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Marathonläufer Amanal Petros über Egoismus der Menschen: „Warum helfen wir uns nicht?“

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Von: Nico-Marius Schmitz, Günter Klein

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„Ich fühle mich fit“: Amanal Petros greift in München nach der EM-Medaille.
„Ich fühle mich fit“: Amanal Petros greift in München nach der EM-Medaille. © imago

Amanal Petros kommt mit 16 aus Äthiopien nach Deutschland. Der Marathonläufer über die Bundesrepublik, Kinder in Kenia und seine Familie in Tigray.

München - Amanal Petros wird 1995 in Eritrea geboren, wächst ohne Vater auf. Als zweijähriger Junge flüchtet er mit seiner Mutter in ein kleines Dorf nach Tigray, Äthiopien. Petros arbeitet auf Feldern, bis er mit 16 beschließt, erneut zu fliehen. Alleine, nach Deutschland. Petros landet in einer Unterkunft für Asylbewerber in Bielefeld, macht seinen Realschulabschluss und beantwortet beim Einbürgerungstest 30 von 33 Fragen richtig. Parallel entdeckt er seine Leidenschaft fürs Laufen. Unter Trainerlegende Tono Kirschbaum entwickelt sich Petros zum schnellsten deutschen Marathonläufer aller Zeiten, nimmt 2021 an den Olympischen Spielen teil. Vor der EM in München (das Marathon-Finale der Männer startet am Montag, 11:30) spricht Petros mit unserer Zeitung über schlaflose Nächte, Cola für Kinder in Kenia und den Egoismus der Menschen.

Amanal Petros, zurzeit Sind Sie für ein Höhentrainingslager in Kenia. Sie reisen erst kurz vor dem Wettkampf nach München. Ist das nicht riskant?

Wir trainieren hier auf 2300 Metern Höhe. Wir laufen 210 bis 220 Kilometer pro Woche. Das ist eine riesengroße Herausforderung. Aber ich bin eine Person, die direkt aus der Höhe zu einem Wettkampf fliegen kann. Ich mag das. Mein Körper ist daran gewöhnt. Wenn ich schon zwei Wochen vor dem Wettkampf wieder in Deutschland bin, komme ich nicht gut damit zurecht.

In Tokio liefen Sie lange an der Spitze, brachen dann aber ein. Welche Taktik haben Sie sich für München überlegt?

München möchte ich klug angehen. Ich werde nicht wieder sofort vorne mitlaufen wie bei Olympia. Da wollte ich mich einfach mal mit den Topstars zeigen. Zeigen, dass ich mithalten kann. Das war eine wertvolle Erfahrung, die mehr Selbstvertrauen gegeben hat. In München sehe ich mich erst mal im mittleren Feld. Aber natürlich auch nicht zu weit hinten. Wenn mir das Tempo zu langsam ist, werde ich nach vorne gehen und angreifen.

Also ist eine Medaille das Ziel?

Als ich noch die 5000 und 10 000 Meter gelaufen bin, hatten wir jeden Monat einen Wettkampf. Jetzt zwei Mal im Jahr. Da weiß man nicht immer, wo man gerade im Vergleich steht. Mit meiner Bestzeit bin ich der Drittbeste, der in München an den Start geht. Aber ich fühle mich fit. Natürlich gehe ich an die Startlinie, um gewinnen zu wollen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie immer für ihre Familie gewinnen wollen.

Das ist eine enorme Belastung. Ich weiß einfach nicht, wie es ihnen in Tigray geht. Es gibt keinen Strom, du kannst also keinen anrufen, Briefe kommen auch nicht an. An Internet ist nicht zu denken, du kannst keine Autos benutzen. Eigentlich ist alles zerstört. Ich bewundere die Menschen dort, die trotzdem noch weiter kämpfen. Obwohl ihnen alles genommen wird. Die Gedanken daran belasten mich jeden Tag. Das kostet mich viel Kraft. Ich versuche so viel zu trainieren, damit ich müde werde. Dann kann man auch mal ein bisschen schlafen.

Wann haben Sie das letzte Mal von Ihrer Mutter und Ihrer Schwester gehört?

Man kann nichts machen. Kein Geld schicken. Man ist da hilflos. Zwei Jahre, vier Monate und neun Tage hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihnen. Ich zähle jeden Tag. Ich bin ein positiver Mensch. Meinem fröhlichen Gesicht sieht man den Schmerz vielleicht nicht immer an. Ich will das Beste für mich, meinen Beruf, mein Leben. Aber sobald ich mal einen Moment habe, über all das nachzudenken, ist das einfach hart.

Der Krieg in der Ukraine macht es Ihnen vermutlich noch schwieriger, alles mal auszublenden.

Ich denke nicht nur an meine Region. Es geht nicht nur um meine Heimat. Ukraine, Palästina, Afghanistan ... Es geht darum, dass wir alle gemeinsam für einander da sein müssen. Ich würde gerne ein Beispiel erzählen.

