-Kampf. Deutschland oder Großbritannien beispielsweise ermitteln ziemlich stark, die Athleten sind gegenüber den anderen Konkurrenten, in deren Ländern es weniger streng zugeht, benachteiligt. Mein Ziel ist es, dieses Gleichgewicht wiederherzustellen. Vielleicht gründen wir dazu eine Taskforce, die jeweils unterstützen kann, aber das müssen wir noch prüfen.

Zuletzt wurde dem Anti-Doping-Labor in Katar die Lizenz entzogen. Wie reagieren betroffene Länder?

Younger: Die meisten versuchen schnell wieder auf die Beine zu kommen. Das ist auch unser Ziel, wir strecken die Hand aus und wollen helfen, auch den Russen.

Witali Smirnow, der Vorsitzende des russischen Anti-Doping-Ausschusses, hat Anfang Dezember ein „staatlich gelenktes Dopingsystem“ erneut geleugnet. Wie schwer ist es bei dieser Mentalität etwas zu verändern?

Younger: Wenn man Kulturen ändern will, dauert das Jahre. Die Russen machen kleine Schritte, nicht das, was man erwartet, aber es gibt gewisse Zugeständnisse, auch die alten Trainer sind mittlerweile alle weg. Außerdem darf man nicht vergessen, dass es russische Whistleblower waren, die das System nicht mehr wollten. Dass sie so viel aufs Spiel setzen, macht Hoffnung, nur müssen wir sie zukünftig besser schützen.

Sie haben eine neue ­Whistleblower-Policy angekündigt.

Younger: Whistleblower sind in Zukunft unser Schlüsselelement. Die Athleten sind unsere Augen, sie wissen, was in den Systemen abläuft, ich weiß das in Montreal nicht. Mit der Policy wollen wir ein klares Signal senden, dass Informationen entsprechend behandelt werden und dass die Ermittler persönlich im Optimalfall gar keinen Kontakt zu den Whistleblowern haben. Die WADA hat jetzt einen Polizisten, der weiß, wie man damit umgeht.

„Im Kleinen etwas aufbauen“

Sie meinen sich.

Younger: Mein Ziel ist, dass Menschen wie die Stepanows nicht in den Medien erscheinen. Wir wollen ihre Informationen bewerten, analysieren und sie dann wieder aus dem System entlassen. Aber wir brauchen sie, denn wenn uns jemand sagt: Fangen Sie rechts hinten an zu suchen, dann ist das einfacher, als wenn ich die Nadel im ganzen Heuhaufen suchen muss.

Spielen Dopingtests überhaupt noch eine Rolle?

Younger: Das eine schließt das andere nicht aus, das Testen ist nach wie vor wichtig. Wir nutzen so viele Quellen wie möglich und führen diese zusammen. Und dann geht es darum, die Brücke zur Polizei zu schlagen, bei den Ermittlungstechniken sind uns oft die Hände gebunden.

Ihr Chef Craig Reedie steht unter Druck. Kritiker werfen ihm vor, er hätte Informationen über mafiöse IAAF-Strukturen 2014 nicht mit dem entsprechenden Nachdruck verfolgt. Was sagen Sie dazu?

Younger: Bis 2015 war die WADA eine regulative Organisation ohne Ermittlungskompetenz. Wir haben unsere Informationen an die französische Kommission weitergegeben, die haben darauf eine Initiative gestartet. Uns war klar, dass es einige hochverdächtige Athleten gibt und wir hatten einige Firmen von Papa Massata Diack aufgedeckt. Aber die WADA hätte weder die E-Mails noch irgendwelche SMS ermitteln können. Herr Hajo Seppelt (ARD-Dopingjournalist, Anm. d. Red.) hat darüber hinaus die Summen der Zahlungen aufgedeckt, das freut mich. Die Kritik fand ich persönlich nicht fair.

Wer etwas aufbauen will, braucht Geld. Wie steht es um das Budget des Departement intelligence and investigations?

Younger: Das genaue Budget wird noch verhandelt. Ich starte vorerst mit zwei dreiköpfigen Ermittlerteams, die aus einem Ermittler, einem Analyst und einem Koordinator bestehen. Eine Mannschaft sitzt in Montreal, die anderen in Lausanne. Mir ist es so lieber, wenn wir mit 20 oder 30 Mitarbeitern anfangen würden und keiner wüsste so genau, was er machen soll, wäre es auch nicht vorteilhaft. So kann ich im Kleinen etwas aufbauen, das Schritt für Schritt wachsen kann.

Interview: Mathias Müller

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