Gerne.

Als das mit Corona angefangen hat, war das ultra schwer für uns. Wenn wir gehört haben, dass einer Corona hat, sind wir manchmal weggerannt. Wir haben drei Masken übereinander getragen. Bei uns war ein Flüchtling aus Afghanistan, der ziemlich früh Corona hatte. Aber keiner wollte ihm helfen, nicht mal die Ärzte. Er wurde einfach nicht behandelt. Er lag zwei Tage alleine zu Hause. Irgendwann ist er dann rausgegangen, zum Einkaufen. Was hätte er machen sollen? Vermutlich hat er dann auch andere Leute angesteckt. Aber, wenn wir ihm geholfen hätten, wäre das nicht passiert. Wir denken zu oft nur an uns. Wir denken: Uns geht es gut, also ist alles gut. Ich habe meine Familie, ich habe mein Auto, ich habe mein Haus. Mir doch egal, was da draußen passiert. Wenn ich nichts zum Essen habe, wenn ich Hunger habe, ist es doch klar, dass ich am nächsten Tag zu dir komme und bitte: Lass uns teilen. Warum können wir uns nicht von Anfang helfen? Wir sind egoistisch. Dabei haben wir genug, um andere Leute zu unterstützen.

Sie selbst gehen in Kenia mit gutem Beispiel voran und unterstützen soziale Projekte für Kinder.

Ich bin nicht ultra reich. Ich verdiene Geld für mich und mein Leben. Ich brauche kein Haus oder Auto. Ich habe genug zum Essen. Ich habe eine Wohnung, in der ich gemütlich schlafen kann. Ich habe eine Krankenversicherung, damit ich krank sein kann. Ich kann die Kinder in Kenia mit 100 Schilling (82 Cent) glücklich machen. Ich kann sie damit zum Lachen bringen. Ich kann ihnen für einen kurzen Moment Hoffnung geben. Für einen Euro. Dafür kann ich einen Fußball kaufen, mit dem sie einen Jahr spielen. In unserem Dorf damals hatten wir auch nichts. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie glücklich es mich gemacht hat, wenn wir mal was geschenkt bekommen haben. Mein Trainer hat hier Bonbons gekauft und sie unter den Kindern verteilt. Sie waren so glücklich.

Wie wichtig ist Trainer Tono Kirschbaum für Sie?

Er ist für mich wie ein Vater. Tono hat mich aufgenommen, mir den Weg geebnet. Er ist ein sehr strenger Trainer. Aber sobald das Training rum ist, wird er sympathisch (lacht).

Was waren Ihre Gedanken, als sie mit 16 nach Deutschland geflohen sind?

Ich habe an eine bessere Zukunft für mich geglaubt. Ich wollte ein besserer Mensch sein, viele Sachen erreichen. Ich hatte keinen Grund, nach hinten zu schauen. Ich habe hier alles bekommen, was ich gebraucht habe. Meine Betreuer haben mir mit der Wohnung geholfen, sie haben mich in die Schule gebracht. Ich konnte nette Mädchen kennenlernen, Freunde finden. Die Demokratie in Deutschland, diese Freiheit hier, hat mich stark gemacht.

Wurde Ihnen das Ankommen in Deutschland einfach gemacht?

Der Verein hat mich aufgenommen, als wäre ich ihr Sohn. Ich hatte einfach Glück. Ich musste hier keine schlimmen Erfahrungen mit Rassismus machen. Ich denke aber auch, ich war sympathisch von Anfang an bis jetzt (lächelt). Ich weiß aber natürlich auch, dass es Rassismus überall gibt. Vor allem auf den sozialen Medien liest man das schnell.

Trifft Sie das persönlich?

Ich war zwei, oder drei mal schon in der Tagesschau. Da wird dann natürlich erwähnt „Er kam als Flüchtling...“. Im Kommentarbereich siehst du dann schon einige Menschen, die unangenehme Dinge schreiben. Aber ich versuche, nicht darauf zu achten. Ich gebe auch keine Antwort, egal was sie schreiben. Ich bin Deutscher, Deutschland hat mein Leben verändert. Ich bin selbstständig. Wenn Leute solche Sachen schreiben, stört mich das nicht. Ich weiß genau, sie schreiben das, weil sie mich nicht kennen. Sie hören nur das Wort „Flüchtling“. Meinen Hintergrund, wer ich bin, was ich erreicht habe, wissen sie nicht.

Kommen wir auf München zurück. Haben Sie sich schon ausgemalt, wie der Lauf für sie sein wird?

Ich habe so viele Freunde in München, die auf der Strecke auf mich warten. Ich werde mir etwas in die Ohren stecken müssen, damit mein Kopf nicht explodiert (lacht). Es wird der Wahnsinn sein, ich freue mich unglaublich. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sehr ich mich auf München freue.

Interview: Günter Klein und Nico-Marius Schmitz

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